Jagd auf Chaoten

27. August 2011 10:01; Akt: 27.08.2011 10:01 Print

Lebenslänglich zum Hooligan verurteilt

von Amir Mustedanagic - Eine Erfolgsquote von über 60 Prozent: Die Fahndung nach Hooligens via Internet funktioniert bestens. Doch sie ist alles andere als unproblematisch, denn: Das Web vergisst nie.

Sieben erschreckende Minuten: Das Video der Stadtpolizei Zürich von den Ausschreitungen am 11. Mai vor dem Spiel zwischen dem FCZ und dem FCB. Publiziert, um zu demonstrieren, mit was die Polizei es teilweise zu tun hat, wie es bei der Stapo heisst.
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Die Stadtpolizei Zürich hat Anfang Woche Fotos von 16 Chaoten veröffentlicht. Was ihnen vorgeworfen wird, zeigt ein schockierendes Video aus dem Gästesektor des Letzigrund, das zwei Tage später veröffentlicht wurde: Vermummte prügeln auf den Stadionsicherheitsdienst ein, bewerfen die Securities mit Eisenbarrikaden, Mülltonnen und Sitzen. Die Bilder sind von einer Brutalität, welche die Schweiz noch nie gesehen hat.

Warum werden aus dieser Horde nur 16 Chaoten herausgezogen und zur Fahndung ausgeschrieben? Warum wird die Identität der anderen Randalierer mit einer Verpixelung geschützt? Warum zeigt die Polizei nicht die Gesichter des gesamten Mobs? Die Antwort ist einfach: Die Polizei darf die Bilder von Tatverdächtigen erst veröffentlichen, wenn «alle polizeilichen Mittel» erschöpft sind.

Es lockt eine hohe Erfolgsquote

Diese Mittel sind — auch wenn sie zeitaufwendig sind — ziemlich bescheiden. Die Polizei hat drei Möglichkeiten, Chaoten zu identifizieren: Sie kann schweizweit ihre Szenekenner konsultieren; bei den nächsten Spielen nach Tatverdächtigen Ausschau halten; oder sie kann die Fanszene um Hilfe bitten. Klappt es mit der Identifizierung trotzdem nicht, können die Polizeikorps Fotos von Tatverdächtigen ins Internet stellen.

Einmal im Netz, sind die mutmasslichen Chaoten schnell identifiziert. In den vergangenen Jahren wurden in Bern, Basel, Luzern und St. Gallen von rund 60 online gestellten Verdächtigen 39 innerhalb weniger Tage identifiziert. In Zürich konnte die Polizei seit Montag 11 der 16 Chaoten identifizieren.

Seit Anfang Jahr tiefere Hürden

Angesichts dieser hohen Erfolgsquote von rund 60 Prozent überrascht es nicht, dass immer mehr Polizeikorps diesen Weg gehen. Die neue Strafprozessordnung stützt den Trend: War es bisher in den meisten Kantonen nur bei «schweren Verbrechen» möglich die Öffentlichkeit um Mithilfe zu bitten, gelten seit dem 1. Januar 2011 tiefere Hürden.

Dennoch birgt die öffentliche Fahndung Probleme: So dürfen nur Bilder veröffentlicht werden, wenn den Personen eine Tat eindeutig nachgewiesen werden kann. Zudem müssen die Tatverdächtigen auf den Bildern «gut erkennbar» sein, um Verwechslungen zu vermeiden. Die Stadtpolizei Zürich hat zwar eindeutige Aufnahmen von Vermummten, die Barrikaden auf Sicherheitsleute werfen. Den Chaoten ein Gesicht zuzuordnen, war indes nicht möglich; sie sind nur von hinten zu sehen und in Hooligan-Uniform kaum von einander zu unterscheiden.

Es stellen sich auch staatsrechtliche Fragen, zum Beispiel zur Unschuldsvermutung: «Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung sucht man Verdächtige – nicht Täter», so Medienanwalt Georg Gremmelspacher. «Die Publikation der Fotos stellt die Tatverdächtigen so dar, als ob es kaum Zweifel an deren Taten gäbe. Das ist problematisch.» Kommt hinzu, dass die Polizei nicht garantieren kann, dass die Bilder je wieder gelöscht werden können. Wer einmal auf Google ist, bleibt auf Google, wie Gremmelspacher sagt: «Das Internet vergisst nie.»

