Absturz-Ursachen

02. November 2015 16:30; Akt: 02.11.2015 16:46 Print

Vier Theorien – und viele offene Fragen

von Katrin Moser - Fieberhaft suchen die Ermittler den Grund, warum der russische Airbus in Ägypten abstürzte. Vier Theorien kursieren zurzeit.

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Warum stürzte am Samstag der russische Airbus A321-200 von Flug KGL9268 über der Halbinsel Sinai ab? Diese Frage beschäftigt zurzeit internationale Ermittler.

Dass es ein Terrorakt war, wird von Russland, Ägypten und den USA in Zweifel gezogen. Dass die 224 Personen an Bord aufgrund technischen oder menschlichen Versagens sterben mussten, bezweifeln hingegen die zuständigen Gesellschaften und die irische Luftfahrtbehörde: Der Airbus gehörte der irischen Besitzerin Willmington Trust, die ihn an die russische Fluggesellschaft Kogalymawia vermietet hatte. Letztere setzte die Maschine unter dem Label Metrojet für die Flüge zwischen Sharm al-Sheikh und St. Petersburg ein.

Zur Absturz-Ursache kursieren vier Theorien – und viele offene Fragen.

Menschliches Versagen: Der Metrojet-Chef dementierte am Montag, dass der Absturz auf menschliches Versagen zurückgeführt werden könne. Der Pilot Waleri Nemow sei mit über 12'000 Stunden Flugerfahrung, darunter 3860 Stunden in Airbus-Maschinen sehr erfahren gewesen.

Technisches Versagen: Die Frau des Ko-Piloten Sergei Trukatschew sagte laut BBC, ihr Mann habe vor dem Start am Telefon über den Zustand der 18-jährigen Maschine geklagt. Der Airbus hatte rund 56'000 Flugstunden und rund 21'000 Flügen hinter sich. Er war vor dem Start nicht überprüft worden. Eine Untersuchung des Treibstoffs in einem Lager in der Wolga-Stadt Samara ergab eine einwandfreie Qualität.

Im Jahr 2001 hatte die Unglücksmaschine bei der Landung in Kairo einen Heckanschlag erlitten, was schwerwiegende Schäden zur Folge hatte. Der Airbus war darauf drei Monate in Reparatur, laut der Airline kann der Absturz aber nicht auf technisches Versagen zurückgeführt werden.

Ein Abschuss: Um ein Flugzeug in einer Höhe von rund 10'000 Metern abzuschiessen, wären laut Experten Boden-Luft-Raketen erforderlich. Zum Beispiel ein Buk-System, wie es im Fall der über der Ukraine abgeschossenen Malaysia Air MH17 verwendet wurde. Dass Terroristen in der Region über solche Waffen verfügen, kann zwar nicht ausgeschlossen werden, ist aber laut Experten stark zu bezweifeln.

Ein Bombenattentat: In einer Mitteilung bekannte sich ein Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zum Attentat. Laut Experten hat der IS noch nie die Verantwortung für einen Anschlag übernommen, den er nicht selber begangen hatte, schreibt «Le Parisien». Dass eine Bombe an Bord den Crash verursachte, ist also denkbar.

Wie erhält man Klarheit?
Durchschlagende Erkenntnisse erhoffen sich die Ermittler von der Auswertung der Trümmerteile sowie der beiden bereits geborgenen Blackboxen – dem Stimmenrekorder und dem Flugdatenschreiber.

Ist der IS in Ägypten aktiv?
Ja. Nach der Absetzung des langjährigen Machthabers Hosni Mubarak im Jahr 2011 entstand die Terrorgruppe Ansar Bait al-Maqdis. Diese ist seit Juli 2013, als das Militär den ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi aus dem Amt putschte, vermehrt aktiv. Nachdem die Behörden im Oktober 2014 den Ausnahmezustand über den Sinai verhängten, schloss sich die Terrorgruppe dem IS an und nennt sich seither Wilayat Sina – Provinz Sinai. Sie besteht aus 1000 bis 1500 Personen. Laut «Le Parisien» besitzen sie hochstehende Waffen aus libyschen Militärdepots. Dutzende Attentate vor allem gegen Sicherheitskräfte gehen auf ihr Konto.

Falls es ein Anschlag war – wer war das Ziel: Russland oder Ägypten?
Der IS sieht sowohl die russische als auch die ägyptische Regierung als Feinde an: Ägypten verfolgt die sunnitisch-islamistischen Muslimbrüder, Russland unterstützt seit Ende September den syrischen Machthaber Bashar al-Assad mit Luftschlägen auch gegen den IS.

Was würde ein Attentat für Russland bedeuten?
Russland hat es bisher vermieden, von einem Terroranschlag zu sprechen. Die Medien behandelten das Bekennerschreiben der Terroristen sehr zurückhaltend, die Behörden durchsuchen medienwirksam die Büros der Airline. Laut «Time» würde ein Anschlag gegen russische Bürger dem Narrativ des Kreml widersprechen. Dieser hatte den Syrien-Einsatz damit begründet, dass man die Terroristen bekämpfen müsse, bevor sie die russische Bevölkerung angreifen. Stellt sich heraus, dass der Crash auf einen Terrorakt zurückging, gäbe dies der Kritik Vorschub, dass der Syrien-Einsatz Terroranschläge gegen Russen erst provoziert hat.

Was würde ein Attentat für Ägypten bedeuten?
Seit den Unruhen nimmt die Zahl europäischer Gäste in Ägypten stetig ab. Das Land ist deshalb dringend auf die russischen Touristen angewiesen, die laut «NZZ»im Jahr 2014 fast ein Drittel aller ausländischen Besucher ausmachten. Wenn sie sich jetzt abschrecken lassen, wäre das ein herber Schlag für Ägypten.