10. Juli 2007 12:35; Akt: 10.07.2007 19:49 Print

Vatikan: «Protestanten bilden keine Kirche»

Der Vatikan hat den Protestanten das Recht abgesprochen, ihre Glaubensgemeinschaft als Kirche zu bezeichnen. Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund sieht damit wesentliche Errungenschaften der Ökumene in Frage gestellt.

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Papst Benedikt XVI. bekräftigt die universelle Vorrangstellung der katholischen Kirche. In einem von ihm gebilligten Dokument wird erklärt, dass die orthodoxen Kirchen unter einem Mangel litten und die Protestanten keine Kirche im eigentlichen Sinn seien.

Das Dokument mit dem Titel «Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche» wurde von der Glaubenskongregation im Vatikan unter Leitung von Kardinal William Levada erstellt, jenem Gremium, dem Benedikt XVI. vor seiner Wahl zum Papst vorstand. Es nimmt in wesentlichen Punkten die Schrift «Dominus Jesus» aus dem Jahr 2000 auf, die unter Federführung des heutigen Papstes entstand und damals einen Sturm der Kritik entfachte, weil sie anderen christlichen Gemeinschaften als der katholischen nicht den Titel «Kirche» zubilligte.

Dass der Vatikan den Gemeinschaften, die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgingen, den Titel «Kirche» nicht zubilligt, wird auch im neuen Dokument damit begründet, dass diese Gemeinschaften «nach katholischer Lehre die apostolische Sukzession im Weihesakrament nicht besitzen». Deshalb fehle ihnen ein wesentliches Element des Kircheseins, weswegen sie nach katholischer Lehre nicht Kirchen im eigentlichen Sinn genannt werden könnten.

Die Ostkirchen besässen dagegen trotz ihrer Trennung wahre Sakramente - «und zwar vor allem Kraft der apostolischen Sukzession das Priestertum und die Eucharistie». Allerdings leide die orthodoxe Kirche unter einem Mangel, weil sie das Primat des Papstes nicht anerkenne und ihr damit ein inneres Wesenselement fehle.

Das Dokument bezieht sich im wesentlichen auf die Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils, jener Versammlung von 1962 bis 1965, die als entscheidender Schritt zur Modernisierung der katholischen Kirche gilt. Man wolle einige Ausdrücke daraus klären, «die in der theologischen Diskussion in Gefahr sind, missverstanden zu werden», heisst es. Zugleich räumte der Vatikan aber ein, dass «in den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die noch nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen, kraft der ihnen vorhandenen Elemente der Heiligung und der Wahrheit die Kirche Christi gegenwärtig und wirksam ist». Benedikt XVI., der derzeit in Lorenzago di Cadore in den Dolomiten seinen Sommerurlaub verbringt, habe das neue Dokument gutgeheissen, bestätigt und dessen Veröffentlichung angeordnet, heisst es weiter.

Bischof Kurt Koch, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz (SBK), schrieb, das römische Dokument lege seinen Finger erneut auf die unerledigten Aufgaben und in die eigentliche Wunde in der heutigen ökumenischen Situation. Es sei aber kein Hindernis für die Ökumene, sondern bilde eine Herausforderung zu mutigen weiteren Schritten. Es gelte, die unaufschiebbaren Fragen des theologischen Kirchenverständnisses und des Ziels der Ökumene anzugehen, das für die katholische Kirche im Gegensatz zu den Protestanten die sichtbare Einheit der Kirche sei.

Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) sieht mit dem Exklusivanspruch der römisch-katholischen Kirche wesentliche Errungenschaften der Ökumene in Frage gestellt. Der SEK stelle mit Sorge fest, dass sich die katholische Kirche durch den Rückzug auf sich selber aus der weltweiten Gemeinschaft der Kirchen ausschliesse. Für das evangelische Verständnis sei grundlegend, dass die Kirche nicht selber die Wahrheit sei, sondern auf die Wahrheit, auf Christus, hinweise. Die reformierten Kirchen in der Schweiz seien fest entschlossen, weiterhin mit den römisch-katholischen Mitchristen verbunden durch die gemeinsame Taufe und den gemeinsamen Glauben als Kirche Jesu Christi unterwegs zu sein.

Moskauer Patriarchat lobt «ehrliche Erklärung» des Vatikan

Die russisch-orthodoxe Kirche hat den vom Vatikan veröffentlichten Text zur Besonderheit der Katholischen Kirche im Grundsatz für seine eindeutige Position gelobt.
«Das ist eine ehrliche Erklärung. Sie ist viel besser als die so genannte kirchliche Diplomatie», sagte der Leiter des Aussenamtes des Moskauer Patriarchats, Metropolit Kirill, am Dienstag in Moskau.

Das Dokument zeige «wie nah beziehungsweise wie fern wir einander sind.» Das sei eine Grundvoraussetzung für einen «ehrlichen theologischen Dialog».

Ebenso wie der Vatikan fusse das Moskauer Patriarchat auf der «apostolischen Sukzession». In der katholischen Lehre ist damit gemeint, dass sich Päpste und Bischöfe noch heute auf den 2000 alten Auftrag Jesu Christi an die Apostel zur Glaubensverbreitung berufen.

Das Verhältnis zwischen Rom und Moskau gilt seit langem als gespannt. Wiederholt hat der russisch-orthodoxe Patriarch Alexi II. die Gleichrangigkeit der orthodoxen und der katholischen Kirche unterstrichen.

Quelle: ap/sda