Kindergarten in Stockholm

04. Juli 2011 21:31; Akt: 04.07.2011 22:16 Print

Wenn «er» und «sie» Unwörter sind

von Jenny Soffel, AP - Im schwedischen Kindergarten «Egalia» gibt es anstatt Mädchen und Knaben nur «Freunde». Damit soll Gleichberechtigung vorgelebt werden. Nicht alle Eltern sind damit aber einverstanden.

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Im Kindergarten «Egalia» in Stockholm wird schon früh gelehrt, dass sich Männlein und Weiblein in der gesellschaftlichen Wahrnehmung die Waage halten sollen. (Bild: Keystone)

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Im Kindergarten «Egalia» vermeidet das Personal Wörter wie «er» und «sie» und spricht die 33 Kinder nicht als Jungen und Mädchen, sondern als «Freunde» an. Von der Farbe und Anordnung der Spielsachen bis zur Auswahl der Bücher ist alles bis ins Detail darauf ausgerichtet, dass die Kleinen nicht in Rollenklischees verfallen. «Die Gesellschaft erwartet, dass Mädchen mädchenhaft, nett und hübsch sind und Jungen männlich, robust und offen», erklärt Lehrerin Jenny Johnsson. «'Egalia' bietet ihnen eine fantastische Möglichkeit zu sein, wer sie sein wollen.»

Die vor einem Jahr im Stockholmer Stadtteil Södermalm eröffnete Vorschule für ein bis sechs Jahre alte Kinder ist eines der radikalsten Beispiele für die Bemühungen Schwedens, für die Gleichberechtigung von Mann und Frau schon von Kindesbeinen an zu sorgen. Die Geschlechterrollen aufzubrechen, ist ein wichtiger Punkt im Lehrplan der Vorschulen. Dem Ansatz liegt die Theorie zugrunde, dass selbst im egalitären Schweden die Jungen ungerechterweise bevorzugt werden. Viele Vorschulen beschäftigen «Gender-Pädagogen», mit deren Hilfe das Personal Sprach- und Verhaltensmuster aufdecken soll, die Stereotypen verfestigen könnten.

Manchen Eltern geht das zu weit. Die Fixierung auf das Auflösen der Geschlechterrollen bringe die Kinder womöglich durcheinander und erschwere es ihnen, sich in der Welt ausserhalb des Kindergartens zurechtzufinden, befürchten sie. Zu den bekanntesten Stimmen gegen den «Gender-Wahn» in Schweden zählt die Bloggerin Tanja Bergkvist. «Unterschiedliche Geschlechterrollen sind nicht problematisch, so lange sie gleich viel gelten», findet sie. Die Befürworter einer Abschaffung sprächen «von einer Rangordnung, in der allem, was Jungs tun, ein höherer Wert beigemessen wird. Aber ich frage mich, wer entscheidet, dass das mehr gilt?», sagt sie. «Was ist mehr wert daran, mit Autos zu spielen?»

Zwei Mütter sind auch ok

In «Egalia» spielen Jungen und Mädchen gemeinsam mit einer Spielküche und schwingen die Kochlöffel. Direkt daneben haben die Bauklötze ihren Platz - mit voller Absicht, damit die Kinder erst gar keine geistige Trennung zwischen Küche und Baustelle ziehen.

Die Schule lege besonderen Wert auf ein Klima der Toleranz gegenüber Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen, erklärt Direktorin Lotta Rajalin. Aus dem Bücherregal zieht sie eine Geschichte über zwei männliche Giraffen, die traurig sind über ihre Kinderlosigkeit - bis sie ein verlassenes Krokodil-Ei finden. In fast allen Büchern kommen homosexuelle Paare, alleinerziehende Elternteile oder Adoptivkinder vor. Märchenklassiker wie Schneewittchen oder Aschenputtel fehlen, weil sie, wie es heisst, das Klischee bedienen. Die Erzieher unterstützten die Kinder auch dabei, im Spiel auf neue Ideen zu kommen, sagt Rajalin. «Ein konkretes Beispiel ist vielleicht, wenn sie 'Familie' spielen und die Rolle der Mutter schon besetzt ist und sie streiten. Dann schlagen wir zwei Mütter vor oder drei Mütter und so weiter.»

Die Methoden der Schule sind umstritten, manche werfen ihr Gehirnwäsche vor. Rajalin entgegnet, es gebe eine lange Warteliste, und nur ein Paar habe sein Kind wieder aus der Schule genommen. «Egalia» ist selbst für Schweden ungewöhnlich. Die Mitarbeiter versuchen männliche und weibliche Attribute aus ihrem Wortschatz zu verbannen, selbst die Pronomen «er» und «sie» - im Schwedischen «han» und «hon». Stattdessen verwenden sie das geschlechtsneutrale «hen», ein Kunstwort aus der feministischen und Schwulenszene.

