Der Mast machts aus

12. November 2013 18:02; Akt: 14.11.2013 08:52 Print

New York atmet auf: WTC ist das höchste Gebäude

von Martin Suter, New York - Der neue Turm auf Ground Zero erhält den Titel des höchsten Gebäudes von Amerika. Ein Expertengremium beurteilte seinen Mast als Teil des Baus.

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Ein negatives Verdikt wäre eine arge Schlappe für New York gewesen. Der nächstes Jahr bezugsbereite Wolkenkratzer One World Trade Center (WTC 1), einst Freedom Tower genannt, sollte mit 1776 Fuss so hoch werden wie die Jahreszahl der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Er war dazu bestimmt, mit 541 Metern das höchste Gebäude von Nord- und Südamerika zu werden.

Am Dienstag hätte den New Yorker Planern ein wenig bekanntes Expertengremium beinahe einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der in Chicago beheimatete Council on Tall Buildings and Urban Habitat (dt: Rat für hohe Gebäude und urbanes Habitat) musste darüber entscheiden, ob die 121 Meter hohe Spitze mit zur architektonischen Höhe zählen soll. Hätte das internationale, aus Architekten und Ingenieuren zusammengesetzte Gremium sie bloss als aufgesetzte Antenne eingestuft, wäre die offizielle Höhe von WTC 1 auf 420 Meter geschrumpft. Das prominente Bauwerk auf Ground Zero wäre dann niedriger als der Willis Tower in Chicago.

Angeber-Turmspitzen sind in Mode

Doch diese Gefahr ist jetzt gebannt. Die Entscheidung der Experten platziert den WTC 1-Turm auf der Rangliste der höchsten Gebäude der Welt auf Rang drei. Vor ihm liegen bloss der 828 Meter hohe Burdsch Khalifa in Dubai und das Makkah Royal Clock Tower Hotel in Saudi-Arabien mit 601 Metern.

Der Status der Turmspitze ist nicht nur für New York und sein von den Terroranschlägen vom 11. September 2001 beschädigtes Downtown von Bedeutung. Der Rat für hohe Gebäude fällte einen Richtungsentscheid, der auch für andere Wolkenkratzer wegleitend sein könnte. In letzter Zeit werden nämlich immer mehr sehr hohe Gebäude gebaut, vor allem in Asien und am Persischen Golf. Viele der Wolkenkratzer wetteifern um Höhen mit Hilfe von aufgesetzten Spitzen, die gar nicht von Menschen genutzt werden können. Zum Beispiel sind beim Burdsch Khalifa die oberen 30 Prozent eine leere Turmspitze.

Viele unter den rund 25 Mitgliedern des Rats für hohe Gebäude stehen dem Trend der Vanity Spires - der Angeber-Turmspitzen - kritisch gegenüber. «Was messen wir?», fragte Direktor Antony Wood im Interview mit dem NPR-Radio. «Wenn wir die Fähigkeit des Menschen messen, Material über dem Erdboden aufzubauen, dann sollte bloss das Material gelten, unabhängig von seiner Funktion. Oder messen wir die Fähigkeit des Menschen, Menschen auf eine Höhe über dem Erdboden zu bringen? Gilt das höchste benutzbare Stockwerk? Oder etwas dazwischen?»

Streit gab es schon früher

Eine ähnliche Kontroverse tobte schon Mitte der 1990er-Jahre, als der Rat für hohe Gebäude den Rang des welthöchsten Bauwerks an die - inzwischen längst überrundeten - Petronas-Zwillingstürme in Kuala Lumpur vergab. Deren Spitzen seien mit 452 Metern höher als das 442 Meter hohe oberste Stockwerk des Willis-Turms, beschied der Rat. Viele Bürger in Chicago verstanden nicht, warum nicht vielmehr entscheidend war, dass die benutzbaren Stockwerke im damals Sears Tower genannten Turm höher waren als jene der Petronas-Türme.

Für die Zweifel im Falle New Yorks spielte eine Rolle, dass sich das Design im Verlauf der über ein Jahrzehnt dauernden Bauzeit verändert hatte. Für den Turm auf dem obersten Stock des WTC 1 war ursprünglich eine weisse Verkleidung aus Fiberglas vorgesehen. Doch dann entschieden die Bauherren aus Kostengründen, auf diese geometrische Hülle zu verzichten. Jetzt gleicht die Turmspitze viel eher einer aufgesetzten Antenne.

Wichtig für WTC 1

Douglas Durst mochte gar nicht an eine Zurückstufung denken. Der Projektverantwortliche stellte vergangene Woche der Öffentlichkeit ein Musterstockwerk vor und behauptete, der Büroturm sei schon zu 55 Prozent vermietet. Er braucht die symbolträchtige Höhe weiterhin als Verkaufsargument. Zu Forbes sagte er: «Für mich ist die Turmspitze 1776 Fuss hoch, was auch immer gesagt wird. Und andere Gedanken kann ich hier nicht aussprechen.» (Video: Reuters)