Gericht in New York

14. November 2018 04:24; Akt: 14.11.2018 04:42 Print

Paukenschlag im Prozess gegen «El Chapo»

Der mexikanische Drogenboss Joaquín Guzmán erklärte vor Gericht in New York, sein Kartell habe den amtierenden und letzten Präsidenten Mexikos bestochen.

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Joaquín Guzmán alias «El Chapo» (2. v. r.) muss sich seit dem 13. November in den USA unter anderem wegen Drogenschmuggels, Waffenhandels und Geldwäscherei verantworten. Ein Zeuge sagte vor Gericht aus, er habe Kokain in gefälschte Jalapeño-Dosen der Marke La Comadre einpacken lassen und bis zu 3000 Dosen pro Fahrt mit LKWs nach Los Angeles gebracht. Seinen Schätzungen zufolge kamen pro Jahr ungefähr 25 bis 30 Tonnen Kokain im Wert von bis zu 500 Millionen Dollar über die Grenze. Weiter berichteten Zeugen von Drogenschmuggel via Tunnels, die von der Stadt Tijuana in Mexiko nach Kalifornien führten. «El Chapo» habe seine drei Privatjets einmal im Monat nach Tijuana fliegen lassen, um den Ertrag aus dem Drogenverkauf abholen zu lassen. Jede Maschine habe rund zehn Millionen Dollar nach Sinaloa gebracht. Kronzeuge Juan Carlos Ramírez Abadia alias «Chupeta» schilderte am 29. November 2018, wie «El Chapo» die Behörden in Mexiko und den USA schmierte, «damit sie nicht ihre Arbeit machten». Im Lauf der Jahre soll der Kolumbianer über 400 Tonnen der Droge mit Hilfe von «El Chapo» nach Mexiko geschmuggelt haben. Ein weiterer Zeuge, Jesús Zambada García, sagte, «El Chapo» habe hin und wieder auch selber seine diamantenbesetzte Pistole mit seinen Initialen «JGL» in die Hand genommen, um Feinde zu töten. Bei den Verhandlungen wurde auch berichtet, dass das Sinaloa-Kartell pro Monat zehn bis zwölf Millionen Dollar pro Monat an Bestechungsgeldern für Polizisten, Politikern, Bankiers und Geschäftsleuten ausbezahlt habe. Zeuge Jesús Zambada erzählte, wie Guzmán ihm einmal auftrug, einen mexikanischen General mit 100'000 Dollar und einem freundlichen Schulterklopfen zu grüssen. Laut Anklage soll das mexikanische Sinaloa-Kartell unter der Führung von Joaquín Guzmán von 1989 bis 2014 unter anderem insgesamt 154'626 Kilogramm Kokain in die USA geschmuggelt haben. Eine Woche vor Prozessbeginn wurde ein Geschworenenkandidat von der Liste gestrichen – der Mann wollte ein Autogramm von «El Chapo». Die Ehefrau von Drogenbaron Joaquín Guzmán äusserte sich am 17. April 2018 zum Gesundheitszustand ihres Mannes. «Seit 15 Monaten darf ich ihn nicht sehen. Ich mache mir Sorgen um seine Gesundheit, weil ich weiss, dass er psychisch angeschlagen ist», sagte die ehemalige Schönheitskönigin in New York. Joaquín Guzmán leide an Gedächtnisschwund und Depressionen, sagt auch sein Anwalt. Dies aufgrund seiner Isolationshaft in einem Hochsicherheitsgefängnis in Manhattan (Bild: «El Chapo» bei seiner Auslieferung an die USA im Januar 2017). Daher forderte er eine psychologische Untersuchung seines Mandanten. Die Staatsanwaltschaft lehnte aber einen persönlichen Arztbesuch aus Sicherheitsgründen ab. (Bild: «El Chapo» bei seiner Auslieferung an die USA im Januar 2017) Er war der mächtigste Drogenboss der Welt: «El Chapo» wird in Mexiko-Stadt von mexikanischen Soldaten eskortiert. (8. Januar 2016) In diesem Flugzeug der mexikanischen Luftwaffe wurde Guzmán in die USA geflogen. (19. Januar 2017) Soldaten überwachten den Transfer am Flughafen von Ciudad Juárez. Chapo Guzmán im Hochsicherheitsgefängnis von Ciudad Juárez. Bei Guzmáns Verhaftung stürmt ein Kommando der mexikanischen Armee eine Wohnung in der Stadt Los Mochis, Sinaloa. (AP) Wieder hinter Gittern: Chapo Guzmán im Hochsicherheitsgefängnis Altiplano. (AP) Vor seiner Verhaftung hatte sich der Drogenboss auf eine Liebelei mit der in den USA lebenden mexikanischen Schauspielerin Kate del Castillo eingelassen. Die Nachrichten, die er mit ihr austauschte, sollen die Ermittler auf seine Spur gebracht haben. (AP/ Matt Sayles) Chapo Guzmáns Heimatort: Badiraguato im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa. (AP/Fernando Brito) Für einen Teil der mexikanischen Bevölkerung ist Chapo Guzmán ein Held – und allemal besser als die korrupte Kaste der Politiker. (AP/Rebecca Blackwell) Blick in den Fluchttunnel, durch den «El Chapo» 2015 aus dem Gefängnis ausgebrochen ist. Mexikos Generalstaatsanwältin Arely Gómez González (2.v.r.) schaute sich am Tag nach der Flucht den Eingang zum Fluchttunnel an.

