Deutscher Fritzl

18. Februar 2011 11:28; Akt: 18.02.2011 11:29 Print

Regelmässige Exzesse mit der Peitsche

Im Prozess gegen den 48-jährigen Detlef S. haben zwei weitere Stiefsöhne ausgesagt. Sie zeichneten ein grauenvolles Bild über ihr jahrelanges Martyrium.

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Wegen hundertfachen sexuellen Missbrauchs muss der 48-jährige Detlef S. aus Fluterschen in Rheinland-Pfalz für 14 Jahre und sechs Monate in Haft. Das Koblenzer Landgericht ordnete zudem die anschliessende Sicherungsverwahrung des Mannes an. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Detlef S. seine leibliche Tochter, eine Stieftochter und einen Stiefsohn über Jahrzehnte misshandelt und sexuell missbraucht hat. Überraschende Wende im Westerwälder-Missbrauchsprozess: Detlef S. legt unter Tränen ein umfassendes Geständnis ab. Er liess über seinen Rechtsanwalt mitteilen, er habe sich «grundsätzlich falsch verhalten». Er räumte ein, sowohl seine Tochter als auch die Stieftochter zu fremden Männer gefahren, sie zur Prostitution gezwungen und dafür Geld bekommen zu haben. Bislang hatte er nur den sexuellen Missbrauch an seiner leiblichen Tochter zugegeben. Erika S., die Ehefrau des Angeklagten hat ihre Aussage verweigert. Die Frau stand knapp zwei Minuten vor den Richtern. Sie sah zu ihrem Mann, zuckte mit den Schultern, dann verliess sie den Gerichtssaal wieder. Stiefsohn Markus S. berichtet vor Gericht von regelmässigen Gewalttätigkeiten. Er sei mit «verschiedenen Gegenständen» geschlagen worden. Einmal seien die Schläge so heftig ausgefallen, dass sein ganzes Gesicht angeschwollen war. Vom sexuellen Missbrauch seines Stiefvaters gegenüber seiner Schwester Natascha, mit der dieser acht Kinder zeugte, wusste er allerdings nichts. Er könne sich aber erinnern, dass der Stiefvater öfter mit Natascha «unterwegs» war. Sven S. gab vor Gericht an, seit 1987 von Detlef S. sexuell missbraucht worden zu sein. In diesem Haus, mitten im kleinen Dorf Fluterschen, im Westerwald, soll der 48-jährige Detlef S. seine leibliche Tochter und seine beiden Stiefkinder über Jahre hinweg sexuell missbraucht und zum Teil zur Prostitution gezwungen haben. S. wurde in Betzdorf (Kreis Altenkirchen) geboren. Seine Ehefrau ist 52 Jahre alt. Sie ist Mutter seiner vier leiblichen Kinder und hat vier weitere Kinder mit in die Ehe gebracht. Nach eigenen Angaben hat er einen Hauptschulabschluss und etliche Jahre als Lkw-Fahrer gearbeitet. Seit einiger Zeit ist er jedoch arbeitslos und bezieht Hartz IV. Seit dem 10. August 2010 sitzt er in Untersuchungshaft. Der 48-Jährige soll von Herbst 1987 bis Sommer 2010 zwei seiner Stiefkinder sowie seine heute 18-jährige Tochter sexuell missbraucht haben. Zudem soll er die beiden Mädchen zu zwei Männern gebracht haben, die sexuelle Handlungen an ihnen vorgenommen haben. Die 28-jährige Natascha S. ist die Stieftochter von Detlef S., mit der er acht Kinder gezeugt hat. Eines der Kinder ist bereits als Säugling gestorben. Er soll der Anklage zufolge Natascha S. bereits als vier Jahre altes Mädchen missbraucht und später zur Prostitution gezwungen haben. Björn B. ist der Zwillingsbruder von Natascha S. An ihm soll der Stiefvater das erste Mal 1997 sexuelle Handlungen vorgenommen haben. Zudem soll Detlef S. ihn regelmässig unter anderem mit Gegenständen wie einem Teppichklopfer und einer selbst gebauten Peitsche verprügelt haben. Von der 18-jährigen Jasmin S. gibt es keine Bilder. Sie ist die leibliche Tochter von Detlef S. Durch einen von ihr geschriebenen Brief wurde das Ermittlungsverfahren gegen ihn ausgelöst. S. hatte sie laut Anklage regelmässig sexuell missbraucht. Nach Angaben des Gerichts liegt ein DNA-Gutachten vor, das die Wahrscheinlichkeit einer Vaterschaft des Angeklagten der sieben überlebenden Kinder mit 99,99 Prozent angibt. Die Anklage fordert Sicherungsverwahrung für den Mann.

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Am dritten Prozesstag standen im Missbrauchsprozess gegen den 48-Jährigen aus dem Westerwald zwei weitere Stiefsöhne des Angeklagten als Zeugen vor dem Koblenzer Landgericht. Dabei erhoben Sven S. und sein Bruder Markus neue Vorwürfe gegen Stiefvater Detlef S. Sven S. erzählte, er sei von seinem Stiefvater zwischen dem zehnten und zwölften Lebensjahr sexuell missbraucht worden. Der Angeklagte sei mehrfach «in sein Bett gekrochen» und habe an seinem Genital «gespielt». Der Stiefvater habe dazu gesagt, er brauche sich nicht zu schämen, er sei sein Vater und das sei normal.