Polizei garantiert nicht für definitives Entfernen

Ein gutes Beispiel dafür sind die Fahndungsbilder der 17 Hooligans, welche die Staatsanwaltschaft Basel wegen Ausschreitungen am 20. November 2009 beim Spiel zwischen dem FC Basel und dem FC Zürich veröffentlichte: Obwohl elf der Tatverdächtigen identifiziert werden konnten, sind die Bilder der Gesuchten noch immer im Internet zu finden. Die Staatsanwaltschaft hat die Bilder nach der Identifizierung auf Flickr zwar entfernt, sie recherchiert aber nicht, ob die Bilder auf anderen Foto-Seiten weiterhin zugänglich sind.

Eine Problematik, der sich die Staatsanwaltschaft Basel durchaus bewusst ist. «Wir können nicht dafür sorgen, dass die Bilder überall im Internet gelöscht werden. Das ist unmöglich», sagt Markus Melzl von der Basler Strafuntersuchungsbehörde.

Die Veröffentlichung der Bilder im Internet entspricht demzufolge nicht nur einer Vorverurteilung – sie nimmt den Tatverdächtigen auch das Recht auf Vergessen. Den 16 von der Staatsanwalt Zürich ausgeschriebenen Hooligans werden Landfriedensbruch, Sachbeschädigung, Diebstahldelikte und einigen auch Körperverletzung vorgeworfen. Bei einer Verurteilung drohen einem Teil maximal fünf Jahre Gefängnis. Nach Absitzen der Strafe hätten sie das Recht auf einen Neuanfang. Einmal im Netz verschwinden ihre Fahndungsbilder aber unter Umständen auch nach 20 Jahren nicht.

Für immer Verdächtiger

Wird ein Tatverdächtiger freigesprochen, trifft es ihn noch härter: Sein Bild könnte für immer im Zusammenhang mit Randalen bleiben. Für den Medienjuristen Gremmelspacher ist deshalb klar: «Er bleibt damit für immer ein Verdächtiger.»

Um die Auswirkungen auf die Zukunft der meist jungen Tatverdächtigen vorauszusehen, braucht man keine Glaskugel: Sollte einer der Verdächtigen Jahre später wegen der Bilder keinen Job erhalten, hat er keine Chance, die Verantwortlichen – die Untersuchungsbehörden – zur Rechenschaft zu ziehen. «Er müsste den Zusammenhang zwischen dem Aufschalten der Bilder und der Job-Absage beweisen können», sagt Gremmelspacher.

«Na und?», mag sich mancher angesichts der Szenen vom 11. Mai fragen – wer auf Sicherheitsleute einprügelt, hat es nicht anders verdient. Die Chaoten stellen nicht nur echte Fans in ein schlchtes Licht, sie ziehen auch jene in Mitleidenschaft, die versuchen, zu schlichten – und all jene, die von den Chaoten geschlagen werden oder im Extrazug zwischen die Fronten geraten.

Fahndung oder Pranger, das ist hier die Frage?

Dennoch: Die Veröffentlichung von Fahndungsfotos im Internet entspricht wohl mehr einem Pranger, denn einer Fahndung. Er wird die vermummten Chaoten kaum fernhalten, sondern eher jene Fans, die beim Anblick solcher Polizeivideos sowieso bereits am Spass im Stadion zweifeln.

Die Frage ist: Wollen wir den Internetpranger? Diskutieren Sie mit!

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • P.L. am 28.08.2011 13:27 Report Diesen Beitrag melden

    Unverhältnissmässigkeit!

    Bilder mit Leuten, welche an einem Fussballspiel negativ aufgefallen sind werden unzensiert veröffentlicht, aber bei Vergewaltigern, Mördern usw. gibt es einen schwarzen Balken oder ein verpixeltes Bild. Ich schliesse daraus, das Morden und Vergewaltigen also weniger schlimm ist als an einem Fussballspiel zu randalieren?Schöne heuchlerische Gesellschaft seit Ihr!

