Exotisches Gastrokonzept

07. Juni 2011 16:28; Akt: 07.06.2011 17:42 Print

Lass uns zum Nordkoreaner gehen!

Mit staatlichen Restaurants im Ausland versucht Kim Jong-il seine maroden Staatsfinanzen aufzubessern. Sie locken mit tanzender Bedienung, Hundesuppe und Natur-Aphrodisiaka.

Tanzdarbietung des Personals im Pyongyang-Restaurant in Shanghai. Ältere chinesische Gäste fühlen sich an die 1950er-Jahre unter Mao Tse-tung erinnert. (Video: Youtube/Shinpath)
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Dem nordkoreanischen Führer Kim Jong-il wird gelegentlich Realitätsverlust und irrationales Gebaren vorgeworfen. Zu Unrecht: Was die Schwächen und Stärken seines Landes anbelangt, sieht er völlig klar. Nordkorea ist arm und braucht dringend ausländische Devisen. Gleichzeitig übt dieses stalinistische Überbleibsel aus dem Kalten Krieg eine morbide Faszination auf den Westen aus. Leider trauen sich nur hartgesottene Bizarr-Touristen tatsächlich ins Land. Kommen sie nicht nach Nordkorea, kommt Nordkorea eben zu ihnen, muss sich Kim Jong-il gedacht haben. Und so geschah es auch.

Nordkorea betreibt im Ausland staatliche Restaurants namens «Pjöngjang», benannt nach seiner Hauptstadt. Früher vor allem in Russland und China zu finden, hat die Kette inzwischen in klassenfeindliche Territorien wie Thailand, Indonesien, Kambodscha und Dubai expandiert. Die Eröffnung des ersten Ablegers in Europa (Amsterdam) steht offenbar unmittelbar bevor.

Die bereits existierende Website bringt den Reiz des Etablissements treffend auf den Punkt: «Wer das Pjöngjang-Restaurant betritt, betritt eine andere Welt. Gäste werden von einer Dame in nordkoreanischer Tracht willkommen geheissen und betreten nordkoreanischen Boden in Amsterdam.»

Aufreizende Schönheiten und Potenzmittel

Das amerikanische Online-Magazin «Slate», das dem Restaurant in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh im vergangenen Jahr einen Besuch abstattete, war durchwegs positiv überrascht. Im Unterschied zum verarmten Nordkorea ist das Essen frisch und die Portionen sind reichlich, wenn auch etwas teuer. Auf der Speisekarte finden sich koreanische Klassiker wie das Reisgericht «Bibimbap» oder fermentiertes Gemüse «Kimchi» in verschiedenen Variationen. Wer es gerne etwas exotischer hat, kann die Hundesuppe versuchen. Das Merchandising ist professionell: Nach dem Essen können gegen harte Dollar nordkoreanische Spezialitäten erworben werden, darunter Ginsengwein und ein Natur-Aphrodisiakum auf Bärenbasis.

Neben diesen Köstlichkeiten stellen perfekt choreografierte Tanz- und Gesangseinlagen des weiblichen Personals eine weitere Attraktion dar. Vor dem Hintergrund monumentaler Landschaftsgemälde erinnern sie entfernt an die Massenaufmärsche in der Heimat. Positiv hervorzuheben ist, dass bei der Raumgestaltung auf die üblichen überlebensgrossen Portraits des «geliebten Führers» verzichtet wird. Die trotzdem etwas steif anmutende Atmosphäre wird regelmässig von betrunkenen südkoreanischen Geschäftsleuten aufgelockert, die sich durch den dicken Karaokekatalog arbeiten, schreibt «Slate».

Vater Staat sieht alles

Wie so oft bei erheiternden Geschichten aus dem Reich Kim Jong-ils hat auch diese ihre dunklen Seiten. So sollen die Restaurants auch der Geldwäscherei von Gewinnen aus zwielichtigen Auslandgeschäften dienen, schreibt Bertil Lintner in seinem Buch «Grosser Führer, geliebter Führer: Die Entmystifizierung Nordkoreas unter dem Kim-Clan». In unmittelbarer Nähe der Restaurants sollen Agenten stationiert sein, die jede Bewegung des Personals ausserhalb des Restaurants observieren. Ein Fluchtversuch oder schlechte Umsätze können die sofortige Rückführung des gesamten Personals nach Nordkorea nach sich ziehen.

