Telefonate entschlüsselt

11. Januar 2019 11:12; Akt: 11.01.2019 11:12 Print

IT-Spezialist bringt Chapo Guzmán zu Fall

Ein IT-Experte hatte die Telefongespräche für das Sinaloa-Kartell verschlüsselt. Doch FBI-Agenten brachten den Mann dazu, die Anrufe zu knacken.

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Der Richter musste seine Anwälte teils in die Schranken weisen: Joaquín «El Chapo» Guzmán (Mitte) vor Gericht. (30. Januar 2019) Am 30. Januar hat die Anklage in ihrem Schlussplädoyer einen Schuldspruch für El Chapo gefordert. «Lassen Sie ihn nicht vor seiner Verantwortung entkommen», appellierte Staatsanwältin Andrea Goldbarg am Mittwoch an die Geschworenen. Der Mexikaner Alejandro Edda tauchte am 28. Januar 2019 überraschend zum Prozess gegen Drogenbaron Joaquín Guzmán auf. Als der nur wenige Meter entfernt sitzende Drogenboss vom Besuch erfuhr, lächelte er seinen Landsmann an. Edda bezeichnete die Begegnung als «einschüchternd». Am 23. Januar sagte im Prozess Chapos ehemaliger Miratrbeiter Dámaso López Núñez aus. Er schilderte der Jury, dass die Söhne des Drogenbarons den bekannten Journalisten Javier Valdez (im Bild) ermordet hatten, weil dieser auf der Veröffentlichung eines brisanten Interviews bestanden habe. Vor Gericht wurde am 25. Januar 2019 ein Foto des mit Diamanten besetzten Revolvers des Drogenbarons gezeigt. Im Prozess gegen Drogenbaron Joaquín Guzmán (links) sagte am 8. Januar 2019 FBI-Agent Stephen Marston aus. Er schilderte, wie die US-Behörde mit Hilfe von Guzmáns IT-Techniker Cristian Rodriguez die verschlüsselten Telefongespräche des Drogenbosses knackte. Insgesamt hat das FBI 1500 Telefonate abgehört, die Mitglieder des Sinaloa-Kartells zwischen April 2011 und Januar 2012 geführt hatten. Rund 200 Telefonate führte der Boss (links im Bild) selbst. Joaquín Guzmán alias «El Chapo» (2. v. r.) muss sich seit dem 13. November 2018 in den USA unter anderem wegen Drogenschmuggels, Waffenhandels und Geldwäscherei verantworten. Ein Zeuge sagte vor Gericht aus, er habe Kokain in gefälschte Jalapeño-Dosen der Marke La Comadre einpacken lassen und bis zu 3000 Dosen pro Fahrt mit LKWs nach Los Angeles gebracht. Seinen Schätzungen zufolge kamen pro Jahr ungefähr 25 bis 30 Tonnen Kokain im Wert von bis zu 500 Millionen Dollar über die Grenze. Weiter berichteten Zeugen von Drogenschmuggel via Tunnel, die von der Stadt Tijuana in Mexiko nach Kalifornien führten. «El Chapo» habe seine drei Privatjets einmal im Monat nach Tijuana fliegen lassen, um den Ertrag aus dem Drogenverkauf abholen zu lassen. Jede Maschine habe rund zehn Millionen Dollar nach Sinaloa gebracht. Kronzeuge Juan Carlos Ramírez Abadia alias «Chupeta» schilderte am 29. November 2018, wie «El Chapo» die Behörden in Mexiko und den USA schmierte, «damit sie nicht ihre Arbeit machten». Im Lauf der Jahre soll der Kolumbianer über 400 Tonnen der Droge mit Hilfe von «El Chapo» nach Mexiko geschmuggelt haben. Ein weiterer Zeuge, Jesús Zambada García, sagte, «El Chapo» habe hin und wieder auch selber seine diamantbesetzte Pistole mit seinen Initialen «JGL» in die Hand genommen, um Feinde zu töten. Bei den Verhandlungen wurde auch berichtet, dass das Sinaloa-Kartell zehn bis zwölf Millionen Dollar pro Monat an Bestechungsgeldern für Polizisten, Politikern, Bankiers und Geschäftsleute bezahlt habe. Zeuge Jesús Zambada erzählte, wie Guzmán ihm einmal auftrug, einen mexikanischen General mit 100'000 Dollar und einem freundlichen Schulterklopfen zu grüssen. Laut Anklage hat das mexikanische Sinaloa-Kartell unter der Führung von Joaquín Guzmán von 1989 bis 2014 unter anderem insgesamt 154'626 Kilogramm Kokain in die USA geschmuggelt. Eine Woche vor Prozessbeginn wurde ein Kandidat für die Jury von der Liste gestrichen – der Mann wollte ein Autogramm von «El Chapo». Die Ehefrau von Drogenbaron Joaquín Guzmán äusserte sich am 17. April 2018 zum Gesundheitszustand ihres Mannes. «Seit 15 Monaten darf ich ihn nicht sehen. Ich mache mir Sorgen um seine Gesundheit, weil ich weiss, dass er psychisch angeschlagen ist», sagte die ehemalige Schönheitskönigin in New York. Joaquín Guzmán leide an Gedächtnisschwund und Depressionen, sagt auch sein Anwalt. Dies aufgrund seiner Isolationshaft in einem Hochsicherheitsgefängnis in Manhattan (Bild: «El Chapo» bei seiner Auslieferung an die USA im Januar 2017). Daher forderte er eine psychologische Untersuchung seines Mandanten. Die Staatsanwaltschaft lehnte aber einen persönlichen Arztbesuch aus Sicherheitsgründen ab. (Bild: «El Chapo» bei seiner Auslieferung an die USA im Januar 2017) Er war der mächtigste Drogenboss der Welt: «El Chapo» wird in Mexiko-Stadt von mexikanischen Soldaten eskortiert. (8. Januar 2016) In diesem Flugzeug der mexikanischen Luftwaffe wurde Guzmán in die USA geflogen. (19. Januar 2017) Soldaten überwachten den Transfer am Flughafen von Ciudad Juárez. Chapo Guzmán im Hochsicherheitsgefängnis von Ciudad Juárez. Bei Guzmáns Verhaftung stürmt ein Kommando der mexikanischen Armee eine Wohnung in der Stadt Los Mochis, Sinaloa. (AP) Wieder hinter Gittern: Chapo Guzmán im Hochsicherheitsgefängnis Altiplano. (AP) Vor seiner Verhaftung hatte sich der Drogenboss auf eine Liebelei mit der in den USA lebenden mexikanischen Schauspielerin Kate del Castillo eingelassen. Die Nachrichten, die er mit ihr austauschte, sollen die Ermittler auf seine Spur gebracht haben. (AP/ Matt Sayles) Chapo Guzmáns Heimatort: Badiraguato im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa. (AP/Fernando Brito) Für einen Teil der mexikanischen Bevölkerung ist Chapo Guzmán ein Held – und allemal besser als die korrupte Kaste der Politiker. (AP/Rebecca Blackwell) Blick in den Fluchttunnel, durch den «El Chapo» 2015 aus dem Gefängnis ausgebrochen ist. Mexikos Generalstaatsanwältin Arely Gómez González (2. v. r.) schaute sich am Tag nach der Flucht den Eingang zum Fluchttunnel an.

