08. April 2005 08:52; Akt: 08.04.2005 13:12 Print

Requiem für den Papst

Rom hat die grösste christliche Versammlung seiner Geschichte erlebt: Auf dem Petersplatz, der Piazza di Populo und zahlreichen weiteren Plätzen verfolgten schätzungsweise vier Millionen Menschen das Requiem für Papst Johannes Paul II.

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Das Pontifikalamt wurde von Kardinal Joseph Ratzinger zelebriert, der den unermüdlichen Einsatz des Verstorbenen für die Verbreitung des Glaubens würdigte. An der Gedenkmesse nahmen Staatsgäste aus mehr als 80 Ländern teil.

Die Exequien, wie das Bestattungsritual der katholischen Kirche genannt wird, begannen am Freitagmorgen mit einer bewegenden Zeremonie im Petersdom: Der päpstliche Privatsekretär Stanislaw Dziwisz bedeckte das Gesicht des Toten mit einem weissen Seidentuch und schloss den Sarg. Als der schlichte Holzsarg, verziert nur mit einem Kreuz und dem Buchstaben M für Maria, ins Freie getragen wurde, kam Beifall auf. Prälaten legten das Evangelium auf den Sarg, während ein Chor den Eingangshymnus sang.

Dem Sarg folgten die in Purpurrot gekleideten Kardinäle, die ab 18. März auch den Nachfolger des Papstes zu wählen haben. Als Dekan des Kardinalskollegiums trug Kardinal Ratzinger das Sündenbekenntnis vor, dem das Kyrie des Chors folgte. Mit diesem Teil der Liturgie wird Gott um Erbarmen gebeten. Im Anschluss an Lesungen aus dem Evangelium begrüsste Ratzinger auch die Vertreter der anderen Religionen.

Der Kardinal erinnerte in seiner Predigt auf Italienisch an den Lebensweg des Verstorbenen vom Fabrikarbeiter während der deutschen Besatzungszeit in Polen bis zum Oberhaupt der weltweit eine Milliarde Katholiken. Johannes Paul sei schon in jungen Jahren allen Widrigkeiten zum Trotz unermüdlich losgezogen, um seine Mitmenschen zum Glauben zu führen. Er habe sich bis zuletzt dem Dienst für die Kirche gewidmet und sei so mit Christus eins geworden, sagte Ratzinger. Die auf dem Petersplatz versammelte Menge applaudierte und feierte den Papst in Sprechchören. Mit Fürbitten in verschiedenen Sprachen, darunter auch Deutsch, wurde Gott angerufen, die Seele des Papstes aufzunehmen.

Im Anschluss an die Anrufung der Heiligen wurde der Leichnam des Papstes wieder in den Petersdom gebracht und in den Vatikanischen Grotten beigesetzt. Der Ort der Beisetzung befindet sich nur wenige Meter vom Grab des Apostels Petrus, in dessen Nachfolge sich die Päpste sehen.

In der Menge wurde der Papst in Sprechchören immer wieder als «Santo» gefeiert, als Heiliger. Auch auf Transparenten war die Forderung nach einer Heiligsprechung von Johannes Paul zu lesen: «Santo Subito». Das Kirchenrecht macht dies aber davon abhängig, dass zuerst eine Seligsprechung erfolgt. Dieser Vorgang kann frühestens zwei Jahre nach dem Tod eingeleitet werden, doch hat Johannes Paul im Fall von Mutter Theresa dieses Verfahren selbst vorgezogen.

Unter dem Läuten der Glocken hatten Staats- und Ministerpräsidenten, Könige und Aussenminister am Morgen ihre Ehrenplätze eingenommen. Unter ihnen waren Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzler Gerhard Schröder. Als einer der letzten kam US-Präsident George W. Bush. Zu sehen waren auch der französische Staatspräsident Jacques Chirac, der britische Premierminister Tony Blair, der polnische Staatspräsident Aleksander Kwasniewski, der iranische Präsident Mohammed Chatami, der spanische König Juan Carlos und UN-Generalsekretär Kofi Annan. Auch hohe Würdenträger der anderen christlichen Konfessionen, des Islams und des Judentums nahmen auf dem Petersplatz ihre Plätze ein.

Für den Schutz der Staatsgäste hatten die italienischen Behörden umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Seit Mitternacht durfte kein Fahrzeug mehr ins Stadtzentrum fahren. Der Luftraum wurde gesperrt, vor der Stadt standen Luftabwehrraketen in Bereitschaft. Auf Bitten der Regierung stellte die NATO sogar ein AWACS-Aufklärungsflugzeug zur Überwachung des Luftraums bereit. Schiffe der italienischen Marine patrouillierten an der Mittelmeerküste und auf dem Tiber.

Zur gleichen Zeit wie in Rom versammelten sich auch in zahlreichen weiteren Städten Zehntausende von Gläubigen im Gedenken an den verstorbenen Papst. In Krakau kamen 300.000 Menschen auf einem freien Feld zusammen, um die Fernsehübertragung der Trauerfeier in Rom zu verfolgen. In Wadowice, der Heimatstadt von Karol Wojtyla, dem späteren Johannes Paul II., drängten sich 15.000 Menschen vor der Marienbasilika. Rund 7.000 Menschen nahmen an einer Messe in der Pariser Kathedrale Notre Dame teil. In Bratislava, der Hauptstadt der Slowakei, nahmen mehrere tausend Gläubige an einer Messe teil - genau an dem Ort, wo Johannes Paul 2003 einen Gottesdienst gefeiert hatte. Selbst in Hanoi, der Hauptstadt Vietnams, verfolgten Christen die Übertragung der Trauerfeier.

(ap)