Hakenkreuze etc.

11. Februar 2019 19:17; Akt: 11.02.2019 19:17 Print

Ex-Neonazi hilft dabei, Hass-Tattoos zu entfernen

von K. Leuthold - Ein Deutscher hilft austrittswilligen Mitgliedern von rechtsextremen Gangs in den USA, Nazi-Tattoos zu überdecken.

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TM Garret weiss, was es heisst, die eigene Vergangenheit auf der Haut zu tragen. Er selbst hatte jahrelang mehrere Tattoos, die ihn als Neonazi kennzeichneten. Nach seinem Ausstieg aus der rechtsextremen Szene vor 17 Jahren wurden die Tätowierungen für den heute 43-Jährigen zum Problem. «Man ist gebrandmarkt, man trägt sein altes Ich die ganze Zeit mit sich herum», erzählt er 20 Minuten.

Ein noch grösseres Problem war es, ein Tattoostudio zu finden, das sich willig zeigte, seine Tätowierungen mit dem Wort «Skinhead» vom Oberarm oder die Doc-Martens-Stiefel von seiner Hand zu entfernen. «Ich fühlte mich unwohl, denn ich spürte die Vorurteile, mit denen mir die Menschen begegneten. Ich wusste oft nicht, was der Tätowierer in diesem Moment dachte. Glaubte er, dass ich noch ein Skinhead bin? Oder ist er vielleicht selbst rechtsradikal und weiss, dass ich mein Tattoo weghaben möchte?»

Ein Tätowierer, der die Sorgen der Aussteiger versteht

Schliesslich traf er Drew Darby vom Sickside Tattoo Studio in Horn Lake im US-Staat Mississippi. Zu diesem Zeitpunkt hatte Garret zwar bereits die Neonazi-Symbole auf seinem Körper überstechen oder weglasern lassen. Inzwischen aber war der gebürtige Deutsche in die USA gezogen – und plötzlich war das Spinnennetz auf seinem Ellbogen eine neue Last. Denn dort heisst ein solches Tattoo nur eines: Dass man mal im Gefängnis sass.

«Als ich Drew kennenlernte, merkte ich sofort, dass er meinen Schmerz fühlen konnte. Für wenig Geld hat er ein neues Motiv über mein Spinnennetz gestochen. Ich musste etwa drei- oder viermal hin. Aber weil er wusste, dass es mir so wichtig war,dieses alte Tattoo wegzubekommen, hat er das für mein Budget von nur 300 Dollar gemacht», sagt Garret.

Gratis-Cover-ups für alle Aussteiger

Im Sommer 2017 entstand die Idee für Garrets Projekt «Erase the Hate» (Lösch den Hass). Er wollte im Rahmen seiner Arbeit bei «Exit-Deutschland» (einer Initiative, die Menschen hilft, mit dem Rechtsextremismus zu brechen) anderen Aussteigern ebenfalls die Chance bieten, die stillen Zeugen der Vergangenheit auf der Haut wegmachen zu lassen – und zwar gratis.

Viele austrittswillige Ku-Klux-Klan-Mitglieder oder Aussteiger der Aryan Brotherhood, einer neonazistischen Gang in den USA, können es sich nicht leisten, die alten Tattoos abzudecken. «Einige haben zum Beispiel Hakenkreuze am Hals oder Hitler-Porträts tätowiert. Sie wissen, mit welchen Vorurteilen sie deswegen zu kämpfen haben. Viele sagen dann: ‹Ich bin mit einem solchen Tattoo ohnehin abgestempelt. Warum soll ich aus der Gang aussteigen?›»

Mit der Aryan Brotherhood ist nicht zu spassen

Das Sickside Tattoo Studio war von Garrets Idee sofort begeistert. Inzwischen haben sie bei über 150 Menschen Tattoos aus deren früheren Leben entfernt (siehe Bildstrecke). Das Tattoo-Studio hat noch zwei weitere Filialen: eine in Jacksonville in Florida und eine in Los Angeles.

«Das Ziel ist, ein flächendeckendes Netzwerk aufzubauen», erklärt Garret. «Mindestens ein Tattoo-Studio pro US-Staat» wünscht er sich. «Denn in einigen Fällen geht es um Leben und Tod», sagt Garret. Mitglieder der Aryan Brotherhood zum Beispiel würden Aussteiger häufig angreifen. Der Anti-Rassismus-Aktivist, der mal Achim Schmid hiess (die Namensänderung auf TM Garret ist rechtlich anerkannt) und aus Mosbach in Baden-Württemberg kommt, weiss: «Mit denen ist nicht zu spassen, die sind schlimmer als der Ku Klux Klan.»

«Teil meiner Saat ist in Europa jetzt aufgegangen»

Nach Deutschland zurück will Garret nicht mehr. «Ich habe vor, hier in den USA mit meiner Familie meinen Lebensabend zu verbringen.» Dennoch beobachtet er besorgt, wie sich der Rechtspopulismus in Europa ausbreitet. «Ich schaue auf meine alte Heimat und denke mir, das ist Teil meiner Saat, die nun aufgegangen ist. Das ist sehr erschreckend.»

«Ich glaube, die Gesellschaft muss anders mit diesem Problem umgehen. Wir haben immer noch Angst, einem Rechtsradikalen Recht zu geben», sagt Garret. Die Flüchtlingskrise in Deutschland sei ein gutes Beispiel dafür.

«Parteien wie die AfD schüren Angst, die Regierung aber sagt: ‹Nein, das ist nur Hetze.› Dann gibt es urplötzlich eine Flüchtlingskrise wie 2015/2016, und schon heisst es: ‹Die AfD hat es doch gesagt.› Das ist sehr gefährlich. Denn die Rechte ist gut dabei, Fakten aus dem Kontext zu reissen und diese für sich zu nutzen.»