Staufener Missbrauchsfall

02. Juli 2018 15:25; Akt: 02.07.2018 20:28 Print

Schweizer Täter (37) muss 9 Jahre ins Gefängnis

In einem der schlimmsten Missbrauchsfälle Deutschlands ist in Freiburg das Urteil gegen den Schweizer Jürgen W. gefallen.

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«Wir haben auf mehreren Datenträger von J. W. sehr viele gewalttätige Videos und anderes Material gefunden», sagt ein Kriminalbeamter. «Ich war mir vieles von L. gewohnt, aber das war sehr schlimm.» Der Schweizer J. W. steht seit dem 6. Juni 2018 in Freiburg (D) vor Gericht. Es ist der dritte Prozess im Missbrauchsfall eines neunjährigen Buben. Der 37-jährige Schweizer wird beschuldigt, den Jungen zwischen Spätherbst 2016 und Januar 2017 dreimal vergewaltigt zu haben. Dem aus dem Kanton St. Gallen stammenden Mann wird zudem der Besitz und die Verbreitung von Kinderpornos vorgeworfen. W. sass vor Gericht zusammengesunken auf der Bank. Zuvor war er in Handschellen in den Saal gebracht worden. Am frühen Morgen warteten alle gespannt auf den Angeklagten, auch sein Verteidiger Robert Phleps. Katja Ravat ist die Verteidigerin der Nebenanklage. Der Fall um den Buben aus dem baden-württembergischen Staufen sorgt seit seinem Bekanntwerden für Entsetzen. Um Geld zu verdienen, boten Berrin T. (47) und ihr Lebensgefährte Christian L. (37) das Kind für einen vierstelligen Betrag im Internet zur Vergewaltigung an. Am 16. Mai 2018 war bereits Knut S. (rechts) wegen Vergewaltigung des neunjährigen Jungen zu acht Jahren Haft verurteilt worden. Der 50-Jährige ist Stabsfeldwebel bei einer deutsch-französischen Brigade im Elsass. (16. Mai 2018) Zuvor wurde auch ein 41-Jähriger verurteilt: der Angeklagte Markus K. auf dem Weg ins Landgericht Freiburg. (12. April 2018) Der 41-jährige Deutsche hat sich in mindestens zwei Fällen an dem Jungen vergangen.

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Im so genannten Missbrauchsfall Staufen bei Freiburg im Breisgau fällt ein weiteres Urteil: Der 37-jährige Schweizer Jürgen W. aus Au SG muss neun Jahre ins Gefängnis, anschliessend soll er in Sicherungsverwahrung. Doch dagegen will er sich wehren.

Neben der Haftstrafe und der Sicherungsverwahrung ordnete das Landgericht Freiburg am Montag die Zahlung von 14'000 Euro Schmerzensgeld an. Dieses Geld gehe an das Opfer der Taten. Der gelernte Maurer aus dem Kanton St. Gallen hatte zugegeben, den heute neun Jahre alten Jungen dreimal vergewaltigt und dafür Geld gezahlt zu haben.

Revision angekündigt

Verurteilt wurde W. unter anderem wegen mehrfacher schwerer Vergewaltigung und Zwangsprostitution. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Pflichtverteidiger Robert Phleps kündigte noch im Gerichtssaal an, Revision einzulegen. Sicherungsverwahrung komme für seinen Mandaten nicht in Frage.

Der in Staufen lebende Junge war mehr als zwei Jahre lang im Darknet angeboten und Männern aus dem In- und Ausland gegen Geld für Vergewaltigungen überlassen worden. Seine 48-jährige Mutter Berrin T.* und ihr neun Jahre jüngerer Lebensgefährte Christian L.* haben dies eingeräumt, beide stehen seit Mitte Juni in Freiburg vor Gericht.

Es gibt in dem Fall insgesamt acht Tatverdächtige. Der nun verurteilte Schweizer ist einer von ihnen. Er nahm das Urteil ohne äusserliche Regung entgegen.

Täter drohte Bub als «Polizist»

«Das Kind war dem Angeklagten hilflos ausgeliefert», sagte der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin in der Urteilsbegründung. Es handle sich um «gewaltsame und menschenverachtende Verbrechen».

Der gelernte Maurer gab sich beim ersten Treffen in einem Wald bei Staufen als Polizist aus, führte der Richter während des Prozesses aus. Der Schweizer «verhörte» den Buben, um glaubhaft zu wirken, drohte ihm, ihn ins Heim zu stecken, sollte er nicht tun, was er verlangte.

Der Lebensgefährte der Mutter, Christian L., war auch bei zwei weiteren Treffen dabei, während der Angeklagte sich an dem Kind vergriff. Der Neunjährige hatte keine Chance, sich zu wehren. Er wurde gefesselt, beleidigt und gedemütigt.

Prozess gegen Eltern läuft

Die Männer filmten ihr Tun mit verschiedenen Kameras, bis zu 30 Minuten lang. W. gab dem Kind nach dem ersten Treffen 50 Euro und ein gebrauchtes Samsung Notebook – ein «Geschenk», das später zu seiner Identifizierung führen sollte.

Da von dem Schweizer eine hohe Gefahr für die Allgemeinheit ausgehe, habe sich das Gericht für Sicherungsverwahrung entschieden, sagte Bürgelin. Es bestehe ein hohes Rückfallrisiko, sollte der Mann wieder in Freiheit kommen. Auf seinem Rechner und dem Handy seien tausende kinderpornografische Filme und Fotos gefunden worden.

Erst in der vergangenen Woche verurteilte das Landgericht Karlsruhe einen 44-jährigen Angeklagten aus Schleswig-Holstein zu acht Jahren Haft und anschliessender Sicherungsverwahrung. Bereits mehrere Männer wurden in dem Fall zu Freiheitsstrafen verurteilt. Gleichzeitig läuft in Freiburg noch der Prozess gegen den Stiefvater sowie die Mutter des Jungen.

* Namen der Redaktion bekannt.

(mlr/gux/sda)