Neuer Nowitschok-Fall in England

05. Juli 2018 22:44; Akt: 05.07.2018 22:57 Print

«Glauben Sie wirklich, Russland ist so dumm?»

Beim vergifteten Paar in Amesbury wurde Nowitschok nachgewiesen. Mit demselben Kampfstoff war auch der Anschlag auf Sergej Skripal verübt worden.

Der Vorfall erinnert an die Vergiftung des russischen Ex-Doppelagenten Skripal. (Video: Tamedia/AP)
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Vier Monate nach dem Giftanschlag auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter sind wieder ein Mann und eine Frau durch den Kampfstoff Nowitschok vergiftet worden. Nach Erkenntnissen der britischen Polizei seien sie mit einem «kontaminierten Gegenstand» in Berührung gekommen.

Wie Scotland Yard am Donnerstagabend mitteilte, ergaben dies die jüngsten Tests zu dem Fall. «Wir wissen jetzt, dass sie dem Nervengift ausgesetzt waren, nachdem sie mit einem kontaminierten Gegenstand hantiert haben», teilte die Polizei weiter mit.

Russische Botschaft in Niederlande kommentiert Anschlag

Laut der britischen Terrorabwehr liegt das Paar in derselben Klinik im südenglischen Salisbury wie damals der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal (67) und seine Tochter Julia (33).

Am Donnerstag meldete sich nun die russische Botschaft in den Niederlanden auf Twitter zu Wort. In einem Tweet kommentiert sie den Giftanschlag im britischen Amesbury: «Glauben Sie wirklich, Russland ist so dumm, ‹nochmals› das sogenannte ‹Nowitschok› einzusetzen ausgerechnet während der Fussball-Weltmeisterschaft?»


Es lägen keine Hinweise darauf vor, dass die beiden schwer erkrankten Opfer gezielt ins Visier genommen worden seien, erklärte der Leiter der britischen Anti-Terror-Behörde am Mittwochabend.

Die britische Premierministerin Theresa May hat eine umfassende Untersuchung angekündigt. Der neue Fall sei «zutiefst beunruhigend», sagte May am Donnerstag bei einem Treffen mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. Ihre Gedanken seien bei den Menschen in Wiltshire.

Letzter Fall war im März 2018

Im vergangenen März waren Teile der Innenstadt von Salisbury abgeriegelt worden, nachdem die Skripals mit dem Kampfstoff vergiftet worden waren. Sie sassen bewusstlos auf einer Parkbank. London bezichtigte Moskau als Drahtzieher der Tat.


Nowitschok war in den 70er und 80er Jahren in der Sowjetunion entwickelt worden. Grossbritannien hat die russische Regierung für den Anschlag auf Skripal verantwortlich gemacht, was diese zurückgewiesen hat. Das Attentat löste eine schwere internationale Krise aus. Westliche Staaten und Russland haben zahlreiche Diplomaten gegenseitig ausgewiesen. Die Skripals leben inzwischen an einem unbekannten Ort.

Orte abgesperrt

Nach dem jüngsten Vorfall wurden einige Bereiche in Salisbury und in dem Wohnort des Paares, Amesbury rund 13 Kilometer weiter nördlich, vorsichtshalber abgesperrt. Die Gesundheitsbehörde ging zunächst nicht von einer «bedeutenden Gesundheitsgefährdung» für die Öffentlichkeit aus. Das Paar soll unter anderem eine Veranstaltung in einer Kirche besucht haben, bevor es am Samstag erkrankte.

Die Beamten waren zunächst davon ausgegangen, dass die beiden möglicherweise verunreinigtes Heroin oder Crack-Kokain eingenommen haben könnten und sich daher im kritischen Zustand befinden.

Bewohner verunsichert

Das Forschungslabor für Chemiewaffen im nahe gelegenen Porton Down war mit in die Untersuchungen einbezogen worden. Dort war auch das Nervengift Nowitschok im Fall Skripal identifiziert worden. Unabhängige Untersuchungen der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) bestätigten damals das Ergebnis.

Amesbury liegt ganz in der Nähe des Unesco-Weltkulturerbes Stonehenge. Bewohner des Ortes waren verunsichert und forderten mehr Informationen von den Behörden. «Uns hat die Polizei nichts erzählt», zitierte die Nachrichtenagentur PA Justin Doughty.

(chk/chi/sil/sda)