«Bluthandys»

12. August 2010 22:59; Akt: 13.08.2010 16:19 Print

Nicht nur an Diamanten klebt Blut

von Peter Svensson, AP - Afrikanische Warlords verkaufen Diamanten, um Kriege zu finanzieren. Dies tun sie aber auch mit anderen Mineralien, die jeder von uns täglich braucht.

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Klebt an elektronischen Artikeln das Blut afrikanischer Arbeiter?

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Klebt an unseren Handys Blut? Haben wir mit dem Kauf unserer Mobiltelefone, Laptops und Digitalkameras Vergewaltigungen und Morde im heissen Herzen Afrikas unterstützt?

Denn nicht nur die sogenannten Blutdiamanten, wie sie der liberianische Expräsident Charles Taylor dem Topmodel Naomi Campbell verehrt haben soll, gehören zu den Konfliktmaterialien - auch Gold und Mineralien wie Tantal, Wolfram und Zinn.

Mineralien, die in fast allen elektronischen Geräte zu finden sind, die wir tagtäglich nutzen, und mit denen - wie mit Blutdiamanten - Kriege in Afrika finanziert wurden oder noch werden.

Der Osten Kongos ist reich an diesen seltenen Bodenschätzen. Ein neues Gesetz in den USA verlangt nun von Unternehmen einmal im Jahr einen Herkunftsnachweis. Sie müssen aufschlüsseln, ob sie eines der vier Konfliktmaterialien aus dem Kongo für ihre Produkte verwendet haben - und wenn ja, die Zuliefererkette «mit grösstmöglicher Genauigkeit» bis zur Ursprungsmine zurückverfolgen.

Neben dem Kongo sind neun benachbarte Staaten von dem Herkunftsnachweis betroffen. Schliesslich wird durch Schmuggel allzu oft versucht, das Ursprungsland der Rohstoffe zu verdunkeln. Wenn die Unternehmen belegen können, dass ihre Produkte keine Mineralien enthalten, deren Abbau direkt oder indirekt bewaffneten Gruppen in einem der zehn Länder zugute kommt, dürfen sie ihre Produkte mit dem Prädikat «konfliktfrei» versehen.


Arbeiter werden häufig ausgebeutet

Der Kongo ist zwar eine Schatzkammer voller Mineralien, aber die Produktion ist gemessen an anderen Ländern relativ gering. Meist werden die Rohstoffe noch per Hand abgebaut. Im Jahr 2008 stammten schätzungsweise nur fünf Prozent der weltweiten Zinnproduktion aus dem zentralafrikanischen Land. Der Anteil an der weltweiten Tantalerz-Produktion ist zwar höher, aber auch hier sind Brasilien und Australien die Marktführer. Dennoch ist der Mineralienabbau ein wichtiger Bestandteil der Wirtschaftstätigkeit im rohstoffreichen Osten.

Hier kontrollieren Rebellen vielerorts die Minen und bauen die Bodenschätze durch Ausbeutung der örtlichen Bevölkerung ab. Von dem erwirtschafteten Geld kaufen sie neue Waffen für immer neue Konflikte. «Die Konflikte sind keine Kämpfe um Rohstoffe,» sagte Laura Seay, eine Assistenzprofessorin für Politikwissenschaften am Morehouse College in Atlanta. «Die Mineralien werden nur genutzt, um die Kämpfe zu finanzieren.»

Ursache der Konflikte seien Landrechte und der Zustrom von Flüchtlingen und Milizionären aus dem benachbarten Ruanda, die unter dem Eindruck des Völkermords 1994 den Ost-Kongo überschwemmten. Seither sind in den immer wieder aufflammenden Konflikten rund fünf Millionen Menschen umgekommen, grösstenteils Zivilpersonen. Immer wieder kommt es zu systematischen Massenvergewaltigungen durch bewaffnete Gruppen.


Skepsis über Gesetz

Mit dem neuen Gesetz sollen die Finanzquellen der Rebellen ausgetrocknet werden. Kritiker bezweifeln allerdings, dass es die gewünschte Wirkung zeigt. Denn einen vollständigen Boykott wollen weder die Vereinten Nationen noch die USA, weil er die Probleme in dem instabilen Land noch verschärfen könnte. Bestraft würden durch einen Boykott auch die schätzungsweise eine Million Minenarbeiter, denen die Lebensgrundlage entzogen würde.

«Wir wollen nicht, dass sich die Käufer zurückziehen», betont Sasha Lezhnev, Berater der US-Organisation Enough Project, die gegen den Handel mit Konfliktmaterialien kämpft. «Sie sollen nur genau überprüfen, woher die Rohstoffe stammen und so zum positiven Wandel in der Region beitragen.» Vielerorts fehlt es allerdings an der nötigen Kontrolle durch die Regierung oder der Überwachungsprozess wird Mithilfe korrupter Beamter unterlaufen. Der kongolesische Informationsminister Lambert Mende sagte, die Regierung begrüsse das US-Gesetz. Dadurch werde das Land ermutigt, geeignete Überprüfungsmechanismen einzuführen.

Intel hat seine Tantalhütten bereits vor zwei Jahren von dem geplanten Gesetzentwurf in Kenntnis gesetzt. «Die Herkunftszertifikate werden nur geringfügige Kosten für die Zuliefererkette verursachen», sagte ein Sprecher. Das International Tin Research Institute (ITRI) befürchtet allerdings, dass die Zeit für viele US-Unternehmen knapp wird, wenn sie bereits ab kommendem Jahr die Herkunft der Rohstoffe nachweisen müssten. Derzeit arbeitet das ITRI an einem Pilotprojekt, um herauszufinden, inwieweit man die Herkunft der Mineralien bestimmen kann. «Es ist ganz offenkundig ein schwieriges Arbeitsumfeld», sagte Sprecherin Kay Nimmo. «Wir brauchen genügend Zeit, um ein System auszuklügeln. Andernfalls wird es auf eine Handelsblockade hinauslaufen.»