Hassbrief an Eltern

22. August 2013 05:26; Akt: 22.08.2013 08:41 Print

Nachbarin will Sterbehilfe für autistischen Bub

In Kanada sorgt ein anonymer Brief an die Familie eines autistischen Kindes für Aufsehen. Darin beleidigt eine Nachbarin den Jungen aufs Übelste und will ihn in «einen Container im Wald» stecken.

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Seit seinem zweiten Lebensjahr muss Max (l.) mit der Diagnose Autismus leben. Jetzt hat ein anonymer Hassbrief seine Familie schockiert. (Bild: Screenshot City News)

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Familie Begley lebt in der Nähe von Toronto, Kanada. Aufopfernd kümmern sich Grossmutter Brenda, Vater Jim und Mutter Karla um den 13-jährigen autistischen Maxwell. Doch nun schlägt ihnen aus der Nachbarschaft blanker Hass entgegen: Die Familie hat einen feindseligen Brief einer anonymen Anwohnerin erhalten.

Die Begleys sollten «wegziehen oder endlich Sterbehilfe leisten», heisst es in dem Schreiben. Der Lärm, den der autistische Max mache, wenn er draussen sei, sei «fürchterlich!». Schreiende Babys, Musik oder das Gebell von Hunden «sind normale Geräusche in einer Wohnsiedlung. Aber er ist es nicht!»

«Kein Mädchen wird ihn je lieben»

Der Bub sei eine Behinderung für jeden. Niemand würde Max jemals eine Arbeit geben, und «kein Mädchen wird ihn je lieben oder heiraten». Die Begleys sollten allen im Quartier einen grossen Gefallen tun und wegziehen. «Hauen Sie ab! Leben Sie besser in einem Container im Wald!» Unterzeichnet war der Brief mit «eine angepisste Nachbarin».

Die Familie zeigt sich verstört und traurig über das Schreiben. Mutter Karla bricht im Lokalfernsehen in Tränen aus und erklärt, es mache sie krank, dass jemand so über ihren Sohn rede, ohne ihn jemals kennengelernt zu haben. Vater Jim hat angesichts des geballten Hasses Angst um die Sicherheit seines Sohnes. Er hat Anzeige gegen die anonyme Briefschreiberin erstattet. Ein Sprecher der Polizei erklärte, man werde die Ermittlungen sehr ernst nehmen und prüfen, ob der Tatbestand der Volksverhetzung gegeben ist.

Mühe mit Sprechen

Seit dem zweiten Lebensjahr muss Maxwell mit der Diagnose Autismus leben. Er kennt das Alphabet und kann an einem Computer schreiben. Auch ein paar Wörter kann er sagen und wenn man ihn verstanden hat, quittiert er dies nach Angaben der Familie mit einem Lächeln.

«Er hat die Sätze im Kopf, aber grosse Schwierigkeiten, diese auszusprechen», erzählt Grossmutter Brenda Millson der Zeitung «Toronto Star». «Aber diesen Sommer hat er Fortschritte gemacht und mehr Wörter formuliert.»

Dass der Junge wie jedes andere Kind im Freien auch mal lauter werden kann, weiss auch Millson. «Natürlich macht er auch schon mal Lärm, aber das ist normalerweise ein Ausdruck seiner Freude.»

Max'«Freudentanz»

In der Nachbarschaft hat der Hassbrief eine Welle der Solidarität ausgelöst. Eine engagierte Nachbarin, die gegenüber von Millson lebt, hat zusammen mit einem Freund sämtliche Quartierbewohner genauer unter die Lupe genommen und diese über den abscheulichen Brief in Kenntnis gesetzt. Dabei habe sie auch die Körpersprache geprüft.

«Die Leute waren erschüttert, eine Frau ist gleich in Tränen ausgebrochen», sagt sie dem «Toronto Star». Eine verdächtige Person sei ihr hingegen nicht aufgefallen. «Wenn wir die Urheberin des Schreibens finden, rufen wir gleich die Polizei. Wir sind keine Bürgerwehr, die selbst darüber richten will.»

Als sie hörte, dass eine TV-Crew die Begleys besuchen würde, rief sie auf Facebook zu einem spontanen Protest gegen den Hassbrief auf. Über 120 Menschen versammelten sich daraufhin vor dem Haus der Begleys. Als Max mit seinem Vater das Haus verliess, jubelten die Menschen den beiden zu. Max bedankte sich auf seine Weise – mit seinem kleinen «Freudentanz».

Urheberin des Briefes zur Rechenschaft ziehen

Die Mutter von Max hofft jetzt, dass sich alles doch noch zum Guten wenden wird. «Eltern von autistischen Kindern bekommen keine Hilfe. Die Regierung greift Familien nur dann unter die Arme, wenn das Kind noch klein ist.» Sobald die Kinder ins Teenager-Alter kämen, glaubten viele, dass Behinderte keine Hilfe mehr bräuchten. «Aber auch dann braucht man Unterstützung, vielleicht sogar mehr als je zuvor.»

Für die ganze Familie wäre es eine Erleichterung, wenn die Urheberin des Schreibens zur Rechenschaft gezogen würde. «Wenn sie keine andersartigen Menschen mögen, dann sollten sie besser wegziehen und als Einsiedler leben», enerviert sie sich. «Das Leben ist voller unerwarteter Dinge, das macht es ja gerade interessant. Dies sage ich meinem Mann jeden Tag.»

