Nach 25 Jahren

16. April 2012 23:26; Akt: 16.04.2012 23:26 Print

Verlorener Sohn findet Mutter – mit Google Earth

Die Geschichte klingt wie ein modernes Märchen: Ein kleiner Junge aus Indien, der 1986 den Kontakt zu seiner Mutter verlor, konnte sie mit Hilfe von Satellitenbildern nun endlich ausfindig machen.

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Der fünfjährige Saroo (links) schlug sich jahrelang im Slum von Kalkutta durch. Erst 25 Jahre später fand er in seinen Heimatort zurück. (Bild: Screenshot BBC)

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Saroo Brierley war gerade einmal fünf Jahre alt, als seine unglaubliche Geschichte begann. Der kleine Junge war mit seinem älteren Bruder als Reinigungskraft in einem Zug unterwegs. «Es war spät am Abend, als wir aus dem Zug gestiegen sind. Ich war so müde, dass sich mich einfach am Bahnhof hingelegt habe und eingeschlafen bin», erzählt Saroo Brierly der englischen «BBC».

Das Nickerchen sollte den Rest seines Lebens bestimmen. «Ich dachte, mein Bruder kommt gleich zurück, weckt mich und wir gehen nach Hause. Aber als ich wieder aufwachte, war er nirgends zu sehen», so Brierly. Ein Zug habe im Bahnhof gewartet und er vermutete seinen Bruder darin. «Ich entschloss mich, in den Zug zu steigen und hoffte, dort meinen grossen Bruder zu treffen.»

Allein in Kalkutta

Dem war leider nicht so. Sein Bruder war nicht im Zug. Stattdessen schlief der kleine Saroo wieder ein. Als er 14 Stunden später aufwachte, befand er sich in Kalkutta, der drittgrössten Stadt Indiens. Er sei total verängstigt gewesen. «Ich glaube nicht, dass es irgendeine Mutter auf dieser Welt gern sieht, wenn sich ihr fünfjähriger Sohn allein in den Slums von Kalkutta herumtreibt», ist sich Brierley sicher.

Mit der Zeit lernte der kleine Junge, für sich zu sorgen. So wie viele andere Kinder in den Strassen von Kalkutta fing er an, zu betteln. «Ich musste aber sehr vorsichtig sein. Im Slum konnte man niemandem trauen.»

Nach Jahren schaffte er es, von der Strasse wegzukommen. Er wurde von einem Waisenhaus aufgenommen, welches ihn zur Adoption freigab. Die Brierleys, ein Ehepaar aus Australien, nahmen ihn bei sich auf. «Ich akzeptierte, dass ich mich verirrt hatte und dass ich den Heimweg nie mehr finden würde. Deshalb war ich glücklich, nach Australien gehen zu können.»

Saroo lebte sich in seinem neuen Zuhause zwar schnell ein, aber mit zunehmendem Alter wuchs in ihm das Bedürfnis, mehr über seine ursprüngliche Familie zu erfahren. Es gab nur ein Problem: Er wusste nicht einmal, aus welcher Stadt er kam. Alles was er hatte, waren seine Kindheitserinnerungen an seine damalige Umgebung.

Auf Spurensuche mit Google Earth

So fing er damit an, mit Hilfe von Google Earth nach dem Ort zu suchen, wo er geboren wurde. «Ich fühlte mich wie Superman. Man fliegt über eine Region und nimmt eines der Bilder, das man im Kopf hat und fragt sich, ‹Stimmt es überein?›. Falls nicht, fliegt man einfach weiter.»

Damit er nicht völlig willkürlich ganz Indien abfliegen musste, rechnete er sich aus, welche Distanz er als kleiner Junge auf seiner schicksalhaften Zugfahrt zurückgelegt haben musste: «Ich multiplizierte die Zeit, die ich im Zug war - ungefähr 14 Stunden - mit der Geschwindigkeit, mit der indische Züge unterwegs sind. So kam ich auf ungefähr 1200 Kilometer.»

Er nahm sich einen Zirkel und zeichnete einen Kreis, mit Kalkutta im Zentrum, auf eine Landkarte. Ziemlich schnell erkannte er, dass es die Stadt Khwanda war, nach der er suchte.

Er zoomte sich mit Hilfe von Google Earth durch die Strassen der Stadt und konnte es kaum fassen: «Ich navigierte mich durch den Ort meiner Kindheit. Es war unglaublich, als ich den Wasserfall sah, an dem ich früher gespielt habe.»

Auf nach Khandwa

Schon bald machte er sich auch in der realen Welt auf den Weg nach Khandwa. Mit Hilfe seiner Kindheitserinnerungen suchte er sich den Weg durch die indische Stadt. Er fand sein Geburtshaus. Aber es war nicht so, wie er es sich erhofft hatte: «Die Tür war mit einem Vorhängeschloss verriegelt. Es sah alles sehr heruntergekommen aus, als habe das Haus schon seit Jahren leer gestanden.»

Er erkundigte sich im Viertel nach den Bewohnern des Hauses. Ein Nachbar erzählte ihm, seine Familie sei weggezogen. «Aber es hatte sich wohl im Viertel herumgesprochen, dass ich in der Stadt war und immer mehr Leute kamen angelaufen», so Saroo. Einer der Nachbarn glaubte zu wissen, wo die Familie jetzt wohnt. «Ich bringe Sie jetzt zu ihrer Mutter», versprach dieser.

Wiedersehen mit der Mutter

«Ich fühlte mich wie betäubt und konnte es natürlich nicht glauben, was der Mann sagte.» Doch tatsächlich: Der Unbekannte führte Saroo zu seiner Mutter, die noch ganz in der Nähe wohnte. Er habe sie zunächst nicht wiedererkannt: «Das letzte Mal, als ich sie gesehen habe, war sie 34 Jahre alt. Aber ihre Gesichtszüge waren noch immer dieselben.»

Sie habe ihn wortlos an der Hand genommen und ihn zu ihrem Haus geführt. «Ich denke Sie war mindestens so benommen, wie ich es war. Sie hatte sichtlich Mühe damit, dass ihr Sohn nach 25 Jahren wie ein Geist aufgetauchte.»

Obwohl sie davon ausging, dass ihr Sohn tot war, habe sie immer einen Funken Hoffnung gehabt, gab die Mutter selber an. Ein Wahrsager habe ihr vorhergesagt, dass sie ihren Sohn eines Tages wiedersehen würde. Dies habe ihr wohl die Energie gegeben bis zum heutigen weiterzuleben, glaubt Saroo.

Filmemacher zeigen Interesse

Und was ist aus dem älteren Bruder geworden? Leider gibt es dazu kein «happy end». Der Bruder wurde einen Monat nach Saroos Verschwinden tot auf den Schienen gefunden. Man hat nie herausgefunden, ob es ein Verbrechen oder ein Unfall war.

Saroo Brierley fühlte sich dennoch erleichtert, seine richtige Familie gefunden zu haben: «Mir wurde eine extreme Last von den Schultern genommen. Ich schlafe jetzt viel besser», berichtet der inzwischen 30-Jährige.

Und es gibt noch etwas, was ihn besser schlafen lassen wird. Mit dem Kinoerfolg «Slumdog Millionaire» im Hinterkopf, zeigen die ersten Filmemacher Interesse an seiner unglaublichen Geschichte.

(hag)