06. Juni 2005 23:39; Akt: 07.06.2005 08:25 Print

Verdorbener Käse: Zwei Tote und zwei Aborte

Im Kanton Neuenburg sind zwei ältere Menschen an einer Listerien- Vergiftung gestorben. Zudem erlitten zwei vergiftete Frauen Fehlgeburten, sechs weitere Personen wurden ins Spital gebracht. Alle Infizierten hatten «Tomme»-Käse gegessen.

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Die Neuenburger Kantonsärztin bestätigte am Montagabend die Todesfälle, die vom Lokalradio «RTN» gemeldet worden waren. Die beiden älteren Menschen seien bereits vor zwei Wochen gestorben sagte sie. Sie seien schon vorher «sehr krank» gewesen. Die Bakterien-Infektion habe aber zu ihrem Ableben beigetragen.

Seit Anfang Mai

Insgesamt wurden im Kanton Neuenburg seit Anfang Mai zehn Personen mit Listeriose ins Spital eingeliefert, wie die Kantonsverwaltung bereits am Montagnachmittag mitgeteilt hatte, ohne die Todesfälle zu erwähnen. Allein letzte Woche wurden fünf Fälle entdeckt.

Die Nachforschungen ergaben laut Communiqué, dass alle Erkrankten von der gleichen Firma produzierten «Tomme»-Weichkäse gegessen hätten. Michel Pagnier, von der gleichnamigen Firma, bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur sda, dass der Kantonschemiker am Montag in seinem Betrieb Produktproben zu detaillierten Untersuchung geholt habe.

Er habe die Kunden der Firma Pagnier, darunter die Migros- Genossenschaft Neuenburg-Freiburg, umgehend über den Verdacht informiert. Er wolle nun aber die Resultate der Untersuchungen abwarten, bevor er eventuelle Massnahmen ankündige, sagte Pagnier weiter.

Klar sei, dass die Produktion der letzten und vorletzten Woche vernichtet würde, falls sich der Verdacht bestätigen sollte. Früher produzierten «Tomme»-Käse gibt es nicht. Ein am Montag produzierter Käse ist am Montag darauf bereits verkauft, sagte Pagnier weiter.

Einziger Produzent im Kanton

Die Firma Pagnier im Val-de-Travers NE beschäftigt etwa ein Dutzend Angestellte. Pagnier ist der einzige «Tomme»-Produzent im Kanton Neuenburg und stellt täglich 1200 «Tomme» her.

Seitens der Migros, liefen am Montagabend noch Abklärungen. Die kontaktierten Sprecher konnten noch keine näheren Auskünfte geben. Der Käse sei aber nur an die Genossenschaft Neuenburg-Freiburg geliefert worden. Es werde vermutet, dass das Prdoukt ausschliesslich regional vertrieben werde.

Das Kantonale Gesunheitsamt ruft die Bevölkerung dringend auf, momentan keinen in Neuenburg hergestellten Tomme mehr zu essen. Die verdächtigen Käse sollen zerstört werden.

Gefährlich für Geschwächte

Listerien sind stäbchenförmige Bakterien. Übertragen werden sie entweder über Tiere oder über unerhitzte tierische Lebensmittel. Eine Infektion verläuft bei gesunden Menschen meist harmlos. Für schwangere Frauen oder Menschen mit geschwächtem Immunsystem kann sie aber schwerwiegene Konsequenzen haben.

Listerien können Blutvergiftungen oder Hirnhautentzündungen auslösen. Bei Schwangeren können die Bakterien zu Früh- oder Fehlgeburten führen oder eine schwere Schädigung des Kindes verursachen.

Epidemie im 1987

Der Vorfall weckt besonders in der Romandie ungute Erinnerungen an die Listeriose-Epidemie von 1987. Damals waren in der Schweiz 31 Menschen nach dem Verzehr von infiziertem Vacherin Mont d'Or ums Leben gekommen. Mindestens die Hälfte davon waren Foeten und Neugeborene.

In der Folge verboten die Behörden Duzende Käsesorten, Tonnen von Käse mussten vernichtet werden. Der Absatz im In- und Ausland brach rapide ein, was viele Käsereien in der Westschweiz in den Ruin trieb. Auch Frankreich war 1992 von einer Listeriose-Epidemie betroffen, die über 60 Menschen das Leben kostete.

(sda)