31. Oktober 2003 07:37; Akt: 31.10.2003 11:01 Print

US-«Geisterflotte» bedroht Europa

Eine unheimliche Flotte nimmt derzeit Kurs auf Europa: Vier von der US-Regierung ausgemusterte Kriegs- und Handelsschiffe sind auf dem Weg in europäische Gewässer.

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Beladen sind sie nach Angaben von Umweltschützern mit einer Mensch und Umwelt gefährdenden Fracht: Tonnenweise Asbest, Krebs erregendem PCB und Altöl. Ihr Ziel: Das ostenglische Teesside. Dort sollen die Schiffe verschrottet werden. Selbst heftige Proteste der EU-Kommission konnten diese «Geisterflotte» bisher nicht aufhalten.

«Schwimmende Zeitbomben» seien es, die auf den Ärmelkanal zusteuerten, sagt Jim Puckett von der US-Umweltgruppe Basel Action Network (BAN). «Selbst wenn sie es über den Atlantik und den Ärmelkanal schaffen, droht spätestens in Teesside eine Katastrophe.»

Die beiden ersten Schiffe dürften die Hälfte ihrer 3500-Meilen- Reise bereits hinter sich haben. Sie werden um den 5. November in Teesside erwartet, zwei weitere folgen im Schlepptau.

Ehemalige Eliteeinheit

Für die Boote bedeutet die letzte Überfahrt ein trauriges Ende. Alle gehören zu einer ehemaligen US-Eliteeinheit. Die «Nationale Reserveflotte zur Verteidigung» stammt aus dem Jahr 1946.

Von ihrem grössten Heimathafen auf dem James River im US- Bundesstaat Virginia sollten die Schiffe im Ernstfall innerhalb von Stunden einsetzbar sein. Doch inzwischen ist der Fluss zu einem gigantischen Schiffsfriedhof verkommen.

Mehr als 100 Boote rotten dort vor sich hin, viele von ihnen stammen noch aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. So auch zwei der vier Schiffe, die nun auf dem Weg nach Europa sind.

Empörung in Brüssel

«Es macht keinen Sinn, diese verseuchten Schiffe über den Atlantik nach England zu schleppen», empörte sich EU- Umweltkommissarin Margot Wallström kürzlich vor dem Europaparlament. «Recycling-Möglichkeiten gibt es auch in den Vereinigten Staaten.»

In Brandbriefen an die britische und die US-Regierung rief die oberste europäische Umweltschützerin beide Seiten zum Umdenken auf. Eine Reaktion erhielt sie bisher nicht.

Washington weist die Vorwürfe aus Brüssel energisch zurück. Bei der Ausschreibung zur Verschrottung der Schiffe habe die britische Firma Able nicht nur das günstigste, sondern auch das umweltgerechteste Angebot gemacht, sagt eine US-Beamtin in Brüssel.

Die Angaben der Umweltschützer zur Ladung der Schiffe hält sie für absurd: «Sie sind nicht voller giftiger Materialien.» Das Asbest an Bord diene dem Feuerschutz, das PCB sei so weit wie möglich entfernt worden. Und das Öl treibe die Wasserpumpe an. «Es wird keine Umweltverschmutzung geben», versichert die US-Beamtin.

Entrüstung in England

Die britische Regierung hält sich indes in der Sache bedeckt. Und das, obwohl in den englischen Medien ein Sturm der Entrüstung losgebrochen ist. «Gebt die Geisterflotte auf», titelte das Boulevardblatt «Sun».

Der Protest richtet sich auch gegen die Entsorgungsfirma Able. Sie will die US-Schiffe nicht auf dem Trockendock, sondern auf dem Fluss Tees zerlegen. Mit dem Deal in Höhe von umgerechnet 23 Millionen Euro würden 200 Arbeitsplätze geschaffen, verteidigt sich die Firma.

Unterdessen schliesst Brüssel rechtliche Schritte nicht mehr aus. Unklar ist aber, ob Umweltkommissarin Wallström eine Handhabe gegen Washington hat.

(sda)