Zugunglück

01. Februar 2011 14:16; Akt: 01.02.2011 14:17 Print

Lokführer verhinderte weitere Opfer

Dank der Schnellbremsung des Lokführers des Personenzugs gab es bei dem Zugunfall in Sachsen-Anhalt nicht noch mehr Opfer. Schuld am Unfall ist offenbar der Lokführer des Güterzuges.

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Ohne die vom Lokführer des Personenzugs eingeleitete Schnellbremsung hätte es wahrscheinlich noch mehr Opfer gegeben, berichtete die «Bild»-Zeitung unter Berufung auf einen Bericht des Bundesverkehrsministeriums an den Verkehrsausschuss des Bundestags. Daraus geht ausserdem hervor, dass der Fahrer des Güterzuges, der mit dem Harz-Elbe-Express (HEX) zusammengestossen war, offenbar zwei Signale überfahren hatte. Bei dem Unfall in der Nähe von Hordorf waren am Samstagabend zehn Menschen ums Leben gekommen.

Unter den Opfern ist auch der HEX-Lokführer. Dem Bericht an den Verkehrsausschuss zufolge ergab die Vorauswertung des Fahrtenschreibers «Bild» zufolge, dass der 35-Jährige noch eine Schnellbremsung eingeleitet und den Personenzug von rund 98 Kilometer pro Stunde auf etwa 66 Kilometer beim Zusammenstoss abgebremst habe. Bei dem Zusammenprall war der Personenzug von den Gleisen geschleudert worden. Dabei waren auch 23 Reisende verletzt worden, ein Teil von ihnen schwer.

Unglücksstrecke wieder freigegeben

Die Strecke war nicht mit einem Sicherheitssystem ausgestattet, das die Züge automatisch stoppt, wenn sie ein Haltesignal überfahren. Dieses System war für die Bahnlinie Magdeburg-Halberstadt erst ab März geplant. Die Unglücksstrecke ist nach Angaben der Bundespolizei seit Montagabend für den Bahnverkehr wieder freigegeben worden.

Weiter heisst es «Bild» zufolge im Bericht an den Verkehrsausschuss, der Lokführer des Güterzuges habe zwei Signale ignoriert: «Der Güterzug passierte aber sowohl das Einfahrtsvorsignal in der Stellung 'Halt erwarten' sowie das anschliessende Halt zeigende Hauptsignal B, ohne diese zu beachten, und hat die für die Zugfahrt des HEX 80876 eingestellte Weiche aufgefahren.» Über Funk habe der Güterzugführer vom Fahrdienstleiter im Stellwerk Hordorf sogar noch einen Nothaltauftrag erhalten. Unklar sei noch, ob er darauf reagiert habe.

Warten auf den Fahrtenschreiber

Sowohl das Eisenbahnbundesamt als auch die Staatsanwaltschaft Magdeburg konnten dies auf dapd-Anfrage bestätigen. Die Untersuchungen seien noch nicht abgeschlossen, hiess es. Man warte weiter auf die Auswertung der Fahrtenschreiber.

Deutsche-Bahn-Chef Rüdiger Grube hat unterdessen die Ausrüstung aller eingleisigen Strecken in Deutschland mit dem Sicherheitssystem PZB angekündigt. Zu diesem Schritt habe sich die Bahn am Montag entschieden und bereits eine Untersuchung aller kritischen Bahnstrecken in Auftrag gegeben, sagte Grube am Montagabend. Insbesondere im Osten Deutschlands gebe es noch viele eingleisige Strecken.

Hermann wirft Bahn Versäumnisse vor

Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Winfried Hermann (Grüne), moniert derweil Versäumnisse beim Netzbetreiber Bahn: «Es ist ein unerträglicher Zustand, dass in den neuen Bundesländern notwendige Sicherheitssysteme nicht nur auf Neben-, sondern auch auf Hauptstrecken fehlen», sagte er. Der Unfall vom Wochenende offenbart nach Hermanns Bewertung eine Investitionslücke. «Die Bahn investiert einfach nicht ausreichend in den Bestand. Sie verliert sich in Grossprojekten.»

Nach Hermanns Informationen fehlt es an PZB-Systemen unter anderem auf Teilabschnitten der Bahnstrecken Erfurt-Nordhausen, Dresden-Cottbus, Halle-Eilenburg, Gera-Leipzig und Lübeck-Stettin. Die PZB löst eine Zwangsbremsung aus, wenn ein Zug über ein Haltesignal fährt. Hermann: «Die Strecken müssen schnell nachgerüstet werden: Die Bahn muss jetzt ein Konzept mit einem klaren Zeitplan vorlegen.»

Seit 2008 rüstet der Bahnnetz-Betreiber DB Netz bereits nach - auch Verbindungen mit Höchstgeschwindigkeiten unterhalb von 100 Stundenkilometern. Bis 2012 soll dies nach Konzernabgaben abgeschlossen sein.

Auch Frank Schmidt, Chef der Lokführergewerkschaft GDL in Nordrhein-Westfalen, kritisierte das fehlende Sicherheitssystem auf der Unglücksstrecke: «Wir reden über Prestigeobjekte wie 'Stuttgart 21' und haben noch Strecken, die an Dampflokzeiten erinnern.»

(ap)