Hightech-Arznei in den USA

15. November 2017 07:44; Akt: 15.11.2017 07:44 Print

Pille für Schizophrene hat einen Mini-Chip drin

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat eine Pille für Schizophrene bewilligt. Diese trägt einen Chip in sich, der dem Arzt mitteilt, ob das Medikament auch wirklich geschluckt wurde.

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Die digitale Pille sendet ein Signal an ein Pflaster an der Brust, das wiederum Informationen an das Smartphone weiterleitet. (Bild: Proteus Digital Health)

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Jetzt drängt das Prinzip der Überwachung auch in die Welt der Pharmazie vor. Die amerikanische Arzneimittelbehörde Food and Drug Administration (FDA) hat am Dienstag zum ersten Mal eine Pille mit einem eingebauten Chip bewilligt. Die digitale Pille registriert, ob der Patient oder die Patientin das Medikament eingenommen hat.

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Bei der Arznei handelt es sich um das Antipsychotikum Abilify MyCite. Sein Wirkstoff namens Aripiprazol lindert das Leiden von schwer geistig Kranken, insbesondere Schizophrenen. Neu soll Abilify von seinem japanischen Hersteller Otsuka jetzt auch mit einem eingebauten Chip verkauft werden.

Gross wie ein Sandkorn, von Magensäure aktiviert

Der Chip ist bloss so gross wie ein Sandkorn und besteht aus den körperverträglichen Elementen Silizium, Kupfer und Magnesium. Beim Kontakt mit der Magensäure wird er aktiviert und sendet rhythmisch Signale aus, die von einem auf der linken Brust befestigten Patch empfangen werden. Dieses Pflaster wiederum übermittelt die Information an eine Smartphone-App. So kann auch der Arzt darüber informiert werden, ob das Medikament eingenommen wurde. Dafür braucht es die Bewilligung des Patienten.

Wie die US-Medien schreiben, liegt der Sinn der digitalen Pille darin, dass viele Patienten, insbesondere ältere, ihre Medikamente unzuverlässig einnehmen. Laut «New York Times» verursacht das Versäumnis, Medikamentenverschreibungen nachzukommen, allein in den USA jährliche Kosten von 100 Milliarden Dollar, weil in vielen solcher Fälle Patienten kränker werden und längere Spitalaufenthalte benötigen.

«Werkzeug für Zwang»

Die von der digitalen Pille eröffnete Möglichkeit, Patienten zu überwachen, hat bereits Kritiker auf den Plan gerufen. Im schlechten Fall könnte das «anstatt Vertrauen Misstrauen erzeugen», befürchtet Amen Sarpatwari von der Harvard-Universität. Für Peter Kramer, Autor des Bestsellers «Listening to Prozac» (Auf Prozac hören), «klingt wie ein Werkzeug für Zwang».

Die «Times» kann sich vorstellen, dass Patienten künftig mit digitalen Pillen dazu gezwungen werden, ein Medikament einzunehmen, bevor sie aus stationärer Behandlung oder auf Bewährung aus der Haft entlassen werden. Umgekehrt könnten digitale Pillen aber Patienten auch davon abhalten, zu viel opiatbasierte Schmerzmittel zu schlucken. Fraglich ist bei all dem jedoch, wie viele Menschen bereit sein werden, sich der digitalen Überwachung zu unterwerfen.

Novartis investierte mit

Laut «Wall Street Journal» bezweckt Otsuka mit Abilify MyCite, die Verkäufe seines früheren Renners wieder anzukurbeln. Seit der Patentschutz für den Wirkstoff Aripiprazol 2015 ablief, ist der weltweite Umsatz mit Abilify dramatisch eingebrochen. In der Schweiz zum Beispiel ist ein von Mepha hergestelltes Generikum zu rund dem halben Preis erhältlich.

