Erdbeben Japan

14. März 2011 16:12; Akt: 14.03.2011 17:07 Print

Schweizer flieht vor atomarem GAU

von A. Hirschberg - Direkt beim AKW Tokai will der Schweizer Michael Dennler nicht mehr wohnen. Doch weit weg kann er nicht. Das Benzin ist rationiert und die Bahn fährt nicht mehr.

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Eineinhalb Stunden ist Michael Dennler für 10 Liter Benzin angestanden.

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Dem Berner Michael Dennler ist nicht mehr wohl in seiner Haut. Der 32-Jährige wohnt seit 2006 in Japan. Er ist verheiratet und arbeitet als Englischlehrer in einer japanischen Schule in Tokai, rund 120 Kilometer nördlich von Tokio. Vor wenigen Stunden ist er vorübergehend zu seinen Schwiegereltern gezogen. «Wir wohnen sehr nahe beim Kernkraftwerk Tokai, das war mir zu gefährlich», erzählt er gegenüber 20 Minuten Online. Die Nachrichten von Problemen mit dem Kühlsystem im AKW haben ihn verunsichert. «Auch wenn die Probleme im Moment behoben scheinen, möchte ich lieber 25 als 5 Kilometer Distanz zum Kernkraftwerk haben.»

Seit dem Erdbeben vom Freitag, das auf der Richterskala die Stärke 9 erreichte, steht Dennlers Leben Kopf. «Ich versuche, klare Informationen zu erhalten, doch die Regierung informiert sehr zurückhaltend. Die Nachrichten aus dem Ausland über unsere Situation sind viel dramatischer», erzählt er. Die Versorgungslage akzentuiere die Situation. Das Erdbeben hatte beträchtliche Schäden hinterlassen. Brücken brachen zusammen und Strassen gingen kaputt. Auch Dennlers Schule ist bis auf Weiteres geschlossen. Es gibt kein Wasser und der Strom kam erst am späten Sonntagabend wieder. «Lange war es darum schwierig, zu wissen, was los ist.»

Keine Jodtabletten erhältlich

Wegen der ungewissen atomaren Bedrohung würde Dennler am liebsten ins nächste Flugzeug steigen und wegfliegen. «Doch das Benzin ist rationiert. Wir würden es nicht bis zum Flughafen schaffen und Bahnen fahren keine.» So bereitet er sich so gut es geht auf den möglichen radioaktiven Niederschlag vor. «Müssen wir raus, tragen wir gute Regenmäntel. Drinnen lassen wir die Türen und Fenster zu.» Gern hätte er noch Jodtabletten geschluckt, doch die konnte er noch nirgends auftreiben. «Nicht einmal die Schweizer Botschaft konnte mir helfen.»

Dennlers Hauptbeschäftigung ist das Anstehen. Am Anfang gab es etwa Strom nur beim Gemeindehaus. «Dort der Reihe nach jeder sein Handy aufladen.» Auch alles andere gibt es nur gegen viel Geduld. «Für die rationierten 10 Liter Benzin bin ich 90 Minuten lang Schlange gestanden», erzählt er. Viele Läden seien zudem geschlossen, vor anderen warte man ewig.

Hohe Disziplin und gute Organisation

Trotz der Sorge beeindruckt Dennler die Ruhe und Disziplin der Japaner. «Man muss sich hier nicht vor Plünderern oder Räubern fürchten, auch wenn es kein Licht gibt und bei vielen Geschäften die Schaufenster kaputt sind.» Die Scheiben seien nur mit Plastikplanen notdürftig geflickt worden, dennoch bewachten weder Militär noch Polizei die Läden. «Niemand würde hier die Situation ausnützen.»

Gleichzeitig werde rundum bereits aufgeräumt. Viele Menschen seien am Putzen und Flicken, und Helikopter, Ambulanzen und Feuerwehrautos seien ständig unterwegs. Auch sonst sei alles gut organisiert. «Wer nicht mehr zurück in sein Haus konnte, hatte bereits am Freitag im Nu von irgendwoher ein Zelt und hat es aufgeschlagen.»