Hauseinsturz in Marseille

07. November 2018 14:57; Akt: 07.11.2018 16:02 Print

«Die Leute sind wegen nichts gestorben»

In Marseille sind mehrere Gebäude eingestürzt, mindestens sechs Menschen starben. Derweil wurde Empörung über die Behörden laut, die vom schlechten Zustand der Gebäude wussten.

Mitten in der Innenstadt von Marseille: Zwei baufällige Wohnhäuser begraben zehn Menschen unter sich. (Video: Tamedia/AFP)
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Zwei Tage nach dem Einsturz von drei baufälligen Wohnhäusern in Marseille ist die Zahl der Toten auf sechs gestiegen. Die Rettungskräfte bargen am Mittwoch zwei weitere Leichen aus den Trümmern, wie Staatsanwalt Xavier Tarabeux sagte.

Die Bergungsarbeiten wurden durch anhaltende Regenfälle beeinträchtigt. Zudem fürchtet die Feuerwehr einen «Domino-Effekt», der weitere Häuser der Strasse zum Einsturz bringen könnte. Viele der rund hundert in Sicherheit gebrachten Anwohner können deshalb vorerst nicht in ihre Wohnungen zurückkehren.

Die Behörden gehen davon aus, dass bis zu acht Menschen unter den Trümmern verschüttet wurden. An der Unglücksstelle in der Nähe des Alten Hafens von Marseille waren 80 Feuerwehrleute und 120 Polizisten mit Suchhunden im Einsatz. Innenminister Castaner sagte bei seinem Besuch, er sei «wenig optimistisch», dass noch Überlebende gefunden würden, da es kaum Chancen auf Hohlräume in den Trümmern gebe.

Mitten in Marseille stürzen zwei Häuser ein

Bei den Toten handelt es sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft um Bewohner und offenbar auch Besucher eines Hauses in dem ärmlichen Viertel nahe des Alten Hafens im Zentrum von Marseille. Dort lebten bis zu dem Einsturz am Montag neun Parteien. Die beiden angrenzenden Gebäude, die ebenfalls wie Kartenhäuser in sich zusammenfielen, galten als marode und standen deshalb leer.

«Die Leute sind wegen nichts gestorben»

Anwohner kritisieren die Stadtverwaltung, die vom schlechten Zustand der Häuser gewusst habe. «Das ist die Hölle hier», sagte ein Anwohner. Im Rathaus seien die Zustände in der Gegend bekannt, es werde aber nichts getan: «Die Leute sind wegen nichts und wieder nichts gestorben.» Die Stadtverwaltung trage «zu hundert Prozent Schuld» an dem Häusereinsturz.

Eine andere Anwohnerin klagte, die Häuser in der Strasse seien «voller Kakerlaken», auf den Dächern liege Müll herum, die Wasserleitungen seien undicht. In Marseille hausen nach einem Gutachten von 2015 rund 100'000 Menschen in Unterkünften, die ihre Gesundheit oder sogar ihre Sicherheit gefährden. Deshalb wurde nach dem Einsturz massive Kritik an Bürgermeister Jean-Claude Gaudin laut.

Die Stadtverwaltung sieht das Unglück dagegen im Zusammenhang mit Unwettern: «Dieser dramatische Unfall könnte durch die schweren Regenfälle verursacht sein, die sich in den vergangenen Tagen über Marseille ergossen haben», liess der Bürgermeister erklären.

Die Verwaltung liess rund hundert Menschen in Sicherheit bringen, die in den angrenzenden Gebäude wohnten. Seit 2011 gibt es im Zentrum von Marseille umfangreiche Sanierungsarbeiten, die aber immer wieder ins Stocken geraten sind.

(nag/chk/sda)