Hunger in Amerika

08. Oktober 2014 23:47; Akt: 09.10.2014 02:57 Print

Lehrer gibt seinen Schülern Essen mit heim

Bananenrepublik USA: Damit die Kinder am Wochenende etwas zu essen haben, gibt ein Lehrer in New Mexiko seinen Primarschülern Nahrungsmittel für zwei Tage mit.

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Primarlehrer Marvin Callahan in Albuquerque gibt seinen armen Schülern am Freitag Esswaren mit, damit sie das Wochenende gut überstehen. (Bild: Screenshot KRQE News)

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Nirgendwo in den USA leiden Kinder so oft unter Hunger wie in New Mexico. Der arme Gliedstaat im Südwesten der USA, wo Walter White von «Breaking Bad» seine blauen Drogenkristalle züchtete, hat einen hohen Anteil von Armen und Obdachlosen – und die Kinder leiden darunter am meisten.

Marvin Callahan, seit 21 Jahren Primarschullehrer in der Hauptstadt Albuquerque, hat zu viele hungrige Kinder gesehen. «Ich schaue meinen Kids in die Augen, und ich sehe die Traurigkeit und die Erwartung und die Not, nicht leistungsfähig, stark und unternehmungslustig zu sein», sagte Callahan zur «Huffington Post». Als Erstes fragt Callahan am Morgen seine Erstklässler, ob sie hungrig seien. Wenn sie ja sagen, schickt er sie in die Cafeteria oder gibt ihnen einen Snack aus seinem Wandkasten, den er auf eigene Kosten füllt.

Essen fürs Wochenende

Manchmal sei der Lunch in der Schulkantine die letzte Mahlzeit für diese Kids, sagt Callahan. Besonders habe ihn geschmerzt, diese bitterarmen Kinder am Freitag ins Wochenende zu schicken. Deshalb begann er vor zwei Jahren damit, den betroffenen Primarschülern zwei Frühstücke, zwei Lunches und zwei Dinners mit auf den Weg zu geben, damit sie am Montag gut genährt wieder in der Schule erscheinen.

Inzwischen hat sich das Programm gut eingespielt. Es wird von einer Schulberaterin geleitet und hilft jede Woche 37 Kids, über das Weekend zu kommen. Den Schülerinnen und Schülern werden Frühstücksriegel in den Rucksack gelegt, Haferflocken, Makkaroni mit Käse, «Beefaroni» (mit Teigwaren und Käse überbackenes Hackfleisch) und Scheiben von Truthahnbrust.

Zeichen für Hunger generell?

«Es war nicht einfach», sagt Callahan zur «Huffington Post» über die Anfangszeit des Programms. Doch seither seien regelmässige Spenden von Mitgliedern der Gemeinschaft und von örtlichen Organisationen eingegangen.

Progressive Organisationen nehmen Programme wie das in Albuquerque als Beweis dafür, dass in den USA generell Hunger herrsche. Thinkprogress.org, das über Callahan berichtete, wiederholte die Behauptung, dass eines von fünf Kindern in den USA in einem Haushalt mit «Essen-Unsicherheit» lebe. Solche Statistiken dienen dann zum Anlass, Hilfsprogramme wie Essensmarken auszubauen.

Essensmarken boomen

Essensmarken sehen heute wie Kreditkarten aus und können zum Kauf von Esswaren in jedem Laden eingesetzt werden. Dieses inzwischen «Supplemental Nutrition Assistance Program» (Snap) genannte Programm wurde nach der Wirtschaftskrise drastisch ausgeweitet: Von 2009 bis 2013 stieg die Zahl der teilnehmenden Haushalte um 51,3 Prozent auf 23’000’000 oder rund 20 Prozent aller amerikanischen Haushalte.

Kritiker wie William Benson Huber in der «New York Post» wenden jedoch ein, dass «food insecurity» nicht dasselbe sei wie Hunger. In der Erhebung des Landwirtschaftsministeriums werde bloss gefragt, ob «irgendwann in einem Kalenderjahr Kinder a) nicht essen konnten, was sie wollten, b) nicht so viel von etwas essen konnten, wie sie wollten, c) billiger essen mussten oder d) Angst hatten, dass das Essen ausgehen könnte.» Auf all diese Fragen antworteten 14 Prozent mindestens einmal mit Ja.

Daraus lasse sich nicht ableiten, dass jedes siebte Kind in den USA hungere, sagt Huber. Zu viele Kalorien und Mangelernährung seien das grosse Problem. Dennoch gibt es Fälle von Hunger. Callahans Schulbezirk hat sicher einige davon. Weshalb sich die Kids mit den Esswaren im Rucksack glücklich schätzen können.

Bericht im Lokalfernsehen:

(Quelle: KRQE News)

(sut)