«O»

24. Januar 2011 17:14; Akt: 24.01.2011 17:35 Print

Obama-Roman wird verrissen

Das Rätsel um den anonymen Roman «O» lichtet sich langsam. Erste Rezensionen liegen vor: Sie sind überwiegend negativ.

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Am Dienstag kommt «O» in den USA in den Handel. Der «Schlüsselroman», der ein fiktives Szenario für den Wahlkampf 2012 von US-Präsident Barack Obama schildert, bewegt seit Wochen politikinteressierte Kreise Amerikas. Gerätselt wird vor allem über den Autor oder die Autorin, denn als Verfasser des Buches wird ein «Anonymous» genannt. Der Verlag Simon & Schuster behandelte den Roman lange wie ein Staatsgeheimnis.

Das hat sich geändert, nun wird «O» mit einer eigenen Website beworben, auch wurden Rezensionsexemplare an ausgewählte Journalisten versandt. Die PR-Offensive wird verständlich, wenn man die ersten Besprechungen liest. Während die Nachrichtenagentur AP von einer «angenehmen Lektüre für Polit-Junkies» sprach, war «USA Today» schon weniger nett: «O» sei «primär eine farblose Klatschgeschichte», heisst es im Titel.

«Banal, unplausibel und unlustig»

Dies ist natürlich eine Anspielung auf den Roman «Primary Colors» (auf Deutsch: Mit aller Macht), den der «Time»-Journalist Joe Klein 1996 ebenfalls unter dem Pseudonym «Anonymous» veröffentlicht hatte. Doch während die verschlüsselte Schilderung von Bill Clintons Präsidentschaftswahlkampf 1992 überwiegend als grosses Lesevergnügen gelobt wurde, wird «O» etwa von der «New York Times» als «durch und durch lustlose Darbietung» bezeichnet: «Banal, unplausibel und entschieden unlustig.»

Ob es an der Darstellung von Barack Obama liegt? Der Präsident wird laut dem «Guardian» von «Anonymous» zwar als leicht reizbar und verärgert über die seiner Ansicht nach unfaire Behandlung durch die Medien beschrieben. Auch rauche er immer noch. Insgesamt aber sei es eine «weitgehend wohlwollende» Schilderung. Öffentliches Fluchen und ein Seitenblick auf die Kurven einer jungen Frau scheinen schon der Gipfel des Skandalösen zu sein – kein Vergleich zu Bill Clintons Alter Ego Jack Stanton in «Primary Colors».

Im Raum mit Obama

Der Roman «O» bleibe ähnlich undurchschaubar wie der reale Obama, so der Tenor der meisten Rezensionen. Was die Frage aufwirft, wie gut der Autor oder die Autorin den Präsidenten wirklich kennt. In einem Schreiben betonen die Herausgeber, die Person sei «in einem Raum mit Obama gewesen» und kenne «seine Welt intim». Diese Qualifikation beschränke das Feld der Verdächtigen auf «mehrere Tausend Journalisten, Wahlkampfhelfer und andere», kommentierte die Rezensentin von «USA Today» bissig.

Der «Guardian» glaubt zumindest eine Spur entdeckt zu haben: Vertreter der «neuen Medien» wie Arianna Huffington, Gründerin der «Huffington Post» (im Buch unter dem Namen Bianca Stefani verewigt) und John Harris, Chef des Webportals «Politico», würden ziemlich unvorteilhaft geschildert. Dies lasse darauf schliessen, dass es sich um eine Person aus den «klassischen» Medien handle, so die britische Zeitung. Gut möglich, dass der Name irgendwann herauskommt, ähnlich wie es damals bei «Primary Colors» der Fall war. Angesichts der schlechten Kritiken wohl kaum ein vom Autor erwünschtes Szenario.

(pbl)