Anschlag in Minsk

13. April 2011 11:29; Akt: 13.04.2011 17:09 Print

U-Bahn-Bomber offenbar geständig

Der tödliche Bombenanschlag auf eine U-Bahn-Haltestelle im weissrussischen Minsk scheint sich zu klären: Zwei Männer haben sich selber schwer belastet.

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Eine Frau trauert um die Toten des Bombenanschlags auf eine Metrostation in Minsk. (Bild: AFP)

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Der Bombenanschlag in der Minsker Metro mit zwölf Toten ist nach Angaben des weissrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko aufgeklärt. Zwei Verdächtige hätten Geständnisse abgelegt. Die Drahtzieher seien aber weiter nicht bekannt, sagte Lukaschenko in einer Fernsehansprache.

Da die Attentäter Verbindungen zu «politischen Akteuren» gehabt haben könnten, nimmt der autokratisch regierende Präsident nun auch die Opposition ins Visier. Er habe die Generalstaatsanwaltschaft angewiesen, Oppositionelle zu verhören.

Diese könnten wissen, «wer den Angriff angeordnet hat». Diese Verhöre müssten «ungeachtet der Demokratie und des Geheules und Gejammers ausländischer Leidtragender» durchgeführt werden. Beobachter hatten direkt nach dem Attentat gewarnt, der Präsident werde nun noch repressiver vorgehen.

Drei Verdächtige hätten Geständnisse abgelegt, sagte Innenminister Anatoli Kuleschow. In weissrussischen Gefängnissen werden belastende Aussagen nach Angaben von Menschenrechtlern oft mit Folter erzwungen. Der stellvertretende Generalstaatsanwalt Andrej Schwed hatte zuvor erklärt, es seien zwei Verdächtige festgenommen worden.

Schwed sagte, auf Aufzeichnungen von Überwachungskameras sei ein weissrussischer Mann zu sehen gewesen, der eine Tasche in der U- Bahnstation Oktjabrskaja zurückgelassen habe. Danach habe er kurz vor der Explosion in seiner Jackentasche nach etwas getastet. Nach Angaben der Behörden wurde der Sprengsatz per Funk gezündet. Beim Anschlag im abendlichen Berufsverkehr wurden am Montag 12 Menschen getötet und rund 200 verletzt.

Weissrussland gedachte am Mittwoch mit Staatstrauer der Todesopfer. An öffentlichen Gebäuden wurden Fahnen auf Halbmast gesetzt; vielerorts fielen grössere Veranstaltungen und Feiern aus.

«Erdrückende Beweise»

Das Beweismaterial sei «erdrückend», behauptete Lukaschenko. Er sprach von «Bergen von Audio- und Videomaterial» und «Hinweisen». Die Verdächtigen hätten sich auch zu früheren Anschlägen in der Ex- Sowjetrepublik bekannt, sagte der Präsident. Darunter seien ein Bombenattentat am Tag der Unabhängigkeit im Juli 2008 mit 50 Verletzten in Minsk sowie ein Anschlag in der Stadt Witebsk 2005.

Der weissrussische Geheimdienst KGB verfolgt nach eigenen Angaben drei Theorien hinsichtlich des Motivs des Anschlags: eine Destabilisierung der Situation im Land, ein Racheakt einer extremistischen Organisation oder die Tat eines geistig Verwirrten.

KGB-Chef Wadim Saizew wies indes Spekulationen zurück, dass es sich bei der Bombe um einen selbstgebauten Sprengsatz gehandelt habe. Ein Sprengstoffexperte des russischen Verteidigungsministeriums gab an, es habe sich um eine professionell hergestellte Bombe gehandelt.

Land am Abgrund

Präsident Lukaschenko warnte vor Panikmache im Land. Wer Gerüchte über Lebensmittel- oder Devisenknappheit in Umlauf bringe, müsse wegen dieser «Verleumdung» mit Strafe rechnen.

Weissrussland steht vor dem Staatsbankrott. Politische Reformen im Gegenzug für Hilfe aus dem Westen lehnt Lukaschenko ab. Er hofft auf Milliardenhilfen anderer ehemaliger Sowjetrepubliken.

Lukaschenko ist seit 1994 an der Macht und regiert die ehemalige Sowjetrepublik mit harter Hand. Mehrmals hat er Demokratiebewegungen und Proteste der Opposition niederschlagen lassen. Die Regierung des früheren US-Präsidenten George W. Bush hat Lukaschenko auch deshalb als den «letzten Diktator Europas» bezeichnet.

(ap)