Rumänien

01. September 2014 09:11; Akt: 01.09.2014 09:22 Print

Wachhunde zerfleischten Ionut (4), nicht Streuner

Vor einem Jahr starb in Rumänien der 4-jährige Ionut, nachdem ihn angeblich Strassenhunde zerfleischt hatten. Eine Untersuchung bringt jetzt ans Licht, was wirklich passiert ist.

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Am 2. September 2013 wurde der vierjährige Ionut Anghel in der rumänischen Hauptstadt Bukarest von Hunden zu Tode gebissen. Er hatte den Spielplatz in einem Park verlassen und hatte ein benachbartes, leerstehendes Gelände betreten. Dort hatten ihn Wachhunde attackiert. Zuvor hatte es geheissen, streunende Hunde hätten den Jungen zu Tode gebissen. Darauf forderte Rumäniens Präsident Trajan Baescu das Parlament auf, ein Gesetz zur Tötung von Strassenhunden zu verabschieden Das neue Gesetz soll ein schnelleres Töten von eingefangenen Strassenhunden ermöglichen. Dagegen wehrten sich Tierschützer. Ende September 2013 stufte das Verfassungsgericht das neue Gesetz als rechtens ein. Dieses wurde vom Verfassungsgericht als rechtens eingestuft. Für Tierschützer ein Verbrechen. Zuvor durften herrenlosen Hunde nur dann eingeschläfert werden, wenn sie nachweislich unheilbar krank oder aggressiv sind. Solche streundenden Strassenhunde waren für den Tod des vierjährigen Ionut verantwortlich gemacht worden. Allein in der rumänischen Hauptstadt Bukarest sollen etwa 65'000 herrenlose Hunde leben. Jährlich werden Tausende Menschen in ganz Rumänien von Streunern gebissen. Gemäss dem neuen Gesetz sollen streundende nach 14 Tagen in einem Tierheim eingeschläfert werden können. Eine Verpflichtung zum Töten besteht nicht - die Kommunen dürfen die Hunde weiter versorgen, falls deren Tierheime Kapazitäten haben. Anders als etwa in der Schweiz kastrieren rumänische Hundehalter ihre Vierbeiner in der Regel nicht. Um deren Nachwuchs kümmern sie sich oft nicht, häufig setzen sie ihn irgendwo aus. Um die Strassenhunde kümmert sich auch die Schweizer Tierschutzorganisation Netap - in Zusammenarbeit mit lokalen Tierschützern. Statt Tötungen sei eine Kastrationspflicht die Lösung für das Problem mit den streundenden Hunden, findet man bei Netap und hofft, dass das rumänische Parlament es ebenso sieht. Die Zustände in den rumänischen Tierheimen sind laut Tierschützern teilweise schockierend. Seit dem Tod des Kindes soll es vermehrt zu tödlichen Angriffen auf Strassenhunde kommen, berichten Tierschützer.

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Am 2. September 2013 wurde der vierjährige Ionut Anghel von einem Rudel Hunde angegriffen. Der Junge war mit seiner Grossmutter und seinem zwei Jahre älteren Bruder Andrei in Bukarest unterwegs. Die beiden Kinder wurden angefallen, nachdem sie einen Spielplatz verlassen hatten. Ionuts Leiche wurde kurz darauf in einem Busch gefunden, der völlig verstörte Andrei hatte offenbar die Attacke mit ansehen müssen.

Nach Angaben von Gerichtsmedizinern war der Vierjährige an den Folgen von mehr als 100 Hundebissen gestorben. Nach dem tragischen Vorfall teilte sich die rumänische Öffentlichkeit in zwei Fronten: Hundegegner forderten die sofortige Tötung aller Strassenhunde, während Tierschützer durchsetzen wollten, dass eingefangene Streuner lediglich kastriert werden. Das rumänische Parlament entschied sich schliesslich für die Tötung der Tiere.

Die Hunde gehörten einer Firma

Die Ermittlungen der Polizei ergaben, dass Ionut und sein Bruder vor der Hunde-Attacke in eine neben dem Park liegenden Brachfläche der Firma Tei Rezidential eingedrungen waren, wo angeblich eine Hundemeute hauste. Im März 2014 erhob die Staatsanwaltschaft Bukarest Anklage gegen der Verwaltungsstelle und gegen den Eigentümer der Brachfläche – wegen fahrlässiger Tötung.

Die Verantwortlichen hätten es unterlassen, «die geeigneten Massnahmen zur Abgrenzung des Parks vom nahegelegenen leerstehenden Grundstück mittels eines Zauns zu ergreifen», heisst es im Bericht der Staatsanwaltschaft, der die Schweizer Tierschutz-Organisation Vier Pfoten 20 Minuten exklusiv zur Verfügung stellte.

Die Untersuchung kommt zum Schluss: Die sieben Hunde, die das Kind zerfleischt hatten, waren nicht herrenlos. «Ein Teil der Hunde, die auf dem Grundstück bei der Tuzla-Strasse Nr. 50 eingefangen wurden, sind seit 2009 im offiziellen Register des Veterinärzentrums der Stadtverwaltung Sektor 2 erfasst.» Einige der an der Attacke beteiligten Tiere seien «kastriert, am Ohr markiert und gechippt» gewesen. Besitzerin der Hunde ist seit September 2013 die Firma Tei Rezidential. Mit anderen Worten: Ionut wurde von Wachhunden – und nicht von Streunern – zu Tode gebissen.

Reduzierte Bisse

Der Tod des Jungen hatte in Rumänien in den letzten Monaten für soziale Spannungen gesorgt. Tierschützer – darunter der Tierschutzbund FNPA – beklagten, dass die eingefangenen Strassenhunde von Tierfängern brutal umgebracht würden: erschlagen, vergiftet oder bei lebendigem Leib verbrannt. Die von den Kommunen bezahlten privaten Tierfänger wendeten billige Tötungsmethoden an, so der Vorwurf, um einen Teil des bezahlten Geldes einstecken zu können.

Vergangenen Donnerstag berichtete Razvan Bancescu, Leiter des Bukarester Tierschutzamtes, von der erfolgreichen Reduzierung der Bissattacken unter der Bevölkerung. Im Interview mit Romania TV erklärte Bancescu, dass seit September letzten Jahres 34'000 der 65'000 Stassenhunde eingefangen worden seien. Die Anzahl der Bisse habe sich zwischen Juli 2013 und Juli 2014 um 84 Prozent reduziert.

Von den 34'000 eingefangenen Hunde seien 16'000 eingeschläfert worden, fügte Bancescu hinzu. Der Rest sei in Tierheimen untergebracht oder adoptiert worden.

(kle)