Der in der Pille enthaltene Chip wurde von der kalifornischen Firma Proteus Digital Health mit einem Forschungsaufwand von 400 Millionen Dollar entwickelt, wie das «Wall Street Journal» berichtet. Zu den Investoren von Proteus zählt auch Novartis. Der Basler Pharmakonzern habe noch kein digitales Medikament in der Pipeline, schrieb Novartis-Sprecher Eric Althoff dem «Journal». Doch die nun erfolgte Zulassung «wird hoffentlich dabei helfen».

(sut)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Chipper am 15.11.2017 08:22 Report Diesen Beitrag melden

    Kranke Überwachung

    Einwilligung des Patienten - das ich nicht lache. Es geht ganz schnell Herr und Frau Schweizer. Jeder von uns ist in dieser Gesellschaft bereits mit einem Schritt in der Anstalt.

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  • domi am 15.11.2017 08:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    und bei Fehldiagnose?

    Und bei Fehldiagnose? Toll!!!Dann ist man ja voll ausgeliefert!!!

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  • Papa Tom am 15.11.2017 08:13 Report Diesen Beitrag melden

    praktisch!

    ...sollte man auch beim Bier machen, das könnte das Nachbestellen in der Bar automatisieren und dann fällt auch die lästige Rechnerei nach einem deftigen Herrenabend weg!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Tom&Jerry am 16.11.2017 22:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Falscher Weg

    Immer gefährlichere Tabletten, sind auch keine Lösung. Es braucht mehr Ursachenforschung- und Behandlung.

  • Patrick am 16.11.2017 04:43 Report Diesen Beitrag melden

    40 Fr. um das Signal zu faken

    Toll, 400 Millionen für die Entwicklung und ich brauche 40 Fr. um eine Lösung zu entwickeln, die das Signal auch ohne Einnahme generiert. Abilify wird übrigens nicht nur bei schwerer Schizophrenie verabreicht, sondern, auch in der Schweiz, sehr breitbandig eingesetzt. Genauso wie die Diagnose Schizophrenie an sich. Neuroleptika dienen eigentlich seit sehr langer Zeit nur dazu, die Leute Mundtod zu machen. Dann lieber Alkohol, da bleiben wir wenigstens bei der Wahrheit.

  • Kimberly Shepherd am 15.11.2017 22:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Krankenschwester

    Ich denke was viele "Gegner" vergessen: Menschen die an Schizophrenie leiden nehmen helfende Medikamente oft aus einem Wahn heraus nicht oder nicht mehr. In diesem Fall würde der Chip zum absoluten Selbstschutz des Erkrankten dienen und auch ein Vorteil für die nachhaltige Behandlung darstellen. Bei mental unbeeinträchtigten Menschen ist es klar ein Autonomieraub. Bei Menschen die jedoch aufgrund akuten Rückfällen einer schrecklichen Krankheit nicht mehr handlungsfähig sind finde ich die Idee definitiv nicht verwerflich.

    • nogo am 16.11.2017 07:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Kimberly Shepherd

      Wissen sie solange, diese Krankheit benutzt wird um jemand Mundtot zu machen, solange werden die Menschen sicher nicht mit solchen zeugs gefüttert. da hätte man früher überlegen sollen.

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  • T.T am 15.11.2017 21:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zwang

    Wieso noch die überwachung wenn der Patient die Einwilligung geben muss? Geht wohl eher Richtung Zwangsmedikation und die Kontrolle dass er es nicht ausspuckt / erbricht. Blödsinn

    • Ich am 16.11.2017 05:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @T.T

      Wieso erbrechen. Die Pille wird unter die Zunge geklemmt. Wasser trinken und schlucken. Mund auf, Pille nicht da, dann freut sich der Arzt und der Patient kann sie im Zimmer ins Klo spucken.

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  • Willhellm Tell am 15.11.2017 21:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jugend forscht

    ...dann werde ich mirr in Darknet Magensäure kaufen. Was ist wenn mann vergisst die Pille zum hmen, erhöht dann der Nervenarzt die Dosis? Lieber freiwilig Dopaminknast, als Chip im Kerperr.