24. Oktober 2007 10:00; Akt: 31.10.2007 15:11 Print

Kirche auf Wanderschaft

Die romanische Emmaus-Kirche von Heuersdorf stand 750 Jahre lang im Dorf. Jetzt ist das über 800 Tonnen schwere Gotteshaus unterwegs zu seinem neuen Standort im Nachbardorf Borna.

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Dieser Transport dürfte zu den aufwendigsten aller Zeiten gehören. Die rund 750 Jahre alte Emmaus-Kirche im südlich von Leipzig gelegenen Heuersdorf wird ins zwölf Kilometer entfernte Borna gebracht - und zwar in einem Stück. Das Gotteshaus muss - wie das gesamte Örtchen Heuersdorf - der Braunkohle weichen. Jahrelang setzten sich die Heuersdorfer gegen die Mitteldeutsche Braunkohlegesellschaft (Mibrag) zur Wehr. Das Unternehmen will die bis zu 50 Millionen Tonnen Braunkohle unter Heuersdorf abbauen. Nachdem der grösste Teil der Dörfler inzwischen umgezogen ist, wird nun die Emmaus-Kirche umgesetzt. Zu Ostern 2007 wurde der letzte Gottesdienst abgehalten, anschliessend begannen die Vorarbeiten für den Transport. Dabei stellte man fest, dass sich das Mauerwerk der kleinen Kirche in einem so schlechten Zustand befand, dass mit Betoneinspritzungen die Stabilität erst wieder hergestellt werden musste. Das erstmals 1297 urkundlich erwähnte Gotteshaus aus unbearbeiteten Feldsteinen ist eine der ältesten so genannten Wehrkirchen in Sachsen. Das Gebäude ist fast 20 Meter hoch, 14,5 Meter lang und knapp neun Meter breit. Sein Gewicht beträgt etwa 750 Tonnen. Damit die Kirche, die mit einem Spezialgerüst aus Stahl ummantelt wurde, nach Borna transportiert werden kann, wurde sie mit so genannten Kletterpressen zunächst angehoben. Anschliessend platzierten die Spezialisten eine so genannte selbstfahrende Transporteinheit mit 40 Achsen unter dem Bauwerk und setzen die Kirche darauf ab. Wenn sich der monumentale «Umzugswagen» schliesslich in Bewegung setzt, wird er im Durchschnitt eine Geschwindigkeit von etwa zwei Kilometern pro Stunde erreichen. Mehr als 54.000 Kubikmeter Erdreich wurden bewegt, um für den Transport tragfähige Untergründe zu schaffen.

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Die Kirche des kleinen Ortes Heuersdorf südlich von Leipzig muss dem Braunkohle-Tagebau weichen. Sie ist ein halbes Jahr für ihre Reise vorbereitet worden. Das 1297 erstmals erwähnte, denkmalgeschützte Bauwerk wurde auf ein Betonfundament gestellt. Am 22. Oktober wurde die Kirche in einem Stück mit Kletterpressen 1,6 Meter angehoben und auf zwei 32 Meter lange Spezialfahrzeuge verladen.

Transport mit 2km/h

Der insgesamt etwa 1000 Tonnen schwere Transport führt über zwei Flüsse sowie Bahngleise und kostet rund drei Millionen Euro. 200 Bäume entlang der Route mussten gefällt werden. Ab Donnerstag reist die Kirche mit 2 Kilometern pro Stunde ins 12 Kilometer entfernte Borna, wo sie am 31. Oktober einen neuen Standort beziehen wird. Das Gotteshaus wird danach renoviert.

Tod eines Dorfes

Auch die 59 Einwohner von Heuersdorf müssen übrigens umziehen, sie werden in verschiedene andere Ortschaften in der Region umgesiedelt. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit hatte der Sächsische Verfassungsgerichtshof im November 2005 entschieden, dass die mehr als 700 Jahre alte Gemeinde den Kohlebaggern des Tagebaus Vereinigtes Schleenhain der Mitteldeutschen Braunkohlegesellschaft mbH (Mibrag) weichen muss.

Unter Heuersdorf lagern rund 52 Millionen Tonnen Braunkohle. Die benötigt das Unternehmen, um den jährlichen Bedarf des Kraftwerks Lippendorf von zehn Millionen Tonnen Kohle weiter decken zu können.