Extremklettern im Eis

03. Februar 2015 07:40; Akt: 03.02.2015 07:40 Print

Todesmutiger klettert Niagara-Fälle hoch

Erstmals ist es einem Extremsportler gelungen, die Niagara-Wasserfälle hochzuklettern. Will Gadd hatte Glück - beim Wetter und in der Politik.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Zwanzig Millionen Menschen besuchen jedes Jahr die berühmten Niagara-Wasserfälle im Norden New Yorks. Immer wieder versuchen Waghalsige, den 46 Meter tiefen Sturz in die Tiefe zu überleben. Letzte Woche schaffte ein Extremsportler erstmals den umgekehrten Weg – nach oben.

Natürlich mussten die Fälle dafür erst gefroren sein. Will Gadd, der in Kanada geborene beste Eiskletterer der Welt, hatte dieses Jahr Glück. Nach einem Kälteeinbruch war der sogenannte Hufeisen-Teil der mächtigen Fälle gefroren und bereit für einen Aufstieg. Gadd, 47, hackte sich am vergangenen Dienstag durch die gefährliche Route in gut drei Stunden, gefolgt von seiner Freundin und Kletterpartnerin Sarah Hueniken, 34.

Politische Winde wehten günstig

Bevor er mit der Tour beginnen konnte, musste Gadd dafür Bewilligungen einholen. Die erste Reaktion der zuständigen Behörden war ein Nein. Doch dann traf sich gut, dass New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo für die wirtschaftlich notleidende Gegend bei den Fällen ein Hilfspaket unter die Leute bringen wollte, zu dem die Aktion gut passte. Nach einem Jahr des Hin und Her erhielt Gadd schliesslich die Erlaubnis für sein Projekt.

Der Aufstieg war umweltschonend geplant. «Keine Bolzen und keine Teile durften in dem Eis zurückbleiben», sagte Gadd dem Reporter des Energy-Drink-Herstellers Red Bull, der den Klettergang sponserte. Ein besonderes Problem war die Eiskonsistenz. «Das Eis ist hier in Schichten», erklärt Gadd. «Das heisst, es gibt erst eine Eisschicht, dann Schnee und Luft, und dann wieder Eis. Das ist auf gar keinen Fall stabil.» Laut redbull.com stuft Gadd die Route mit dem extrem schwierigen Grad WI6+ ein.

Mit Eispickel und Steigeisen über den «Kessel des Todes»

Am Tag vor der Tour musste die Route gesichert werden. Gadd liess sich von oben am Seil herab und schlug brüchige Eisstücke weg. «Es gab Stücke, die waren so gross wie Autos», erzählt er. Beim Aufstieg durfte nichts schiefgehen. Als Hilfsmittel benutzten die Kletterer neben Sicherungsseilen bloss ein Paar Eispickel, Steigeisen und den Prototypen eines speziell angefertigten «Black-Diamond»-Eishakens.

Die Route begann über einem Loch im Eis, das Gadd den «Kessel des Todes» getauft hat. «Wenn du da reinfällst, ist es aus für dich; du ertrinkst oder erfrierst», sagt der Kletterer. Gadd arbeitete sich in drei rund einstündigen Etappen die Fälle empor. Alle paar Meter sicherte er sich mit Eisschrauben und Expressschlingen. Seine Partnerin schützte sich in einer Eishöhle vor fallenden Eisbrocken. Als Gadd oben ankam, folgte sie ihm nach, wobei sie alle Metallteile wieder aus der Eiswand entfernte.

«Das erschüttert deine Eingeweide»

Die Erstbegehung sei sehr schwierig gewesen, sagte der völlig durchnässte Kletterer nachher dem «National Geographic Magazine», das ihn zum «Abenteurer des Jahres» ernannt hatte. «Die Gewalt der Fälle ist unglaublich. Sie erschüttern deine Eingeweide und lassen dich sehr, sehr klein erscheinen. Ich habe noch nie etwas Ähnliches erlebt.»

Er sei nicht sicher, ob der Aufstieg ein Sieg war, sagte Gadd dem Reporter von Red Bull. «Die Tour hat mich fertig gemacht. Ich hatte extreme Unterkühlung. Ich bin vielleicht oben angekommen, aber Niagara hat den Krieg gewonnen.»

Video des Niagara-Aufstiegs:


(Quelle: YouTube/Red Bull)

(sut)