Tote nach Unwetter

10. April 2019 18:55; Akt: 10.04.2019 18:55 Print

«Rio de Janeiro hat seine Lektion nicht gelernt»

Die brasilianische Metropole wird seit Tagen von starken Regenfällen getroffen. Lokale Medien kritisieren die Behörden für ihr «Nichtstun».

In Rio de Janeiro fielen binnen weniger Stunden knapp 25 Zentimeter Regen – während es normalerweise im gesamten Monat April nicht einmal zehn Zentimeter sind. (Video: Tamedia)
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Bei den schlimmsten Stürmen der vergangenen 22 Jahre sind in der brasilianischen Millionenstadt Rio de Janeiro mindestens zehn Menschen ums Leben gekommen. Die Wassermassen rissen Bäume mit, spülten Autos fort und lösten Schlammlawinen aus.

Die Bewohner einer Favela haben auch mit Kaimanen zu kämpfen. Nach Angaben der Stadtverwaltung läuft dort derzeit eine unbekannte Zahl der Reptilien frei herum. Die Tiere gehörten offenbar einem Anwohner und konnten entkommen, nachdem eine Mauer fortgespült wurde.

Ein Sprecher der städtischen Umweltschutzbehörde sagte, ein eigens aufgestelltes Team solle die Tiere wieder einfangen. Aufgrund der «starken Präsenz von Drogenhändlern» hätten die Einsatzkräfte derzeit aber keinen Zugang zu dem Stadtviertel. Ein Einwohner berichtete, zwei Bewohner hätten bereits direkt vor ihrer Tür einem Kaiman gegenübergestanden.

Infrastruktur völlig veraltet

Rettungskräfte mussten in Autos, Bussen und Gebäuden festsitzenden Menschen zu Hilfe eilen. Bürgermeister Marcelo Crivella rief den Notstand aus.

Am schwersten betroffen war der Süden von Rio mit den bekannten Vierteln Copacabana und Ipanema sowie einigen Favelas. Dort fielen binnen weniger Stunden rund 25 Zentimeter Regen – während es normalerweise im gesamten Monat April nicht einmal zehn Zentimeter sind.

Taxichauffeur Lindenberg Martins erzählte dem Sender O Globo, wie im südlichen Stadtteil Botafogo vor seinen Augen mehrere Autos von den Wassermassen überrascht wurden. «Ich fragte meine Passagiere, ob ich aussteigen dürfe, um den Autofahrern vor mir zu helfen», erzählt der Mann. Dann sei er von Auto zu Auto gerannt und habe an der Fensterscheibe geklopft, um die Fahrer zu warnen.

Als er das Taxi von Marcelo Tavares erreichte, in dem Lúcia Sarmento Neves und ihre acht Jahre alte Enkelin Júlia Neves reisten, schrie er: «Ihr müsst sofort hier raus! Es droht eine Schlammlawine.» Lindenberg Martins rannte davon, die anderen drei schafften es jedoch nicht rechtzeitig. Sie befinden sich unter den zehn Todesopfern.

Kritik an Behörden

In der ganzen Stadt blieben die Schulen geschlossen, in einigen Gebieten fiel der Strom aus. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, unnötige Fahrten bis auf weiteres zu vermeiden. Das Fernsehen zeigte Feuerwehrleute, die durch kniehohes Wasser wateten und ein Boot mit Kindern zogen, die sie in einer überfluteten Strasse gerettet hatten.

Bürgermeister Crivella nannte den Regen «völlig untypisch». Er sprach von einer Tragödie. Viele Häuser seien in «ungeeigneten Gebieten» gebaut worden, in denen Wasser frei fliesse. «Wir haben versucht, die Leute dort zu warnen», sagte er örtlichen Medien.

Heftiger Regen sorgt in Rio immer wieder für flutartige Überschwemmungen, da die veraltete Infrastruktur mit den Wassermassen überfordert ist. Am schwersten betroffen sind meist die Slums entlang der Hügel mit ihren ungeteerten Strassen und behelfsmässigen Abwasserkanälen.

Kritik an Behörden

Die Zeitung «O Globo» warf den Behörden vor, «so gut wie nichts zu tun», um sich gegen das «vorhersehbare Phänomen» zu wappnen. «Einmal mehr wurde uns völlige Inkompetenz dargeboten – mit wenigen ehrenhaften Ausnahmen wie etwa bei der Feuerwehr», kommentierte das renommierte Blatt und fügte hinzu, «nach so vielen Tragödien» hätte man sich gewünscht, die Stadt hätte ihre Lektion gelernt.

Nach Angaben der Website für Wirtschaftsnachrichten, «Valor», sanken die städtischen Ausgaben für Projekte wie etwa Kanalisationsarbeiten zwischen 2016 und 2018 um 79 Prozent.

(kle/afp)