Waldleben

22. Januar 2009 16:08; Akt: 22.01.2009 16:40 Print

Kuscheln im Laubgraben

von Amir Mustedanagic - Wie überlebt man im Wald? «Ganz einfach», sagt Jürgen Wagner alias «Öff! Öff!». 20 Minuten Online hat den Unterholzexperten aufgestöbert und sich über Überlebensstrategien, Körperhygiene, Würmer, Insekten und andere Leckerbissen schlau gemacht.

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Der 45-jährige Jürgen Wagner gab vor 18 Jahren seinen geregelten Alltag auf und verschrieb sich alternativen Lebensformen. Anfangs lebte der Deutsche, der einer breiten TV-Öffentlichkeit als Möchtegern-SF-Pfahlbauer-Berater Öff! Öff! bekannt ist, mit Frau und Kind im Wald. Sie ernährten sich von Würmern, Insekten und allem was die Natur hergab. Inzwischen ist Wagner alleine unterwegs. Von der Bolliger «Waldfrau» hat er bis jetzt noch nichts gehört.

20 Minuten Online: Herr Wagner, wie überlebt man im Wald?

Jürgen Wagner: Wichtig ist ein geeigneter Unterschlupf. Dabei gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten. Ich selbst habe mir eine Jurte gebaut und Decken darüber gelegt. Ein natürliches Dickicht ist aber eine gute Alternative. Es schützt vor Schnee und Wind. Zudem ist es auch ein guter Schutz vor Waldtieren. Die meiden Menschen zwar, aber sicher ist sicher.

Klingt nach einer sehr nasskalten Angelegenheit?

Das schwierigste an einem guten Unterschlupf ist es tatsächlich, ein dichtes Dach hinzukriegen. Planen und Plastikteile sind dabei eine wertvolle Hilfe. Grossblättrige Pflanzen sind in unseren Breitengraden ja rar.

Was tut man gegen die Kälte?

Gegen die Kälte helfen warme Kleider und ein Schlafsack. Hat man dies nicht zur Verfügung, ist auch Erdwärme eine Option. Man sucht sich einen Graben und füllt ihn mit Laub, wenn man sich da reinkuschelt, wirkt das wie eine Isolationsschicht. Feuer ist nicht unbedingt notwendig, vor allem wenn man unbemerkt bleiben will. Ich selbst habe die vergangenen zwei Winter ohne Feuer draussen übernachtet.

Und wo haben Sie sich diesen Winter ins Laub gekuschelt?

Diesen Winter haben mir Freunde einen Platz in einem beheizten Keller offeriert – ist um einiges angenehmer.

Was ist das Schwierigste am Leben im Wald?

Abgesehen von einem dichten Dach sicherlich das Beschaffen von Nahrung und Kleidung. Die Suche danach erfordert einem alles ab. Vor allem für den Winter wäre es wichtig Vorräte anzulegen. Äpfel und Nüsse eignen sich ziemlich gut. Birgt aber wiederum die Gefahr, dass auch Waldtiere da ran wollen.

Die kann man ja dann gleich mit in die Speisekammer legen.

Natürlich kann man auch Jagen. Ich aber gehe eher ab und zu in den nächsten Ort und schaue die Container von Lebensmittelläden durch. Das «Containering» ist aber auch sonst eine weitverbreitete Methode und man kann ziemlich gut damit überleben. Man könnte aber auch Waldbeeren sammeln, sie verkaufen und mit dem Geld Lebensmittel kaufen.

Und im Wald isst man nur, was man kennt?

Wäre anzuraten. Sollte man nicht genügend Sachen kennen, ist es wichtig vorsichtig vorzugehen. Am besten man riecht, schmeckt und berührt die Pflanzen. Meist erkennt man dabei bereits, ob sie geniessbar oder ungeniessbar sind. Wenn man sich für den Verzehr entscheidet, sollte man erst einmal eine verschwindend geringe Menge davon essen und acht Stunden warten. Passiert nichts, isst man am Besten etwas mehr und wartet wieder, so tastet man sich dann langsam heran, bis man sicher ist, dass die Pflanze einem nicht schadet.

Wie sieht es mit Hygiene aus?

Waschen kann man sich normalerweise auch im Wald. Es gibt immer einen Fluss, eine Quelle oder sonst was. Im Winter lässt man das eher sein – verständlicherweise. Das ist aber kaum eine Gesundheitsgefährdung.

Wie lange kann man so leben?

Es gibt keine Beschränkungen – ich lebe seit 18 Jahren im Wald, in Kellern oder unter Treppen.

Sind Sie dafür nicht langsam zu alt?

Das Alter spielt keine Rolle solange man den Freiheitsdrang verspürt. In der Jugend ist der Abenteuerdrang einfach stärker, aber solange man von Gebrechen verschont bleibt, steht einem nichts im Weg für ein alternatives Leben.

Ist das nicht tierisch langweilig, im Wald?

Doch sicher, vor allem alleine. Deshalb predige ich das Leben in Naturform aber mit dem Nutzen modernster Kommunikation – schliesslich haben Sie mich jetzt auch auf dem Mobiltelefon erreicht. Damit kann man sich mit Gleichgesinnten unterhalten und sie auch «anlocken». Ideal wäre es sowieso, wenn man zu zweit oder dritt unterwegs wäre, dann kann man sich besser helfen.

Wollen Sie nicht zurück in einen «normalen» Alltag?

Das bürgerliche Leben hat durchaus seinen Reiz und ich bin mir sicher, dass ich mich problemlos wieder integrieren könnte. Ich bin aber der Überzeugung, dass man den Menschen nicht von der Natur trennen kann und das sollte man auch nicht. Wir brauchen alternative Lebensformen als Option, es sollte jedem freistehen, so zu leben, wie er will.