Argentinien

14. Dezember 2014 17:03; Akt: 18.04.2016 14:43 Print

Schweizerin sucht ihren gestohlenen Sohn

Norma Känzig bringt 1973 in Argentinien Zwillinge zur Welt. Wenig später soll einer der Buben gestorben sein. Die Mutter weiss jetzt, dass das nicht stimmt.

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Norma Känzig (69) aus Gais AR sucht nach ihrem Sohn Carlos - seit fast 43 Jahren. Carlos Baez ist Pablos Zwillingsbruder (im Bild). Carlos und Pablo dürften genau gleich aussehen: Die beiden sind eineiige Zwillinge. Carlos Baez kam 1973 in Argentinien zur Welt. Drei Tage später sagte man der Mutter, das Kind sei gestorben. 2009 liess Känzig die Überreste untersuchen. Das Resultat: Sie ist nicht die Mutter des verstorbenen Babys. Känzig war am 5. Juni 1973 für eine Schwangerschaftskontrolle ins Spital gegangen. Das Personal brachte sie jedoch direkt in den Kreissaal. Dann band die Hebamme sie ans Bett fest und leitete die Geburt ein. In der Nacht vor Carlos' angeblichem Tod seien drei Männer in den Neonatologie-Saal gekommen, sagte Norma Känzig am 8. März 2016 vor der Staatsanwaltschaft in Buenos Aires aus. Dann habe einer von ihnen ein Tuch über ihr Gesicht gelegt. Die Leiche des Babys durften die Eltern nie sehen, sagte Känzig aus. Am 12. April 2016 gab sie beim Gerichtsmedizinischen Institut in Buenos Aires eine Blutprobe für einen neuen DNA-Abgleich ab. Das Resultat wird am 4. Juni bekannt gegeben. Der Fall: Pablo und Carlos Baez kamen am 5. Juni 1973 in einem Spital in Buenos Aires, Argentinien, zur Welt. Drei Tage nach der Geburt wurde der Mutter Norma Känzig-Baez mitgeteilt, dass Carlos gestorben sei. Die Mutter glaubte nie daran. Im Dezember 2014 startete sie in Argentinien und der Schweiz eine Suchaktion, um ihren Carlos zu finden. Da es eineiige Zwillinge sind, dürfte Carlos etwa so ausgesehen haben - wie sein Bruder Pablo (im Bild). Ist jemand im Jahr 1984 einem blonden Jungen begegnet, der so ausgehen hat? (Im Bild Pablo Baez im Alter von 11 Jahren.) Auf diesem Bild ist Pablo 18. Im Alter von 20 Jahren (Jahr 1993) hat Pablo so ausgesehen. Pablo ist im Jahr 2005 31 Jahre alt. Mit 35 (im Jahr 2008) hat Pablo Baez so ausgesehen.

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Norma Känzig-Baez und ihr Sohn Pablo wünschen sich nur eines: Pablos Zwillingsbruder Carlos zu finden. Mutter und Sohn sind überzeugt: «Er lebt, wir spüren es», sagen sie am Donnerstag während der Sendung «Los unos y los otros».

Im argentinischen Pendant zur Sendung «Aktenzeichen XY» erzählt die heute 67-jährige Frau aus Gais AR, wie ihr vor über 40 Jahren der neugeborene Sohn in Argentinien gestohlen wurde.

Von Anfang an eine mysteriöse Geschichte

Am 5. Juni 1973 ging die im siebten Monat schwangere Känzig mit ihrem ersten Sohn Oscar — damals zehn Monate alt — zu einer Routinekontrolle in das Spital Fernández im Zentrum von Buenos Aires. Obwohl sie keine Wehen hatte, wurde sie direkt in den Kreissaal gebracht. Die Geburt wurde eingeleitet und wenig später kamen die eineiigen Zwillinge Carlos und Pablo zur Welt.

Während des Spitalaufenthalts besuchte eine Nonne die junge Mutter und fragte: «Wie wirst du mit allem zurechtkommen? Du hast jetzt drei kleine Kinder und Gott hat dir nur zwei Hände gegeben.» Sie schenkte Känzig zwei kleine Kruzifixe für die Neugeborenen.

Plötzlich ist Carlos tot

In der zweiten Nacht traf die Mutter drei Männer im Neonatologie-Saal. Sie standen um den Brutkasten herum. Einer von ihnen legte ein weisses Tuch über ihr Gesicht – was danach geschah, weiss Känzig bis heute nicht.

Am nächsten Morgen erwachte sie in ihrem Bett. Sie rannte in den Baby-Saal. Doch nur noch Pablo lag im Brutkasten. Die Ärzte erklärten der Mutter, dass Carlos über Nacht gestorben sei. Die Rede war von einer «genetischen Missbildung». Känzig widerspricht: «Das Kind war kerngesund.»

Die Leiche des Babys bekam sie nie zu Gesicht. «Weil Wochenende war, sagte man mir, dass die Leichenschauhalle geschlossen sei.» Ihr Mann organisierte das Begräbnis. Alles, was Känzig erreichen konnte, war, dass ein Angestellter des Bestattungsinstitutes Carlos’ Kettchen mit dem Kruzifix in den Sarg legt.

Mutter holt Knochen zu sich

Jahrelang weinte Norma Känzig um ihr verstorbenes Kind — und dennoch hatte sie nie das Gefühl, dass ihr Carlos wirklich tot sei. Ähnlich geht es heute dem Zwillingsbruder Pablo. In der argentinischen TV-Sendung erzählt er: «Ich spüre, dass mir meine zweite Hälfte fehlt.» Als Kind habe er auf der Strasse immer Ausschau nach seinem Bruder gehalten.

