26. November 2007 10:56; Akt: 26.11.2007 11:44 Print

Schutzalter - seit Thuner Sex-Skandal wieder ein Thema

Der sexuelle Übergriff auf eine 15-Jährige in Thun führte im Talkback von 20minuten.ch zu einer heftigen Debatte rund um das Schutzalter. Viele fordern eine Herabsetzung der Altersgrenze. Fachleute machen andere Vorschläge.

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«Vielleicht müsste die Schweiz sich Europa anpassen und das Schutzalter senken, schliesslich ist es in fast allen europäischen Staaten tiefer angesetzt», findet ein 20minuten.ch-User im Talkback zu den sexuellen Übergriffen in Thun. «Ich finde, eine junge Frau ist mit 15 Jahren genug alt, um zu wissen, was Sex ist und um sich zu entscheiden, wann und mit wem sie Sex haben möchte», meint ein anderer User. «Schutzalter 13/14 würde Pädophilen Tür und Tor öffnen, weil Sex mit einem Kind dann nicht mehr Strafbar wäre», erwidert eine Userin. «Das Schutzalter 16 muss bleiben!», fordert auch Silvia im Talkback, denn «viele Junge Mädchen haben die Vernunft und den Mut noch gar nicht, um Nein zu sagen.» Die Diskussionen laufen heiss, die Meinungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Doch was halten Fachleute von der Idee, das Schutzalter in der Schweiz herabzusetzen?

Statt drei Jahre, vier Jahre Altersunterschied

«Das Schutzalter 16 ist meines Erachtens gut. Wichtig ist, dass es nur gilt, wenn der Altersunterschied zwischen den beiden Sexualpartnern mehr als drei Jahre beträgt», meint Hansueli Gürber, Leiter der Jugendanwaltschaft Stadt Zürich und Pressesprecher aller Jugendanwaltschaften des Kantons Zürich. Im Grunde gehe es um die Frage, ab wann Jugendliche wirklich selbst bestimmen können, mit wem sie sexuelle Beziehungen haben wollen, «vor allem auch gegenüber älteren Personen. Ich denke, gerade im Fall Thun ist das eine wichtige Frage, weil hier gewisses Abhängigkeiten mitspielen.»

In der Praxis habe die Jugendanwaltschaft selten mit Verstössen gegen das Schutzalter zu tun. «In der Regel sind die jugendlichen Sexualpartner altersmässig nicht mehr als drei Jahre auseinander», so Gürber. Aufgrund seiner Erfahrungen würde er daher eher die Frage stellen, ob man statt der drei Jahre Altersunterschied nicht vier oder sogar fünf Jahre zulassen könnte. «Allerdings müsste man dann vielleicht doch noch eine absolute Schutzaltersgrenze festlegen, denn mit diesen fünf Jahren wäre es strafrechtlich unbeachtlich, wenn ein 12-Jähriger mit einer etwas über 7-Jährigen sexuelle Handlungen vornehmen würde.»

Nicht Alter sondern Reife ist entscheidend

Auch Cornelia Bessler, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, findet es grundsätzlich gut, dass es ein Schutzalter gibt. «Es schärft die Aufmerksamkeit der Bevölkerung für die Thematik und lässt sie mehr Vorsicht walten», so Bessler. Sie macht in der Praxis die Erfahrung, dass die sexuelle Reife sehr unterschiedlich einsetzt, daher sei eine Normierung immer schwierig. «Viele Jugendliche sind noch nicht reif genug, nach ihren eigenen sexuellen Bedürfnissen zu handeln. Das kommt aber auch bei Personen vor, die älter als 16 Jahre alt sind», gibt Bessler zu bedenken. Entscheidend sei also nicht das Alter, sondern die Reife einer Person. «Man muss die Frage stellen: Begreift er oder sie überhaupt, was vor sich geht?»

Tina Fassbind, 20minuten.ch