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Mit einem Paukenschlag hat der US-Prozess gegen den mexikanischen Drogenboss «El Chapo» begonnen. Sein Anwalt erklärte am Dienstag, Guzmáns Sinola-Kartell habe den scheidenden mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto und dessen Vorgänger Felipe Calderón bestochen.

Sein Mandant, Joaquín «El Chapo» Guzmán, sei dafür jedoch nicht verantwortlich gewesen, sagte Strafverteidiger Jeffrey Lichtman vor dem Gericht in New York. Guzmán habe in Wirklichkeit keine Macht im Sinola-Kartell gehabt und «nichts kontrolliert». Der wahre Schuldige sei der flüchtige Drogenboss Ismael «El Mayo» Zambada, sagte Lichtman. Zambada habe das Kartell kontrolliert und zahlreiche Menschen bestochen – darunter die «Spitze, den derzeitigen Präsidenten Mexikos und den vorherigen». Mayo könne dafür sorgen, dass Menschen verhaftet würden und dass «die mexikanische Armee und Polizei töten, wen er will.»

Sein Mandant Guzmán dagegen sei lediglich der «Sündenbock», sagte Anwalt Lichtman weiter. «Warum braucht die mexikanische Regierung einen Sündenbock? Weil sie zu viel Geld bekommt, indem sie von den Chefs der Drogenkartelle bestochen wird.»

Ein Sprecher des scheidenden Präsidenten Peña Nieto wies die Bestechungsvorwürfe umgehend als «absolut falsch» zurück. Ebenso äusserte sich Ex-Präsident Calderón: Die Äusserungen des Anwalts seien «absolut falsch», schrieb der Präsident der Jahre 2006 bis 2012 im Kurzbotschaftendienst Twitter.

Strengste Sicherheitsvorkehrungen

Der New Yorker Prozess gegen den mexikanischen Drogenboss Joaquín «El Chapo» Guzmán hatte am Dienstag unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen begonnen. Die Eröffnungsplädoyers wurden verschoben, weil ein Jury-Mitglied ausgetauscht werden musste.

Wie die «New York Post» berichtete, präsentierte eine «ängstliche und aufgewühlte» Geschworene ein Attest, demzufolge sie nicht an dem Prozess teilnehmen könne. Der New Yorker Richter Brian Cogan verbrachte somit den Rest des Vormittags damit, mögliche Ersatzkandidaten zu interviewen.

Die Angst der Geschworenen

Die zwölf Geschworenen in «El Chapos» Prozess waren nach tagelangen Beratungen bestimmt worden. Mehrere Kandidaten wurden vom Jury-Dienst entlassen, weil sie um ihr Leben fürchteten. Ein Kandidat erlitt eine Panikattacke.

Die Namen aller Geschworenen werden unter scharfen Sicherheitsmassnahmen anonym gehalten. Sie werden teilweise von der Aussenwelt isoliert und jeden Verhandlungstag von bewaffneten Bundespolizisten zum Gericht begleitet.

Bei strömendem Regen hatten sich schon am frühen Morgen Dutzende Journalisten und Schaulustige vor dem Gericht angestellt, um einen Platz im Prozesssaal zu bekommen. Die US-Justiz wirft dem wegen seiner Körpergrösse von etwas mehr als 1,60 Meter «El Chapo» (Der Kurze) genannten Guzmán unter anderem Drogenhandel, Geldwäscherei und das Führen einer kriminellen Organisation – des mexikanischen Drogenkartells Sinaloa – vor.

Er soll tonnenweise Kokain und Heroin in die USA geschmuggelt und damit Milliarden verdient haben. Zudem soll er für bis zu 3000 Morde verantwortlich sein.

Lebenslange Haftstrafe droht

Bis zu einem Urteil kann es nach Einschätzung von Richter Brian Cogan noch mehrere Monate dauern. Bei einer Verurteilung droht Guzmán eine lebenslange Haftstrafe. Die Todesstrafe ist nach einer Einigung zwischen Mexiko und den USA ausgeschlossen.

Seit seiner Auslieferung an die USA im Januar 2017 sitzt Guzmán in einem Hochsicherheitsgefängnis in Manhattan. In Mexiko waren dem Drogenboss zuvor mehrfach spektakuläre Gefängnisausbrüche gelungen.

Rund ein Dutzend Staatsanwälte arbeiten an dem Fall. 16 Zeugen - darunter mexikanische und kolumbianische Dealer, die in US-Gefängnissen sitzen – haben sie in Stellung gebracht, um gegen «El Chapo» auszusagen.

Guzmán hat mehrere Star-Verteidiger engagiert. Das Gericht in Brooklyn gilt als Institution im Kampf gegen das organisierte Verbrechen. Der Drogenkrieg in Mexiko tobt allerdings auch ohne «El Chapo» weiter.

(chk/sda)