Faszination Geisterstadt

13. Mai 2012 21:53; Akt: 13.05.2012 21:53 Print

Verlassen, verwunschen, verflucht

Sie heissen Prypjat, San Zhi oder Pyramiden und könnten unterschiedlicher nicht sein. Was sie verbindet: Sie wurden alle aufgegeben. Eine verstörende Reise in verlassene Städte rund um die Welt.

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Prypjat ist wohl die bekannteste Geisterstadt. Sie wurde 1970 für die Arbeiter des Kernkraftwerks Tschernobyl gegründet. 1986 musste Prypjat infolge des Reaktorunglücks eiligst geräumt werden. Am Unglückstag, dem 26. April 1986, wohnten hier knapp 50 000 Menschen. Gut 15 000 davon waren Kinder. Der Rummelplatz hätte am 1. Mai 1986 eröffnet werden sollen. Es kam nie dazu. Prypjat ist zum Sinnbild der Anti-Atomkraft-Bewegung geworden. Seit Juli 2011 ist die Stadt für Touristen geöffnet. Wittenoom steht in der Westaustralischen Region Pilbara. die Stadt entstand 1947 als Arbeiterstadt für den Abbau von Blauem Asbest. Noch in den Fünfzigern war Wittenoom eine Boomstadt. 1966 wurde die Stadt geschlossen. Grund waren Gesundheitsschäden durch Asbeststaub, vor denen Ärzte bereits seit 20 Jahren gewarnt hatten. Ein weiterer Grund für die Schliessung war die finanzielle Schieflage der Minengesellschaft. 2006 wurde Wittenoom der Status als Stadt aberkannt, 2007 verschwand auch ihr Name von den Landkarten. Trotz gesundheitlicher Bedenken leben immer noch ein paar Menschen hier. Sie betreiben ein Café, einen Edelstein-Laden und einen Campingplatz. San Zhi ist das Nonplusultra einer Geisterstadt: In der nie fertiggestellten Anlage soll es jahrelang gespukt haben. Geplant war ein Ferienresort. Die Investoren hatten vor allem US-Offiziere im Visier. Baubeginn war 1978. 1980 wurde die Bautätigkeit jedoch eingestellt, da den Investoren das Geld ausging. Aberglaube war ein weiterer Grund für die Aufgabe des Projekts. So wurden diverse Autounfälle auf der Baustelle damit erklärt, dass eine chinesische Drachenskulptur für die Erweiterung der Zufahrtsstrasse beschädigt wurde. Andere warnten vor verärgerten Geistern, weil die Anlage auf dem Gelände eines holländischen Friedhofs erstellt sei. In den unfertigen Häusern sollen zudem verstorbene Bauarbeiter gespukt haben. Nach der Aufgabe des Projekts wurden die Häuser zu einer beliebten Tourismusattraktion. Bis 2010, als die Anlage definitiv abgerissen wurde. Ebenfalls eine Geisterstadt ist Varosia auf der Insel Zypern. Der Bezirk der Stadt Famagusta gehört zur Republik Zypern, wird jedoch von der Türkei beansprucht und ist heute militärisches Sperrgebiet. Erbaut wurden die gigantischen Hotelanlagen für den Massentourismus der Sechziger- und Siebzigerjahre. Seit die Türkei 1974 Varosia besetzt hat, verfallen die Gebäude. Israel und Syrien haben jahrelang um die Stadt auf den Golanhöhen gekämpft: 1967, während des Sechstagekriegs, eroberte Israel die syrische Stadt. 1974 gab Israel Qunaitra an Syrien zurück. Seither ist Qunaitra eine verminte Geisterstadt. Laut Syrien und der UNO und haben die Israeli vor ihrem Abzug die 37 000 Bewohner vertrieben und deren Häuser zerstört. Israel widerspricht: Die Stadt sei bereits 1973 im Jom-Kippur-Krieg von der syrischen Artillerie zerstört worden. Bei seinem Besuch in der nun wieder syrischen Stadt hat der damalige Präsident Hafiz al-Assad 1974 beschlossen, die Stadt nicht mehr wiederaufzubauen, sondern als Mahnmal für die israelischen Kriegsgräuel in ihrem Zustand zu belassen. Die Siedlung auf Spitzbergen wurde um 1910 erstellt. Hier wohnten die Arbeiter für den Kohleabbau. Zuerst hatte Schweden die Abbaurechte. 