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Im Prozess gegen Drogenbaron Joaquín Guzmán alias El Chapo hat ein Zeuge schwer belastende Aussagen gemacht: FBI-Agent Stephen Marston schilderte am Dienstag vor dem Gericht in New York, wie die Behörde mit Hilfe von Guzmáns IT-Techniker Cristian Rodriguez die verschlüsselten Telefongespräche des Drogenbosses knackte.

Insgesamt hat das FBI 1500 Telefonate abgehört, die Mitglieder des Sinaloa-Kartells zwischen April 2011 und Januar 2012 geführt hatten. Wie die «Los Angeles Times» berichtet, war bei rund 200 Anrufen der Boss selbst am Telefon.

«Sie haben uns ja beigebracht, wie Wölfe zu sein»

In einem Gespräch ist zu hören, wie El Chapo Guzmán einem Mitarbeiter rät, nicht die Polizei zu attackieren. «Verfolge keine Polizisten. Sie sind diejenigen, die dir helfen», sagt der Drogenbaron zum Mann. Als dieser erwiderte, dass die Beamten ihn nicht respektierten, meinte El Chapo: «Nimm es gelassen mit der Polizei. Du hast sie schon einmal verprügelt, jetzt werden sie dir gehorchen.» Darauf meinte der Mitarbeiter demütig zu seinem Boss: «Sie haben Recht. Sie haben uns ja beigebracht, wie Wölfe zu sein.»

In einem weiteren Anruf spricht El Chapo mit einem Mann, der sich Gato nennt und offenbar dafür zuständig ist, Bestechungsgelder an die mexikanische Bundespolizei auszuzahlen. «Bekommt er seine monatliche Zahlung?», will El Chapo wissen. «Ja», sagt Gato und reicht den Hörer dem Kommandanten neben sich weiter. «Gato ist Teil der Firma und wird sich um Sie kümmern», verspricht El Chapo. Der Polizist antwortet: «Was auch immer wir für Sie tun können, Sie können sich auf uns verlassen. Sie haben einen Freund hier.»

Der IT-Techniker ist mit den Nerven am Ende

Aus der Aussage von FBI-Agent Marston ging zudem hervor, wie die – nicht ganz freiwillige – Zusammenarbeit mit dem IT-Spezialisten Rodriguez entstand. Die US-Behörde war dem Kolumbianer auf die Spur gekommen. Ein Undercover-Agent kontaktierte Rodriguez im Februar 2010. Er behauptete, für einen russischen Mafiaboss zu arbeiten. Er habe von der Software gehört, die Rodriguez für das Drogenkartell von Sinaloa entwickelt habe, meinte der Undercover-Agent. Sein Chef in Russland wünsche sich ein ähnliches Produkt.

Rodriguez tappte in die Falle und sah sich kurz darauf gezwungen, die Zusammenarbeit mit den US-Behörden aufzunehmen. Er überzeugte die mexikanischen Drogenbosse davon, für ein Update des Systems die Server von Kanada in die Niederlande zu verlegen. Beim Umzug übergab Rodriguez den Verschlüsselungscode an das FBI.

Seine Zusammenarbeit mit der US-Behörde dauerte zwei Jahre, wie die «New York Times» berichtet. Laut der Staatsanwaltschaft in New York hat die stressige Zeit beim Sinaloa-Kartell gesundheitliche Folgen für Rodriguez: Der Kolumbianer erlitt 2013 einen Nervenzusammenbruch. Sein geistiger Zustand habe sich noch mehr verschlechtert, nachdem er erfahren habe, dass Auftragskiller des Kartells ihn ausfindig machen wollen.

(kle)