Sven S. berichtete in seiner Aussage von regelmässigen Gewaltexzessen in der Familie. Der Vater habe nicht nur mit der Faust, sondern auch mit einer selbst gebastelten Peitsche zugeschlagen So habe Detlef S. die Riemen eines Schulranzens dazu genutzt, um eine Peitsche zu fertigen. Mit dieser seien die Kinder immer wieder geschlagen worden. Der Angeklagte sei dafür mit den Stiefkindern auch in den Wald gefahren mit der Begründung, dass dort niemand ihre Schreie höre. Das Verprügeln habe Detlef S. gefallen. Das habe er ihm an den Augen angesehen, erklärte Sven S. Die vier Stiefkinder seien häufiger geschlagen worden als die leiblichen Kinder.

«Ich werde dir das Leben zur Hölle machen»

Der 28-Jährige gab an, bereits im Jahr 1987 von Detlef S. sexuell missbraucht worden zu sei. Auch habe dieser ihn des Öfteren dazu gezwungen, unter der Dusche zu onanieren, und ihm dabei zugesehen. An einem Tag im Jahr 2002 hatte er Blut am Körper seiner zehnjährigen Schwester Jasmine gesehen und erstmals einen sexuellen Missbrauch durch den Vater vermutet. Als er seinen Stiefvater darauf angesprochen habe, habe dieser wieder mit Handgreiflichkeiten reagiert. Der Vater habe die Mutter bis zur Bewusstlosigkeit zusammenschlagen, sagte der 28-Jährige.

Mehrmals sei das Jugendamt eingeschaltet gewesen. Er und seine Geschwister hätten aber zu den Taten geschwiegen oder diese geleugnet. Als Begründung hierfür gab der Zeuge laut Richter an, der Stiefvater habe mit Prügeln gedroht. Als Sven S. im Februar 2002 ankündigte, aus dem Elternhaus ausziehen zu wollen, seien am nächsten Tag Teile des Mobiliars in seinem Zimmer zerschlagen gewesen. Nur unter Polizeischutz habe er seine restlichen Sachen aus dem Haus bringen können. Währenddessen droht S., er würde ihn weiter verfolgen und ihm «das Leben zur Hölle machen».

Von Missbrauch nichts mitbekommen

Auch sein 32-jähriger Bruder Markus berichtete in seiner Vernehmung von Gewalttätigkeiten. Er sei mit «verschiedenen Gegenständen» geschlagen worden. Einmal seien die Schläge so heftig ausgefallen, dass sein ganz Gesicht angeschwollen war. «Alkohol war Routine, ohne Alkohol hab ich ihn sehr selten erlebt (...). Er hat meiner Meinung nach seine leiblichen Kinder nie geschlagen. Nur uns, die Stiefkinder», bestätigt Markus S. damit die Aussage seines Bruders. Als er den Richtern erzählte, wie sie sich «im Wohnzimmer ausziehen» mussten und sie dann der 48-Jährige «mit seiner Peitsche» verprügelte, schüttelte der Angeklagte plötzlich den Kopf. Laut der deutschen «Bild»-Zeitung wandte sich der Stiefsohn zu S.: «Schüttel nicht! Es wäre leichter für uns, wenn du endlich deine Klappe aufmachst.»

Vom Sex seines Stiefvaters mit seiner Schwester Natascha, mit der dieser acht Kinder zeugte, sei ihm nichts aufgefallen. Er könne sich aber erinnern, dass der Stiefvater öfter mit Natascha «unterwegs» war. Auf die Frage nach dem Kindsvater habe er nie eine Auskunft bekommen.

Detlef S. lässt sich von einem Psychiater untersuchen

Auch eine Nachbarin aus Fluterschen sagte vor Gericht aus. Sie gab an, den Brief, in dem Natascha die schweren Vorwürfe gegen ihren Stiefvater erhob, an die Polizei und an das Jugendamt weitergeleitet zu haben. Durch dieses Schreiben kamen im August 2010 die Ermittlungen in Gang.

Der Verteidiger von Detlef S., Thomas Düber, kündigte unterdessen an, dass sich sein Mandant nun doch von einem Psychiater begutachten lassen wolle. Bislang hatte er dies verweigert. Damit könne die Schuldfähigkeit des Angeklagten geklärt werden, sagte der vorsitzende Richter Winfried Hetger. Wird bei Detlef S. keine psychische Erkrankung diagnostiziert, drohen ihm 15 Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft zieht zudem eine anschliessende Sicherungsverwahrung in Betracht.

Beim nächsten Prozesstag am 23. Februar soll die 52-jährige Ehefrau von Detlef S. als Zeugin befragt werden. Ein Urteil wird möglicherweise am 17. März verkündet.

(kle/ap)