1927 hatte die Sowjetunion die Rechte erworben. Genosse Lenin überwachte die Produktion. Infolge von Glasnost entwickelte sich der Ort auch als Tourismusdestination. 1998 wurde der Kohleabbau jedoch eingestellt und die letzten Menschen verliessen den Ort. Weder die wirtschaftliche Entwicklung noch eine Naturkatstrophe führten zum Untergang von Oradour-sur-Glane. Es waren die Nazis, die am 10. Juni 1944 fast die gesamte Bevölkerung der Stadt ermordeten. Frauen, Männer und Kinder wurden erschossen oder bei lebendigem Leib verbrannt. Danach zerstörten die Nazis die Gebäude. Ein neues Oradour wurde in unmittelbarer Nachbarschaft errichtet. Das alte Oradour ist heute eine Gedenkstätte. Auf Schritt und Tritt entdeckt man ... ... Alltagsgegenstände der ermordeten Menschen. 1908 fanden hier zwei Eisenbahnarbeiter einen Diamanten. Aus dem Diamantensucher-Camp entstand eine Siedlung die ihren Einwohnern jeden Luxus bot. Es gab eine Eisfabrik, ein Theater, eine Turnhalle und sogar ein Schwimmbad. In der Blütezeit der Ortschaft lebten rund 400 Menschen in Kolmanskuppe. Der Spass dauerte, solange es Diamanten gab. Ab 1930 waren die edlen Steine jedoch abgebaut, eine weitere Geisterstadt entstand. Diese Stadt ist ein Opfer der wirtschaftlichen Entwicklung. Hier wurde Kohle abgebaut. Häftlinge mussten während des 2. Weltkriegs die Gebäude für die Arbeiter bauen. Laut Wikipedia lebten 1989 noch knapp 6000 Menschen hier. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion brach auch die Nachfrage nach Kohle ein. Seit 2010 ist der Ort ausgestorben. Bis zu 3700 Menschen lebten in den Glanzzeiten Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts rund um die Anlage. Als in den 1930er-Jahren die Nachfrage nach Chilesalpeter einbrach, begann der Niedergang der Siedlung. 1958 schloss das Werk schliesslich seine Tore. Die Siedlung ist seit 1960 verlassen. Seit 1970 ist das Humberstone-Salpeterwerk eine Tourismus-Attraktion. Seit 2005 gehört es zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die auch als Gunkanjima (Schlachtschiff-Insel) bekannte Geisterinsel diente von 1887 bis 1974 als unterseeisches Kohleabbau-Gebiet. Seit der Stilllegung des Werks im April 1974 ist die Insel unbewohnt. Die Gebäude sind dem Verfall preisgegeben. Sie ist seit 2009 eine Touristenattraktion. Man kann die Insel auf einem gesicherten Besichtigungspfad erkunden. Die Insel diente als Kulisse für verschiedene Filme. Unter anderem wurden hier Szenen für «The Greenless Island» (1949) und «Battle Royale» (2000) gedreht. Auch das Videospiel «Killer 7» und die Manga-Serie «Get Backers» entdeckten die Insel als Kulisse. Auch Centralia ist eine Geisterstadt. Grund für ihren Untergang ist ein unterirdisches Kohlefeuer, das seit 1962 brennt. Ob der Brand natürliche oder menschliche Ursachen hat, wurde nie geklärt. Alle Versuche, das Feuer zu löschen, sind gescheitert. Es dürfte noch 100 bis 200 Jahre weiterbrennen. Bodie ist eine der vielen ehemaligen Goldgräbersiedlungen in den USA. Die Siedlung entstand 1859. 1880 lebten hier rund 10 000 Menschen. Damals gab es in Bodie 65 Saloons, ... ... zahlreiche Bordelle und Kirchen, ... ... mehrere Zeitungen und ein Chinesenviertel mit einer Opiumhöhle. Seit 1962 ist Bodie ein Freilichtmuseum ... ... mit noch 170 Gebäuden. 1993 besetzte die armenische Armee die Stadt und vertrieb die Bevölkerung. Um eine Wiederbesiedelung zu verhindern, wurden die meisten Häuser zerstört. Berühmt ist die Moschee von Agdam. Sie ist jedoch ebenfalls in einem erbärmlichen Zustand. Das ligurische Städtchen wurde einst wegen eines Erdrutsches verlassen. Der Dorfkern ist bis heute nicht wieder bewohnt. Die Häuser verwittern langsam. Spuren der ehemaligen Bewohner ... ... sind aber immer noch vorhanden.

