Polizisten im zerstörten Paradise

12. November 2018 14:35; Akt: 12.11.2018 15:00 Print

Sie durchsuchen jedes Auto auf Leichen

Mit dem Jahrhundert-Feuer in Kalifornien verschwand die Kleinstadt Paradise praktisch von der Landkarte. Polizisten suchen seit Tagen nach Vermissten.

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Der Mann liegt mit dem Gesicht nach unten zwischen zwei Fahrzeugen, am Ende eines langen, staubigen Feldweges, der sich in den Hügeln über dem kalifornischen Concow-See verliert. Auf den ersten Blick sind Körper und Kleidung unversehrt. Man könnte glauben, er sei nur bewusstlos - wären da nicht die schrecklichen Verbrennungen an seinen Waden. Der Unbekannte ist ein weiteres Todesopfer der furchtbaren Waldbrände, die seit Donnerstag im US-Bundesstaat Kalifornien wüten.


Nach der Feuerwalze bleiben verbrannte Häuser und Autos zurück. Video: AFP/Storyful

Gefunden haben ihn Polizisten, die seit drei Tagen in der Kleinstadt Paradise und ihrer ländlichen Umgebung nach Vermissten suchen. Ist der Mann am Rauchgas erstickt? Lebte er auf dem benachbarten Bauernhof, von dem bis auf Dutzende versengte Cannabis-Pflanzen in einem ausgebrannten Gewächshaus nicht viel übrig blieb? «Es ist viel zu früh, das zu sagen», sagt der stellvertretende Sheriff aus dem benachbarten Bezirk Yuba.

«Man gewöhnt sich nie daran»

Die drei Beamten - einer aus dem betroffenen Bezirk Butte County und zwei aus Yuba - wollen anonym bleiben. Schweigsam fahren sie eine steinige, steile Strasse ab ohne zu wissen, was sie erwartet und wo genau sie suchen sollen. «Man gewöhnt sich nie daran, muss aber der Realität ins Auge sehen», sagt einer von ihnen mit unbewegter Miene. «Jeder geht anders damit um.» Wie er das Ganze verarbeitet? «Da antworte ich lieber nicht drauf.»

An den Strassenrändern stehen Dutzende verlassene Autos, manche unbeschadet, andere ausgebrannt. Und jedes Fahrzeug müssen die Männer auf Leichen durchsuchen - immer begleitet von einem schwarzen Leichenwagen, der bereits einen am Morgen entdeckten Toten transportiert.

Bei den schweren Bränden in den Ausläufern der Sierra-Nevada-Berge nördlich der Hauptstadt Sacramento starben laut vorläufiger Bilanz mehr als 30 Menschen. Mehr als 200 weitere werden allerdings noch vermisst. Allein in der Kleinstadt Paradise im Norden Kaliforniens brannten 6400 Häuser nieder, der Ort verschwand praktisch von der Landkarte.

Angehörige können nicht kontaktiert werden

Auch in anderen Orten Kaliforniens richtete das Feuer Zerstörungen an, darunter die bei Promis beliebte Küstenstadt Malibu. Viele Menschen in Kalifornien flüchteten in Auffangzentren oder Hotels. Doch weil die Brände auch Mobilfunkmasten zerstört haben, können viele ihre Angehörigen nicht kontaktieren.

Andere schafften es nicht, dem Inferno noch zu entkommen, als die Evakuierungen veranlasst wurde. So wie der Unbekannte, dessen Leiche nun in einen grossen, blauen Leichensack gepackt und in den Wagen verladen wird. Fotos, GPS-Koordinaten, Dokumente, die in den Autos gefunden wurden: Die Polizisten sammeln sorgfältig alle Hinweise, die bei der Identifizierung helfen könnten. Dann machen sie sich wieder auf die Suche nach weiteren Opfern. «Wir bekommen Hinweise vom zentralen Kommando», erklärt einer.

«Morgen machen wir weiter»

Kurz darauf stoppt der Wagen an einem ausgebrannten Auto, das in einen Baum gekracht ist. Auf einer weissen Plane liegt eine zusammengerollte, verbrannte Masse von der Grösse eines Kindes. Mehrere Minuten lang untersuchen die Männer die Überreste und das Fahrzeug. «Kein Schädel, es ist ein Tier!» ruft einer schliesslich erleichtert.

Das Team durchkämmt die abgelegenen Hügel, in denen einige hundert Menschen lebten, ohne weitere Opfer zu finden. Dabei stossen sie auf einen Bauernhof, den die Bewohner aufgegeben haben: Enten, Hühner, Gänse und Ziegen sind dort nun sich selbst überlassen.

Die unerwartete Entdeckung löst die Spannung der Suchkräfte, ihre Gesichter hellen sich etwas auf. Hinweise auf weitere Opfer gibt es hier nicht, der Leichenwagen hat einen Platten von den schlechten Strassen und in einer knappen Stunde geht die Sonne unter: «Für heute sind wir fertig», entscheidet einer. «Morgen machen wir weiter.»

(afp)