(bee/gux)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Markus W. am 22.08.2013 10:19 Report Diesen Beitrag melden

    wer definiert normal?

    tja, in unserer standartisierten Welt haben Menschen die nicht dem Normalbild entsprechen einen schweren Stand - traurig aber wahr. Jeder der hier auf die Schwangerschaftstests hinweist sollte lieber ruhig sein, es ist die Entscheidung der Eltern ob sie ein Kind möchten auch wenn es eine Behinderung haben könnte! Wir hatten damals diese Tests bewusst nicht gemacht obwohl es in den Augen der Ärzten eine Risikoschwangerschaft war. Menschen mit Behinderungen sind auch Menschen und oft sogar liebenswerter als die sogenannten Normalos!

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  • Dave A. am 22.08.2013 10:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die natürliche Selektion...

    ...findet heutzutage - glücklicherweise - kaum noch statt. Hasserfüllte Phrasen wie genannte haben in einer Zeit, in der den meisten vom einfachen Schnupfen über offene Brücke bis zu Geisteskrankheit geholfen werden kann, einfach keinen Platz. Vielen fällt es schwer, mit Behinderten umzugehen. Man kann in diesem Fall entweder an sich arbeiten, oder sie zumindest als Menschen akzeptieren. Den Lärm des einen Kindes zu akzeptieren, des anderen aber nicht(egal, worin der Unterschied liegt), sagt ziemlich viel über das Weltbild der Nachbarin aus. Da wäre ich lieber der Junge als sie...

  • Hrvat am 22.08.2013 11:17 Report Diesen Beitrag melden

    Hass

    Ach hab ich auch mal erlebt als ich umgezogen bin. In diesem Block wo ich hingezogen bin war ich nun der einzige Mensch mit einem ''ic'' im Familiennamen. Das hat einigen gar nicht gepasst und bekam auch Briefe mit dem Inhalt, Jugos hätten hier nichts zu suchen etc. Ich reagierte nie darauf. Einmal behauptete ein Nachbar, ich hätte Flaschen aus seinem Weinkeller gestohlen und hetzte die Polizei auf mich. Das geht seit 5 Jahren so und finde die ganzen Versuche mittlerweile amüsant :) Eine Familie ist sogar wegen mir ausgezogen weil sie ''Angst vor diesem kriminellen Jugo'' hätten.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • nele am 22.08.2013 13:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nun

    klingt für mich nach ner drohung.

  • --ic am 22.08.2013 13:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Intoleranz 

    Ich hab noch nie mehr Intoleranz erlebt als in der Schweiz.

  • Michel Mayer am 22.08.2013 12:26 Report Diesen Beitrag melden

    leider hat sie recht.

    SORRY. es mag extrem hart für die betroffene Mutter, die schon genug zu kämpfen hat, sein - aber die Nachbarin hat absolut recht mit jedem einzelnen Argument.

  • Hrvat am 22.08.2013 11:17 Report Diesen Beitrag melden

    Hass

    Ach hab ich auch mal erlebt als ich umgezogen bin. In diesem Block wo ich hingezogen bin war ich nun der einzige Mensch mit einem ''ic'' im Familiennamen. Das hat einigen gar nicht gepasst und bekam auch Briefe mit dem Inhalt, Jugos hätten hier nichts zu suchen etc. Ich reagierte nie darauf. Einmal behauptete ein Nachbar, ich hätte Flaschen aus seinem Weinkeller gestohlen und hetzte die Polizei auf mich. Das geht seit 5 Jahren so und finde die ganzen Versuche mittlerweile amüsant :) Eine Familie ist sogar wegen mir ausgezogen weil sie ''Angst vor diesem kriminellen Jugo'' hätten.

    • slowy am 22.08.2013 12:24 Report Diesen Beitrag melden

      hihi

      Wenn ich meine Lieblingspinguine zitieren darf: "Stur lächeln und winken" ;P

    • ff am 22.08.2013 13:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      mich auch

      Mir geht es auch so brate :)

    • Clever & Smart am 22.08.2013 16:20 Report Diesen Beitrag melden

      Sofort ausziehen

      Hrvat, du wohnst eindeutig im falschen Block. Bis vor 8 Jahren habe ich auch in diversen Blöcken gewohnt. Wir waren untereinander immer sehr freundlich und hilfsbereit, egal mit welchen Buchstaben der Name geendet hat. Such dir eine neue Wohnung wo es anständigere Leute hat. denn so macht das Wohnen erst richtig Spass ;-)

    • Hrvat am 22.08.2013 17:08 Report Diesen Beitrag melden

      Antwort

      @Clever & Smart. Ich arbeite halt in der Psychiatrie wesshalb mich so eine Verhaltensweise auch fasziniert und kalt lässt :) Wo anders wäre es mir zu langweilig und zu ruhig. Seit knapp 2-3 Jahre schliesse ich mit den Kollegen auch Wetten ab was als nächstes kommt ^^ Hoffe sehr das einer behauptet ich hätte seine Tochter belästigt, dann gewinne ich 200.- . Man muss es mit Humor nehmen. :)) Mittlerweile verstehe ich mich mit der Polizei auch ganz gut, so oft wie die zu mir geschickt worden sind.

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  • Fredy Pickel am 22.08.2013 11:07 Report Diesen Beitrag melden

    Intoleranz nimmt zu

    Solche Intoleranz ist leider auch in der Schweiz immer mehr verbreitet, auch wenn wir im Bezug auf Menschen mit einem Handicap soweit sind wie wohl wenig andere Länder auf der Welt. Aber egal ob Ausländer, Autofahrer, Vermögender oder Fussballfan, unsere Intoleranz nimmt erschreckende Formen an.