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Geisterstädte haben eine ganz besondere Atmosphäre. Irgendwas stimmt hier nicht. Und wenn man nicht gerade von einer Horde Touristen umringt ist, merkt man gleich: Es ist viel zu ruhig. Die Abwesenheit der Bewohner, deren Spuren man auf Schritt und Tritt findet, verstört. Man fragt sich unweigerlich, was sie vertrieben haben mag.

Hinter einer Geisterstadt steckt immer eine Tragödie, in den meisten Fällen «nur» eine wirtschaftliche. Sei es dass die Rohstoffe ausgegangen waren, derentwegen die Siedlung entstanden war, oder dass eine für die Bewohner existenziell wichtige Firma bankrott ging. Beispiele dafür sind die Goldgräberstädte in den USA, die Geisterinsel Hashima in Japan oder das Seventies-Ferienhaus-Projekt San Zhi in Taiwan.

Mahnmale für spätere Generationen

Andere Geisterstädte entstanden durch ungleich erschreckendere Ereignisse. Die Stadt Prypjat in der heutigen Ukraine etwa wurde durch den atomaren Gau vom 26. April 1986 leergefegt. Seit der Reaktorkatastrophe in Fuskushima im März 2011 gibt es auch in Japan mehrere Geisterstädte aufgrund von Radioaktivität.

Weitere Ursachen sind kriegerischer Natur. Im französischen Oradour-sur-Glane massakrierten die Nazis am 10. Juni 1944 fast alle Einwohner. Seither steht der Ort als Mahnmal an die Greueltat leer. Mehr «Glück» hatten die Bewohner von Qunaitra in Syrien: Sie wurden im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Israel und Syrien lediglich vertrieben und ihre Häuser zerstört. Die Stadt dient heute ebenfalls als Mahnmal.

Was auch immer der Grund für eine menschenleere Stadt ist: Man kann sich ihrer Faszination nicht entziehen. Allein die Fotos dieser Geisterstädte strahlen die unheimlich schöne Atmosphäre dieser Orte aus, wie ausgewählte Beispiele in obiger Bildstrecke zeigen.

(kmo)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Smile am 14.05.2012 22:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fotos

    Gibt es auch solche verlassene orte in der schweiz, oder industrie? Fürs fotografieren der perfekte ort

    einklappen einklappen
  • Visitor am 14.05.2012 06:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Prypiat/Tschernobyl

    Ich war im letzten Jahr im Tschernobyl. 2-Tages-Tour durch die Zone. War extrem beeindruckend. Wie die Natur ihr territorium zurückerobert. Krass was menschliches Versägen anrichten kann... Und trotzdem: 100% pro Atomkraft

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  • Weibel Andreas am 14.05.2012 07:47 Report Diesen Beitrag melden

    Eie unbeschreibliches Gefühl!!

    Hatte in Lettland auch eine Geisterstadt entdeckt. Es wahr eine Forschungs und Schulungseinrichtung der Russen. Es gab aber viele Unschöne Sachen darin. Als die Russen das Land verliessen haben einfach Alles liegen gelassen. Von Mikrofilmen bis hin zu Panzer und Buckern. Wahr sehr interessant.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Daniel Ter-Nedden am 15.05.2012 19:47 Report Diesen Beitrag melden

    Schweizer Geisterstädte-Sammlung

    Übrigens: Eine der umfassendsten Websites zum Thema Geisterstädte stammt von zwei Schweizern: ist eine Foto- und Geschichtensammlung mit über 2000 Bildern von Hunderten Ghost Towns und Goldgräberstädten im Westen der USA.

  • Pascal am 14.05.2012 22:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super!!!

    Das ist ein Super Beitrag! Sehr schöne Fotos!!! :)

  • Smile am 14.05.2012 22:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fotos

    Gibt es auch solche verlassene orte in der schweiz, oder industrie? Fürs fotografieren der perfekte ort

    • Creeper am 15.05.2012 20:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Verlassene Orte Schweiz

      Ja, gibt es auch. Empfehle die Website

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  • Béla am 14.05.2012 19:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Faszinierend!

    Sensationeller Artikel!!! War vor der Wende in West-Berlin, der Osten war für mich Tabu. Da lief es mir mancherorts kalt den Rücken runter, wie bei diesen Bildern.

  • tuefte88 am 14.05.2012 18:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    toll!

    toller beitrag!weiter so!