«Wir benutzen das Wort 'hen' zum Beispiel, wenn ein Arzt, Polizist, Elektriker oder Klempner im Kindergarten erwartet wird», erläutert die Direktorin. «Wir wissen nicht, ob es ein Er oder eine Sie ist, also sagen wir einfach: 'Hen' kommt gegen zwei Uhr'. Da können sich die Kinder sowohl einen Mann als auch eine Frau vorstellen. Das erweitert ihre Sichtweise.» Die biologischen Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein leugnet die Vorschule nicht; die Puppen, mit denen die Kinder spielen, sind anatomisch korrekt. Entscheidend sei, dass die Kinder begriffen, dass die biologischen Unterschiede «nicht bedeuten, dass Jungen und Mädchen verschiedene Interessen und Fähigkeiten haben», sagt Rajalin. »Hier geht es um Demokratie. Um die Gleichheit des Menschen.«

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Fredy Bleisch am 05.07.2011 00:33 Report Diesen Beitrag melden

    Lügenkonstrukt

    zur "Gleichberechtigung" soll das Geschlechts verleugnet werden: fauler Betrug! Würde ja heissen: Frau darf nicht mehr Frau, Mann darf nicht mehr Mann sein! Werden Männer als Beitrag zur Gleichberechtigung künftig Kinder gebären?! Aus welcher Küche kommt nur dieses Lügenkonstrukt?

  • rEvO am 05.07.2011 02:17 Report Diesen Beitrag melden

    1984

    Die Sozialisten in Schweden haben einen menschenfeindlichen und kranken Staat erschaffen, der Orwells Ozeanien alle Ehre macht. Sogar mit den typischen Sprachmanipulationen damit die Kinder gar keine "Gedankenverbrechen" begehen können. Ich hoffe die verantwortlichen Politiker werden irgendwann für ihre Verbrechen gegen die Menschheit und die Natur zur rechenschaft gezogen, in dieser oder der nächsten Welt.

  • Tobias Vogler am 04.07.2011 22:47 Report Diesen Beitrag melden

    Achtung: Mann nicht gleich Frau!!!

    Das ganze geht für mich eindeutig zu weit. Es ist nun mal eine Tatsache, dass Männer und Frauen verschiedene Interessen haben und diesen nachgehen wollen. Diese Interessen und Fähigkeiten, egal ob sie typisch männlich oder typisch weiblich sind sollte man fördern und unterstützen, natürlich ohne zu werten. Was ist Schlimmes dabei, wenn ein Junge lieber mit Klötzen baut und ein Mädchen lieber mit Puppen spielt? Wenn ein Kind nicht geschlechter-typische Interessen bzw. Fähigkeiten hat, wird es dies früh genug selber merken; es braucht dafür nicht die Unterschiedsbezwingenden "Superpädagogen"!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ronny L. am 06.07.2011 12:10 Report Diesen Beitrag melden

    Schön...

    ... wäre es überall so! Diese Idee ist zukunftsweisend.

  • roger am 06.07.2011 10:06 Report Diesen Beitrag melden

    quatsch

    meine kleine Tochter spielt momentan am liebsten mit Auto und Ball. Es muss einfach rollen! Vielleicht spielt sie in ein paar Wochen dann lieber mit Lego, Puppen oder so. Das Wichtigste ist der Spass am Spielen, mit welchen Sachen ist doch egal. Und ja, sie ist trotzdem ein Mädchen!

  • dentix07 am 06.07.2011 10:03 Report Diesen Beitrag melden

    Biologie

    Wird bestimmt interessant wenn diese Kinder später im Biologieunterricht auf die klar verteilten Geschlechtsrollen im Tierreich stoßen! Ob die Lehrer bei Hahn und Henne dann wohl auch "hen" sagen?

  • Heinz Koslowski am 06.07.2011 04:41 Report Diesen Beitrag melden

    Eltern abschaffen

    Eltern sollen in der EU ja auch abgeschafft werden.Sie sollen Elter 1 und Elter 2 heissen,kein Witz! Und am Ende heisst der Führer dann großer Bruder.Orwell lässt grüßen!

  • andrea am 05.07.2011 19:58 Report Diesen Beitrag melden

    normaler menschenverstand einschalten

    schweden und viele länder wollen in der schule zucht,zucht ordnung jedes kind ins gleiche schema zwängen,drängen.arme kinder die weden alle später,wenn sie zur schule rauskommen grosse probleme haben.im kindergarten soll ein mädchen unbeschwert fussball spielen und jungs am köcherliherd.lasst kinder,kinder sein und normal aufwachsen