Arzt vor Gericht

26. Juni 2018 21:07; Akt: 26.06.2018 21:07 Print

Franco-Babys wühlen Spanien auf

In Spanien hat der Prozess um den Kinderraub während der Franco-Diktatur begonnen. Vor Gericht steht ein Arzt, der gestohlene Babys an kinderlose Familien verkaufte.

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In Spanien steht seit Dienstag erstmals ein früherer Arzt vor Gericht, der unter Diktator Francisco Franco am Diebstahl von Babys beteiligt gewesen sein soll. Dem ehemaligen Gynäkologen Eduardo Vela werden Urkundenfälschung, Freiheitsberaubung und illegale Adoption vorgeworfen.

Der 85-Jährige traf am Vormittag vor dem Gericht in Madrid ein. Er soll 1969 in einem Madrider Spital die Geburtsurkunde der Klägerin Inés Madrigal gefälscht und ihre Adoptivmutter als ihre leibliche Mutter eingetragen haben. Madrigal erfuhr erst im Alter von 18 Jahren bei einem Gespräch mit ihrer Mutter, dass sie adoptiert worden war.

Schwangerschaften vortäuschen

2010 las die Frau zufällig einen Zeitungsartikel, in dem von den «gestohlenen Babys» während der Franco-Diktatur die Rede war. Im Bericht wurde die Klinik, in der sie selber geboren worden war, als Haupttatort erwähnt. «In dem Moment fühlte es sich wie eine Ohrfeige an. Ich dachte ‹Oh mein Gott, das könnte ja mich betreffen›», erzählte Madrigal dem Sender La Sexta.

Eine Recherche zeigte dann: Ihre Geburtsurkunde, unterschrieben von Dr. Eduardo Vela, war gefälscht. Bei weiteren Gesprächen mit ihrer Mutter erfuhr sie, dass Vela systematisch Neugeborene gestohlen und an kinderlose Familien verkauft hatte. «Er hatte meiner Mutter damals sogar vorgeschlagen, eine Schwangerschaft mit Kissen vorzutäuschen.» Den leiblichen Eltern der Babys sagte der Arzt, ihr Kind sei kurz nach der Geburt gestorben.

Bis zu 300'000 gestohlene Babys

Historiker und Aktivisten gehen davon aus, dass während der faschistischen Herrschaft Francos (1939–1975) rund 300'000 Babys ihren leiblichen Eltern weggenommen wurden.

Unter Franco war es ab 1940 erlaubt, Eltern aus ideologischen oder moralischen Gründen ihre Kinder wegzunehmen. Ab den 50er-Jahren sollen dann auch Neugeborene unverheirateter oder armer Eltern in Geburtskliniken den Müttern weggenommen und an regimetreue Familien weitervermittelt worden sein. Die ersten Fälle wurden erst nach dem Jahr 2000 bekannt.

«Ich kann mir vorstellen, dass wir täglich solchen Kindern, heute erwachsene Menschen, auf der Strasse begegnen», sagt Inés Madrigal.

(kle/afp)