Skandal-Plakate

05. November 2009 15:25; Akt: 05.11.2009 16:51 Print

Raffiniert oder nur primitiv?

Das Bundesamt für Sozialversicherungen hat mit seiner neusten Kampagne für Unmut bei verschiedenen Bevölkerungsschichten gesorgt. Damit sind sie bei weitem nicht allein, wie ein Rückblick zeigt.

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5. November 2009: Das Bundesamt für Sozialversicherungen löst die Plakatkampagne mit behindertenfeindlichen Aussagen frühzeitig auf. Oktober 2009: Das höchst umstrittene Plakat der Minarett-Gegner wird noch vor dem Druck in zahlreichen Städten verboten und schlägt selbst im Ausland hohe Wellen. 2. September 2007: Die SVP zeigt auf Plakaten schwarze und weisse Schafe und will damit die Ausschaffung von kriminellen Ausländern forcieren. Die Kampagne wird später von der rechtsextremen NPD in Deutschland kopiert. Auch zum Thema Personenfreizügigkeit hat die SVP im Jahr 2008 ein «passendes» Plakat. Mit diesem Plakat versuchte die SVP 2004 und 2008 gegen die erleichtere Einbürgerung zu kämpfen. Kurz vor der Euro 2008 wurden sie in einzelnen Städten entfernt, um die ausländischen Fans nicht zu verärgern. Nur ein kleines Skandälchen: Das Motiv, mit dem die SP im Jahr 2007 auf die versteckten Gefahren der Atomenergie hinweisen will. September 2009: Die Protagonisten der deutschen Kampagne «Aids ist ein Massenmörder» sind Hitler, Stalin und Saddam Hussein. Verbote werden von verschiedenen Seiten gefordert. 6. Januar 2009, London: Ariane Sherine steckt hinter der atheistischen Plakataktion in England, die auf 800 Bussen landesweit zu finden ist. Oktober, 2006: Die Grand Casino Baden AG zieht das Delphin-Sujet der Kampagne «Baden im Glück» zurück, nachdem die Schweizerische Lauterkeitskommission das Plakat als «sexistisch und herabwürdigend» bezeichnet hat. März 2007: Ein Werbefoto des italienischen Modelabels Dolce & Gabbana sorgt für rote Köpfe in Italien und Spanien. Das Sujet erinnert zweifelsohne an eine Vergewaltigungsszene. Auch das Label Gucci stiess mit diesem Werbesujet bei vielen Organisationen auf wenig Verständnis. August 2004, Zürich: Die Plakatkampagne von Radio Energy wird von der Fachstelle für Gleichstellung als sexistisch bezeichnet. Die Bischofskonferenz verlangte den Rückzug des Plakates (2003), da es die Religion verspotte. Nach einer Aussprache zog das Bundesamt für Gesundheit (BAG) das Plakat zurück. Auch dieses Plakat (2002) erregte Abscheu in der Bevölkerung. Hier wurden die Grenzen des guten Geschmacks übertreten und die Gefühle vieler Konsumenten verletzt. Swisscom entschuldigte sich nach einem Monat. Ein Klassiker: Der Bademode-Hersteller wird 1994 mehrfach wegen dieser Plakatkampagne verklagt ... ...und muss im Jahr 2003 zwei Versionen eines Plakats, für private und öffentliche Bereiche, entwerfen. Das Modelabel Benetton setzt jahrelang auf Schock-Werbung. Zum Beispiel 2001 mit einem nackten Po und einem Stempelaufdruck «H.I.V. Positive». 1992 veröffentliche Benetton unter anderem eine Kampagne mit einer ölverschmierten Ente und einem sterbenden Aids-Patienten. In den 1980er-Jahren gestaltete der Zürcher Werber Peter Marti mehrere provokative Plakate, was ihm den Übernamen «Füdli-Marti» einbrachte. Dieses Plakat wurde praktisch in allen Kantonen verboten.

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Schockieren, manipulieren, beleidigen: Plakate mit fragwürdigen Inhalten haben eine lange Tradition und werden immer wieder eingesetzt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Gewisse Konzerne und Parteien haben über die Jahre eine regelrecht inflationäre Schock-Kultur aufgebaut, wie die SVP oder der Modehersteller Benetton immer wieder beweisen. Selbst die SP oder, wie im neusten Fall der Bund, setzen manchmal lieber auf die Dampfhammer-Methode statt auf subtile, clevere Werbung.

(smt)