Waren Sie schon einmal in einem Pjöngjang-Restaurant? Schreiben Sie uns.

(kri)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kipkoech am 07.06.2011 18:21 Report Diesen Beitrag melden

    Blocher war in Nord-Korea!!

    Nordkorea ist mehr als mysteriös - Christoph Blocher war z.B. dort, aber er ist so eingeschüchtert, dass er niemandem ein paar Fotos zerigen will.

  • Inderbitz Kälin am 07.06.2011 23:14 Report Diesen Beitrag melden

    AB NACH SCHWWEIZ

    jaja were auch intressiert ? wann wird es in zürich aufgemacht?

  • Claudio Thaler am 07.06.2011 23:03 Report Diesen Beitrag melden

    Habe eines in Vientiane in Laos besucht

    Ich war in Vientiane in Laos in so einem Restaurant. Eine der Damen in Nordkoreanischer Tracht hat fuer mich I did it my way von Frank Sinatra gesungen. Dazu gab es auf dem Fernseher der Karaokemaschine Bilder von Nordkoreanischen Landschaften. Besonders "passend" waren Aufnahmen von an der Sonne trocknenden Fischen. Das muss man sich mal vorstellen. Man bekommt Lieder des Klassenfeindes zur Unterhaltung vorgesungen. Besoffene Suedkoreaner waren auch da. War ganz lustig. Tanzeinlagen gab es damals leider keine.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Christian S am 08.06.2011 01:16 Report Diesen Beitrag melden

    Ich kann mich Beherrschen und werde

    Niemals in ein solchel Restaurant gehen da trete ich lieber in den Hungerstreik

  • Inderbitz Kälin am 07.06.2011 23:14 Report Diesen Beitrag melden

    AB NACH SCHWWEIZ

    jaja were auch intressiert ? wann wird es in zürich aufgemacht?

  • Claudio Thaler am 07.06.2011 23:03 Report Diesen Beitrag melden

    Habe eines in Vientiane in Laos besucht

    Ich war in Vientiane in Laos in so einem Restaurant. Eine der Damen in Nordkoreanischer Tracht hat fuer mich I did it my way von Frank Sinatra gesungen. Dazu gab es auf dem Fernseher der Karaokemaschine Bilder von Nordkoreanischen Landschaften. Besonders "passend" waren Aufnahmen von an der Sonne trocknenden Fischen. Das muss man sich mal vorstellen. Man bekommt Lieder des Klassenfeindes zur Unterhaltung vorgesungen. Besoffene Suedkoreaner waren auch da. War ganz lustig. Tanzeinlagen gab es damals leider keine.

  • Kain Musterkind am 07.06.2011 21:46 Report Diesen Beitrag melden

    Klingt interessant

    Da will ich auch mal hin.

  • Peter Löffel am 07.06.2011 19:50 Report Diesen Beitrag melden

    Bären- und Hundespeisen

    ...das Aphrodisiakum auf Bärenbasis stammt aus der Galle der Bären, von sogenannten Bärenfarmen. Die Bären leben alle noch und haben in ihren artgerechten, 1,5 quadratmeter grossen, heimeligen Käfigen ein zartes Gummischläuchlein das aus dem Körper ragt, woraus jede Woche die Galle abgezapft wird... Hach, wie süss...

    • Christian am 07.06.2011 20:43 Report Diesen Beitrag melden

      Bären- und Hundespeisen

      Danke für den zynisch, sarkastischen Kommentar, dieser spricht mir aus ganzem Herzen. So viel Ignoranz und Unmenschlichkeit schmerzt und es ist unfassbar, dass es Menschen gibt, die solche Angebote nutzen.

    • manfred zürcher am 07.06.2011 22:29 Report Diesen Beitrag melden

      mhhh

      tönt appetitlich...

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