1978 liess Känzig den Sarg ausgraben und packte die kleinen Knochen, die sie selber mit der Hand einsammelte, in eine Metallbox — mitsamt mit dem Kruzifix.

1990 zog die Familie — inzwischen waren noch zwei weitere Söhne hinzugekommen — in die Schweiz. In den Koffern war auch die Schachtel mit Carlos’ Überresten. 2001 liess sich das Ehepaar Baez scheiden. Oscar Baez kehrte nach Argentinien zurück.

DNA-Proben zeigten: Totes Baby war nicht Känzigs Kind

Ein Familienarzt riet der untröstlichen Mutter, eine DNA-Analyse mit einer Probe der mitgebrachten Knochen durchzuführen. Känzig schickte die Proben im Jahr 2009 nach Dallas. Das Resultat des Labors Orchid-Cellmark, einer der renommiertesten DNA-Prüfstätten weltweit, war eindeutig: Norma Känzig ist nicht die biologische Mutter des toten Babys in der Schachtel.

«Ich habe die Hoffnung, dass ich meinen Sohn eines Tages sehen werde», sagt sie. Sie wünscht sich dies vor allem für ihren Pablo. «Er leidet, weil ihm sein Zwilling fehlt.»


Pablo Baez macht einen Videoaufruf: Wer hat Carlos gesehen? (Video: YouTube/swissredcross)

(kle)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Julie am 14.12.2014 17:38 Report Diesen Beitrag melden

    Wie traurig...

    Traurige geschichte. Hoffentlich finden sie den zwillings bruder. Wir menschen werden belogen überall,dass meisten bekommen wir gar nicht mit

  • Beobachterin am 14.12.2014 18:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hilfe

    Diese Geschichte ist vielen Mütter auf eine ähnliche Weise durch die Militärdiktatur passiert. Ich glaube heute ist die kath. Kirche in Buenos Aires kooperativ. Kürzlich hat sich eine Großmutter (sie hat eine Stiftung, welche sich für verschwundene Kinder einsetzt) an den Papst gewendet und sie hat tatsächlich ihren verschwundenen Enkel (auch in den 70igern geboren) wieder gefunden. Good Luck!

  • Beobachterin am 14.12.2014 18:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gefunden

    Im Googel gefunden: Die Vorsitzende der "Abuelas de Plaza de Mayo" hat in Argentinien ihren von Militärs geraubten Enkel gefunden. Der heute 36-jährige Mann wurde durch einen Gentest als Sohn der 1977 von Militärs verschleppten Tochter von Estela Carlotto identifiziert. "Ich wollte nicht sterben, ohne ihn umarmt zu haben" erklärte die 83-jährige Präsidentin der Menschenrechtsorganisation "Abuelas de Plaza de Mayo" ("Großmütter der Plaza de Mayo") am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Buenos Aires.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Menschlein am 15.12.2014 00:10 Report Diesen Beitrag melden

    Die Hoffnung ..

    Ich wuensche viel Glueck. Ich denke auch dass die Kirche heute nicht mehr so ist wie vorher. Auf jedem Fall ist sie nie mehr so Einflussreich wie vorher. Zum Glueck. Und einfach so nebenbei.. mein lieblingsbuch zum thema religion, Kirche & Gesellschaft ist 'melmoth der wanderer' sehr zu empfehlen

  • Dänu Ag am 14.12.2014 23:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ernst gemeint!

    Wieso nicht mal bei "Vermisst" von RTL melden? Die leistet ganze Arbeit finde ich!

  • Carla am 14.12.2014 22:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gleiches Schicksal

    Mir wiederfuhr das gleiche Schicksal, ich kam im 6 Monat zur Welt, meiner Mutter wurde gesagt ich sei verstorben, gegen ein pasr Scheine, wurde ich adoptiert..... Meine leibliche Mutter habe ich gefunden, das man die Zeit nie aufholen kann muss ich nicht erwähnen, ich wie auch meine leibliche Mutter sind traumatisiert... Hätte ich eine schöne Kindheit gehabt wäre es noch eins, aber eben, ohne Wurzeln im Leben zu stehen ist schwer :-/

    • Daniel am 14.12.2014 23:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Ohje

      Tut mir Leid dass ihnen das widerfahren ist :( aber sehr schön dass sie ihre mutter finden konnten. Alles gute.

    • Frau am 14.12.2014 23:59 Report Diesen Beitrag melden

      Darf ich fragen?

      Und wo war es Carla?

    einklappen einklappen
  • Petra am 14.12.2014 22:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Viel Glück

    Ich wünsche Ihnen von Herzen viel Kraft und das nötige Quäntchen Glück. Die Gerechtigkeit wird siegen und Sie Ihren Sohn/Zwillingsbruder finden. Hören Sie auf Ihr Herz und vertrauen Sie Ihren Gefühlen! Drücke fest die Daumen

  • J. Meyer am 14.12.2014 22:12 Report Diesen Beitrag melden

    Möge der Zwilling auftauchen...

    Stand nicht vor einiger Zeit ein Artikel über die Militärjunta Argentiniens in den Medien? Darin ging es doch auch um all jene verschwundenen Menschen jeglichen Alters u Geschlecht während dieser Zeit, wo auch die kath. Kirche ihr Finger schmutzig machte damals. Hunderte von Fällen, wo Angehörige ihre Verwandten suchen, welche ihnen diese Zeit raubte. Eine schreckliche Sache, die zeigt wie grausam der Mensch handeln kann, wenn es um die Erfüllung irgendwelcher Machtansprüche geht, sei es staatlich, religiös oder kommerziell organisiert. Doch Wunder geschehen manchmal....