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  • Beat Meier am 27.08.2011 14:38 Report Diesen Beitrag melden

    Selber Schuld

    Wenn ich mich anständig benehme, habe ich in den meisten fällen nichts zu befürchten. Im zweifel für den Angeklagten. Ich würde für diese Chaoten ein Schloss bauen mit einmaligem Eintritt, dort können sie sich gegenseitig die Hucke voll hauen, so lange sie wollen. Ausgangstür gibt es leider nicht bei diesem Schloss, so ein pech.

  • Milan am 28.08.2011 08:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lösung

    Schafft endlich den Fussball ab und Ruhe herrscht!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Thomas am 29.08.2011 22:43 Report Diesen Beitrag melden

    Lernen aus den Fehlern

    Wer seinen Fehler einsieht hat ja die Möglichkeit sich zu stellen. Dessen Foto wird nicht ins Internet gestellt. Wer zu seinen Fehler steht hat gelernt und wir diese nicht nochmals machen. Wer nicht dazu steht soll es bereuen.

    • SogeannterChaot? am 30.08.2011 16:36 Report Diesen Beitrag melden

      Verhältnismässigkeit wo?

      das wäre ja, als wenn die Polizei die Meldung macht, alle jene die schon einmal 140 km/h anstatt 120 km/h auf der Autobahn gefahren sind, sollen sich freiwillig zur Bussen-Verteilung melden. Also ich (und wohl auch sie) würden sich todsicher nicht auf einer Polizeistation wiederfinden. Für mich ist die Internet-Fahndung nur i.O., wenn ein gewisser Tatbestand eindeutig nachgewiesen werden kann. Und Randale ist für mich kein solcher Tatbestand und steht ausser jedem Verhältnis!

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  • Bruno am 29.08.2011 18:21 Report Diesen Beitrag melden

    Opfer vergessen auch nicht

    Manche Opfer von solchen Gewalttätern können auch nie vergessen, warum solls ein recht des Täters sein, dass alles vergessen wird? Auf sich selber passen sie ja immer auf, nur auf andere nicht. Sollen sie im Internet bleiben, sie werden ja sonst kaum bestraft.

    • Muerte am 29.08.2011 20:43 Report Diesen Beitrag melden

      Täter?

      Es geht nicht um das Recht des Täters, es geht um das Recht von Menschen, die noch nicht als Täter von einem Gericht verurteilt sind. Wir leben schliesslich nach wie vor in einem Rechtsstaat ...

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  • tommy am 29.08.2011 17:12 Report Diesen Beitrag melden

    vergessen

    Das Internet vergisst zwar nicht, aber die Menschen. Wenn das in den nächsten paar Jahren entdeckt wird, haben es die Hools verdient. Und in 15 Jahren wenn man langsam genug gebüsst hat, schaut doch niemand mehr nach. Es schaut doch kein Personalchef 2020 noch alle Hooligan fotos von 2011 an und die Namen werden ja nicht veröffentlicht.

  • Vendetta am 29.08.2011 14:14 Report Diesen Beitrag melden

    Tragik

    Die "Täter" müssen zur rechenschaft gezogen werden, aber es ist nicht ganz okay, wenn diese auf diese weise an den Pranger gestellt werden. Es ist interessant, dass es so viel Applaus dazu gibt. Da es im normal Fall so ist, dass wenn ein Bekannter oder Verwandter an den Pranger gestellt wird, die Sache ganz anders aussieht..

  • R.M. am 29.08.2011 13:34 Report Diesen Beitrag melden

    Abschaffen!

    Fussballspiele sind PRIVATE Verantstaltungen. Wenn ich eine bewilligte Party organisiere die in einem Polizei-Einsatz endet, muss ich 1. für den Schaden aufkommen und 2. werde ich nie wieder eine Bewilligung erhalten. Wenn nicht Wochenende für Wochenende die halbe Bereitschaftspolizei der Schweiz bei den Fussballspielen absorbiert würde, gäbs auch keinen Personalengpass mehr in den Polizeikorps. Es werden zudem unnötig Steuergelder verheizt für Anlässe, an die sich der normale Bürger schon gar nicht mehr hingetraut. Die Klubs sollen 100% der Kosten zahlen müssen!