17. April 2005 13:54; Akt: 17.04.2005 22:45 Print

Traum von Kreuzfahrt endete in der Schlucht

Bei einem Carunfall am Grossen St. Bernhard sind am Sonntag bei der Walliser Gemeinde Orsières 12 Menschen getötet und 15 zum Teil schwer verletzt worden. Es handelt sich um das schlimmste Busunglück in der Schweiz seit 1982.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der Reisecar war am Sonntagmorgen auf der Nordseite des Grossen St. Bernhard aus noch ungeklärten Gründen zwischen Orsières und Liddes von der Strasse abgekommen. Das Fahrzeug überschlug sich zuerst auf einem steilen Hang mehrmals, bevor es rund 200 Meter über eine steile Felskuppe in eine Schlucht stürzte.

Mehrere Passagiere wurden aus dem Fahrzeug geschleudert. Unter den zwölf Toten befinden sich sechs Frauen, fünf Männer und ein 15- jähriger Jugendlicher, wie es am Sonntagabend vor den Medien in Orsières hiess. Für die Passagiere, die mit dem Bus in die Schlucht stürzten, kam jede Hilfe zu spät.

Chauffeur getötet

Vier Personen wurden schwer verletzt, schwebten aber nicht in Lebensgefahr. Unter den Toten befindet sich einer der beiden Chauffeure, die im Bus waren. Ob er gefahren ist, ist unklar. Zudem waren eine Reisebegleiterin und 24 Passagiere - vor allem aus der Region Bern, aber auch aus Lausanne und Martigny VS - im Car.

Die Verletzten wurden in die Spitäler von Martigny VS und Sitten transportiert. Die Leichen der Todesopfer wurden vorübergehend in einer Halle in Orsières aufgebahrt, bevor sie zur Identifikation ebenfalls nach Sitten in ein Bestattungsinstitut überführt wurden.

Eine Kreuzfahrt als Ziel

Der Car gehört dem Bieler Unternehmen Marti. Die 27 Menschen waren am Morgen in Kallnach BE gestartet. Ziel der Reise war das italienische Savona, von wo aus sie eine Kreuzfahrt machen wollten.

Car-Unternehmer Heinrich Marti sagte in der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens am Sonntagabend, dass es sich um sehr routinierte Fahrer und einen Bus vom Juli 2004 gehandelt habe.

Das Reiseunternehmen richtete eine Notfallzentrale ein (044 655 12 12). Ausserdem schickte es ein Care-Team aus Psychologen und Medizinern an den Unglücksort. Die Polizei richtete mit der Nummer 0848 112 117 ebenfalls eine Hotline für Betroffene ein.

Überlebende am Montag befragen

Wieso es am Sonntagmorgen gegen 10.00 Uhr zum Unfall gekommen war, ist nicht klar. Eine Untersuchung wurde eingeleitet. Der Unfallhergang lasse sich nicht allein mit dem Zustand der Strasse erklären, sagte der Untersuchungsrichter. Zwar sei die Fahrbahn nass gewesen, doch der Schnee sei geräumt worden.

Am Montag will der Untersuchungsrichter die ersten Überlebenden befragen. Eine technische Untersuchung soll zudem zeigen, ob mit dem Bus alles in Ordnung war.

Wegen der schlechten Wetterverhältnisse und des steilen Geländes gestalteten sich die Bergungsarbeiten äusserst schwierig. Gegen 160 Bergführer, Ärzte, Feuerwehrleute und Grenzwächter standen im Einsatz. Sie mussten sich teilweise zur Unglücksstelle abseilen lassen. Gegen 15.30 Uhr war die Rettung abgeschlossen.

Der Bundespräsident kondoliert

Bundespräsident Samuel Schmid nahm mit grosser Trauer Kenntnis vom Carunglück. In einem Schreiben teilte sein Sprecher mit, Schmid spreche den Angehörigen sein Beileid aus und wünsche den Verletzten vollständige Genesung.

Das letzte Mal ereignete sich ein derart schweres Busunglück in der Schweiz im September 1982. In Pfäffikon ZH rammte ein Zug auf einem Bahnübergang, dessen Barriere nicht heruntergelassen war, einen Reisecar. 39 Menschen starben nur 2 Personen überlebten.

(sda)