Inzestprozess

19. Dezember 2011 16:27; Akt: 19.12.2011 16:34 Print

Vergewaltigung nicht nachgewiesen

Ein 69-Jähriger stand in Bayern vor Gericht, weil er der mehrfachen Vergewaltigung seiner Tochter angeklagt war. Er kam mit einer milden Strafe davon.

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Der Täter Adolf B. auf einer Archivaufnahme. (Bild: AFP)

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Karl Herzog wirkt zufrieden. Selbstbewusst verschränkt der Anwalt seine Arme und blickt erhobenen Hauptes in die Menge, während der Vorsitzende Richter am deutschen Landgericht Nürnberg-Fürth, Günther Heydner, seinen Mandanten Adolf B. aus Willmersbach vom Vorwurf der jahrzehntelangen Vergewaltigung seiner Tochter freispricht. Es gebe keine Beweise dafür, dass die heute 46-jährige Renate B. auch nach 1991 noch gewaltsam von ihrem Vater zum Sex gezwungen wurde, argumentierte das Gericht am Montag.

Wegen der Verjährungsfrist von 20 Jahren waren Vorfälle vor 1991 nicht angeklagt. Adolf B., der die sexuelle Beziehung zu seiner Tochter zugegeben hatte, wurde lediglich wegen Inzests in zehn Fällen für schuldig gesprochen. Er muss hierfür zwei Jahre und acht Monate in Haft. Ein Urteil, das der 69-Jährige erleichtert hinnahm.

Mehr als zwei Stunden brauchte Richter Heydner, um das für viele Prozessbeobachter schwer verdauliche Urteil zu begründen. Schliesslich waren auch für die Zeit nach 1991 noch mehrere hundert Fälle von Vergewaltigung angeklagt. Renate B. soll sogar erstmals als Zwölf- oder Dreizehnjährige von ihrem Vater mit Gewalt zum Sex gezwungen worden sein. Sie bekam drei behinderte Söhne von ihm, von denen zwei schon als Kleinkinder starben.

Angeklagter als aggressiv beschrieben

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hatte die hagere Frau mit den kurzen roten Haaren ihre Anschuldigungen vor Gericht wiederholt und ausgesagt, ihr Vater habe ein strenges Regiment geführt, unter dem auch ihre vier Brüder und die Mutter gelitten hätten.

Zeugen beschrieben Adolf B. als aggressiv, sobald er zu viel getrunken hatte, was regelmässig der Fall gewesen sein soll. Als seine Tochter 1987 als einzige in der Familie den Führerschein machte und ihren Vater von seinen Wirtshausbesuchen mit dem Auto abholte, wurden die beiden auch beim Stell-Dich-Ein auf Wald- und Feldwegen ertappt. Beim Sex will sie aber niemand gesehen haben. Und auch Gewalt will niemand beobachtet haben. Im Supermarkt, wenn die beiden zusammen einkaufen waren, hätten sie sogar wie «ein Herz und eine Seele» gewirkt, schilderte ein Zeuge vor Gericht. Deshalb habe auch niemand etwas unternommen, obwohl die ungewöhnliche Vater-Tochter-Beziehung schon seit den frühen 80er Jahren für Gesprächsstoff in und um Willmersbach gesorgt hatte.

Widersprüchliche Aussagen des Opfers

«Wenn es Konflikte gegeben hätte, das hätte man doch gemerkt», sagte Heydner mit Blick auf die Aussenwirkung des Paares. Er betonte aber, dass die Kammer durchaus davon ausgeht, dass Renate B. von ihrem Vater erstmals vor 34 Jahren vergewaltigt wurde. «Diese Frau hat allem Anschein nach eine schlimme Kindheit in einem schlimmen Elternhaus gehabt. Sie wurde in jungen Jahren mit Dingen konfrontiert, die alles andere als schön waren», betonte der Richter und ergänzte: «Aber darum geht es nicht». Denn das Gericht habe nachweisen müssen, dass sich Adolf B. auch nach 1991 noch an seiner Tochter mit Gewalt vergangen habe. «Das können wir nicht», erklärte Heydner. Als Hauptargument führte er widersprüchliche Aussagen des Opfers zu wesentlichen Ereignissen an.

So berichtete Renate B. beispielsweise über den ersten Geschlechtsverkehr mit ihrem Vater - bei Polizei, Ermittlungsrichter und Gericht - unterschiedlich und zunehmend dramatischer und machte auch unterschiedliche Angaben zur Häufigkeit der Übergriffe in jüngster Zeit. «Nach alledem haben wir keinen Schluss daraus ziehen können, dass Renate B. in der nicht verjährten Zeit tatsächlich mit Gewalt zum Geschlechtsverkehr gebracht wurde», sagte er.

Das Gericht gehe vielmehr davon aus, dass sich - nach anfänglichem Missbrauch - über die Jahre gewisse Verhaltensweisen eingeschliffen hätten und sich Renate B. damit abgefunden habe, dass ihr Vater Sex mit ihr wolle. Sie habe die Aussicht gehabt, dafür eines Tages das gemeinsame Wohnhaus zu erben. Erst als ihr die Eltern Anfang 2011 klar gemacht hätten, dass sie ihr Erbe mit den Brüdern teilen müsse, habe sie sich ausgenutzt gefühlt und alles aufgedeckt. «Das mit dem Erbe des Hauses war für sie entscheidend», fasste Heydner zusammen, «nicht die Übergriffe des Vaters».

(ap)