Prozess in Freiburg (D)

21. Juni 2018 15:20; Akt: 22.06.2018 09:01 Print

Polizistin: Missbrauchter Bub braucht Zeit und Hilfe

Es sei noch zu früh, um den Neunjährigen überhaupt zu therapieren, sagen Experten. Seine Eltern hatten das Kind Männern im In- und Ausland zur Vergewaltigung angeboten.

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Im Fall des im Darknet zum sexuellen Missbrauch verkauften Jungen aus Staufen bei Freiburg müssen sich die Mutter (hinten links) und der Stiefvater (Mitte) des Kindes vor dem Landgerichts Freiburg verantworten. (11. Juni 2018). Am Dienstag 7. August fiel das Urteil gegen die Hauptverdächtigen. Die Staatsanwaltschaft wirft der 48 Jahre alten Berrin T. und dem 39 Jahre alten Christian L. unter anderem besonders schwere Vergewaltigung, schweren sexuellen Missbrauch von Kindern, besonders schwere Zwangsprostitution und Verbreitung kinderpornografischer Schriften vor. Die Verlesung der Anklage gegen das Paar zog sich über mehr als drei Stunden. Darin listeten die Ankläger mehr als 50 Taten auf, die die Mutter und ihr als Pädophiler einschlägig vorbestrafter Lebensgefährte zu verantworten haben sollen. Vergangene Woche stand der Schweizer J.W. im selben Fall vor Gericht. Ein Ermittler, der ihn mehrfach vernommen hat, zeichnete das Bild eines Sadisten. (6. Juni 2018) «Wir haben auf mehreren Datenträger von J. W. sehr viele gewalttätige Videos und anderes Material gefunden», sagt ein Kriminalbeamter. «Ich war mir vieles von L. gewohnt, aber das war sehr schlimm», so ein Beamter über die bei J. W. gefundenen Daten. Es war der dritte Prozess im Missbrauchsfall eines neunjährigen Buben. Der 37-jährige Schweizer wird beschuldigt, den Jungen zwischen Spätherbst 2016 und Januar 2017 dreimal vergewaltigt zu haben. Dem aus dem Kanton St. Gallen stammenden Mann wird zudem der Besitz und die Verbreitung von Kinderpornos vorgeworfen. W. sass vor Gericht zusammengesunken auf der Bank. Zuvor war er in Handschellen in den Saal gebracht worden. Am frühen Morgen warteten alle gespannt auf den Angeklagten, auch sein Verteidiger Robert Phleps. Katja Ravat ist die Verteidigerin der Nebenanklage. Der Fall um den Buben aus dem baden-württembergischen Staufen sorgt seit seinem Bekanntwerden für Entsetzen. Um Geld zu verdienen, boten Berrin T. und ihr Lebensgefährte Christian L. das Kind für einen vierstelligen Betrag im Internet zur Vergewaltigung an. Am 16. Mai 2018 war bereits Knut S. (rechts) wegen Vergewaltigung des neunjährigen Jungen zu acht Jahren Haft verurteilt worden. Der 50-Jährige ist Stabsfeldwebel bei einer deutsch-französischen Brigade im Elsass. (16. Mai 2018) Zuvor wurde auch ein 41-Jähriger verurteilt: der Angeklagte Markus K. auf dem Weg ins Landgericht Freiburg. (12. April 2018) Der 41-jährige Deutsche hat sich in mindestens zwei Fällen an dem Jungen vergangen.

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Nach dem jahrelangen Missbrauch eines Kindes durch mehrere Täter in Staufen bei Freiburg benötigt das Opfer der Verbrechen nach Ansicht der Polizei jahrelange Hilfe. Für eine psychologische Betreuung des heute neun Jahre alten Knaben sei es nach Ansicht von Experten noch zu früh, sagte eine Polizeibeamtin am Donnerstag vor dem Landgericht Freiburg.

«Es braucht noch ein bis zwei Jahre, bis er eine Therapie ansatzweise beginnen kann.» Derzeit sei der Junge damit beschäftigt, «in seinem neuen Leben anzukommen.» Dabei werde er, auch von der Polizei, unterstützt. Den Angaben zufolge lebt das Kind inzwischen bei einer Pflegefamilie.

Der Junge wurde den Angaben zufolge mehr als zwei Jahre lang von Männern aus dem In- und Ausland vergewaltigt. Die 48 Jahre alte Mutter des Kindes und ihr 39 Jahre alter Lebensgefährte sollen ihn hierfür im Internet angeboten und Geld kassiert haben. Es gibt insgesamt acht Verdächtige.

Urteil gegen Schweizer erst im Juli

Die Beamtin betreut den Jungen, der im Juli zehn Jahre alt wird. Sie sagte als Zeugin im Prozess gegen einen der Männer aus. Der 37 Jahre alte Mann aus der Schweiz hat gestanden, den Jungen dreimal vergewaltigt und dafür Geld gezahlt zu haben.

Ein Urteil in diesem Fall soll es im Juli geben, wie der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin am Donnerstag erklärte. Die Beweisaufnahme dauere länger als geplant. Deshalb werde es an diesem Freitag, wie ursprünglich terminiert, noch kein Urteil geben.

Opfer äussert sich nicht zu Taten

Der Knabe «ist beschäftigt mit dem Ankommen in seinem neuen Leben», sagte die Beamtin. Dafür solle ihm Zeit gegeben werden. Auf die Verbrechen angesprochen, sei er «verschlossen». Er höre zwar zu, äussere sich aber nicht zu Taten oder mutmasslichen Tätern. Vor Gericht aussagen wolle er nicht.

Nach seiner Mutter frage er inzwischen nicht mehr. Dies sei nur anfangs der Fall gewesen. Die Frau und ihr wegen schweren Kindesmissbrauchs vorbestrafter Lebensgefährte sind Hauptbeschuldigte in dem Fall.

Motiv der Mutter unbekannt

Mutter und Kind waren im vergangenen Oktober getrennt worden, als die Frau und ihr Lebensgefährte festgenommen wurden. Seitdem gebe es zwischen Mutter und Kind keinen Kontakt mehr.

Das Paar soll den Jungen auch selbst jahrelang missbraucht haben, es steht seit vergangener Woche vor Gericht. Der 39-Jährige hat gestanden, die Frau äusserte sich am Dienstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zu ihrer Aussage sowie zu ihrem Motiv ist nichts bekannt.

«Es wurde immer noch schlimmer»

Die Prozesse in dem Fall dauern an. Die Taten, die den Angaben zufolge von Anfang 2015 bis Herbst 2017 dauerten, waren von den heute Angeklagten gefilmt und die Filme weitergeleitet worden.

«Es ist schwer und schlimm, diese Sachen zu sehen», sagte ein Polizeibeamter, der Filme ausgewertet hat. «Ich dachte, es kann nicht noch schlimmer werden. Und es wurde immer noch schlimmer.» Die Staatsanwaltschaft will nach eigenen Angaben langjährige Haftstrafen sowie Sicherungsverwahrung erreichen.

(sda)