Prozess in Deutschland

15. März 2011 14:30; Akt: 15.03.2011 15:00 Print

Kinderschänder verkaufte Stieftochter

von Norbert Demuth, dapd - Weil er seine Stieftochter mehr als 200 Mal sexuell missbrauchte und diese auch an andere Täter vermittelte, steht ein 61-Jähriger vor Gericht. Dies, nachdem er einen Suizidversuch unternommen hat.

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«Er weiß inzwischen, dass er schlimmste Verbrechen begangen hat», sagte sein Pflichtverteidiger. (Bild: Keystone)

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Eigentlich sollte der Prozess gegen den mutmasslichen Kinderschänder Hans-Peter R. aus Rastatt schon vor zwei Wochen beginnen. Doch der Angeklagte entzog sich zunächst seinem Richter, indem er in der Nacht zum 28. Februar in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Offenburg einen Selbstmordversuch beging. Nachdem er sich offenbar mit einem Einwegrasierer die Pulsadern an der linken Hand aufgeschnitten hatte, war er zunächst nicht verhandlungsfähig. Am Dienstag konnte nun vor dem Landgericht Baden-Baden das Verfahren gegen den Mann, der innerhalb eines Rings von vermeintlichen Kindermodel-Fotografen als Haupttäter gilt, beginnen.

Dem Angeklagten, der am Montag 61 Jahre alt wurde, wird schwerer sexueller Missbrauch von Kindern und auch «Menschenhandel zum Zwecke sexueller Ausbeutung» vorgeworfen. Der freie Fotograf soll seit Anfang 2008 seine damals neunjährige Stieftochter mehr als 200 Mal sexuell missbraucht und auch an andere Täter verkauft haben. Der Missbrauch umfasste laut Anklage unter anderem Oral-, Anal- und Vaginalverkehr. Dem in Indonesien geborenen Mädchen habe er gedroht, es wieder in sein Heimatland zurückzuschicken, wenn es nicht gefügig sei.

In Jeans und einem leuchtend blauem Pulli betrat der graubärtige Angeklagte den Gerichtssaal. Bei sich trug er einen weissen Plastikbeutel, aus dem er mehrere Schriftstücke holte und neben sich auf den Stuhl legte. Während der halbstündigen Anklageverlesung schien er immer mehr in sich zusammenzusacken. Er blickte nur nach unten, am Ende legte er nachdenklich den Zeigefinger auf seinen Mund. «Er weiss inzwischen, dass er schlimmste Verbrechen begangen hat», sagte sein Pflichtverteidiger Hans-Werner Dünnweber in einer Verhandlungspause.

Sexueller Missbrauch im Engelskostüm

Bilder der Taten - bei denen er der Kleinen einmal ein Engelskostüm und ein anderes Mal Netzstrümpfe anzog - soll der 61-Jährige auf Internetseiten vermeintlicher Modelagenturen veröffentlicht haben. Daraufhin meldeten sich laut Anklage auch andere «Fotografen», um das Mädchen fotografieren und missbrauchen zu können. Dies geschah in angeblichen «Fotostudios» des Angeklagten in Rastatt.

Für den Missbrauch seiner Stieftochter habe der in «beengten finanziellen Verhältnissen» lebende Angeklagte jeweils bis zu 300 Euro verlangt. Dem 61-Jährigen - dessen Alter bislang von der Staatsanwaltschaft mit 59 Jahren angegeben worden war - wird zudem sexueller Missbrauch von zwei weiteren Mädchen vorgeworfen.

Vor der Vernehmung des Angeklagten wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Pflichtverteidiger Dünnweber kündigte aber an, dass sein Mandant ein Geständnis ablegen werde. Der 61-Jährige werde «den Sachverhalt einräumen» und «die Taten im Wesentlichen gestehen», sagte Dünnweber der Nachrichtenagentur dapd. Durch ein Geständnis bliebe der Stieftochter, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, eine Aussage vor Gericht erspart.

Fünf Sitzungstage sind bis 31. März angesetzt. Dem mutmasslichen Kinderschänder drohen bis zu 15 Jahre Haft. Ein 38-jähriger Komplize des Mannes - ein einstiger Beamter der Arbeitsagentur in Erfurt - wurde bereits am vergangenen Donnerstag vom Landgericht Baden-Baden verurteilt. Er erhielt vier Jahre und drei Monate Haft.