28. April 2005 07:12; Akt: 28.04.2005 07:17 Print

Mordfall: Den Löwen zum Frass vorgeworfen

Die Knochen waren abgenagt, die Kleidung zerfetzt. Ein Schädel, ein Finger, ein Stück Stoff - das war alles, was von Nelson Chisale übrig blieb: der 41-jährige Südafrikaner wurde von Löwen zerrissen.

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Doch was zunächst wie ein Unfall aussah, entpuppte sich schnell als einer der spektakulärsten Mordfälle in der jüngeren Geschichte des Kap-Staates. Seit Monaten erregt er die Gemüter am Kap.

Der Grund liegt nicht nur in den grausigen Umständen der Tat, sondern auch der Hautfarbe und dem sozialen Status der Verdächtigen. Denn beim Opfer handelt es sich um einen schwarzen Farmarbeiter, bei einem der Verdächtigen um einen weissen Farmer. An Vorverurteilungen mangelt es daher nicht.

Schon Wochen vor der Urteilsverkündung, die für diesen Donnerstag erwartet wird, gab es Schuldzuweisungen. Der angeklagte Farmer machte es seinen Kritikern dabei durch sein trotziges Auftreten in der Öffentlichkeit leicht.

Gespannte Beziehungen

Doch was auf den ersten Blick wie eine abscheuliche Tat aus den Tagen des staatlich verordneten Rassismus ausschaut, präsentiert sich auf den zweiten Blick als weitaus komplexere Gemengelage. Elf Jahre nach dem Fall der Apartheid wirft der Fall vielmehr ein Schlaglicht auf die gespannten Beziehungen, die das Miteinander von Schwarz und Weiss auf dem flachen Land auch heute noch prägen.

Nach dem, was als unbestritten gilt, war der ehemalige Arbeiter Chisale auf die Farm seines früheren Arbeitgebers gekommen. Er wollte persönliche Dinge abholen, geriet dabei aber mit zwei anderen Farmarbeitern in Streit; sie banden ihn an einen Baum und misshandelten ihn mit Macheten.

Auseinander geht die Darstellung dann bei der Kernfrage: dem Motiv wie auch der Zeit danach. Beide Arbeiter behaupten, auf Befehl des Farmers gehandelt zu haben. Der dagegen erklärte, er sei erst später an den Ort des Geschehens gekommen, als das Opfer tot war.

Politischer Sündenbock

Das Ganze sei eine Angelegenheit seiner Arbeiter gewesen, in die er sich nicht habe einmischen wollen. Nur wegen der Drohungen eines ebenfalls dazu gestossenen Gemeindevorstehers habe er geholfen, die Leiche zu beseitigen. Bis heute unklar ist jedoch, ob das Opfer schon tot war, als es dann über den Zaun einer Löwen- Aufzuchtstation geworfen wurde.

Während die Anklagevertreterin das als unerheblich ansieht und allen drei Beteiligten Mittäterschaft vorhält, sieht das die Verteidigung des Farmers anders. Sie äusserte den Verdacht, ihr Mandant solle als politisch wohlfeiler Sündenbock geopfert werden.

Doch unabhängig vom Urteil des Gerichts: Die Art und Weise, wie Farmer und Arbeiter auf die Folter des Opfers reagierten, offenbart die Brutalität einer Gesellschaft, die lange Zeit nur die Sprache der Gewalt kannte. Für einen der Angeklagten scheint das Urteil bereits gesprochen. Er liegt im Krankenhaus - nach offiziell unbestätigten Berichten hat er sich mit dem Aids-Virus infiziert.

(sda)