Indien

11. November 2014 16:46; Akt: 11.11.2014 16:46 Print

Zehn Frauen sterben bei Massen-Sterilisation

Nach einer Massensterilisation in Indien sind zehn Frauen gestorben. Mehr als 60 Patientinnen mussten wegen Komplikationen ins Spital.

(Quelle: YouTube/AFP)
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Immer wieder setzt der Arzt im Krankenhaus Nemi Chand in Indien an diesem Tag das Skalpell am Bauchnabel an. Er durchtrennt die Eileiter und bindet sie ab. Die Operation dauert nur wenige Minuten, dann eilt er zur nächsten Patientin.

83 Frauen wurden laut indischen Medien so in nur fünf Stunden unfruchtbar gemacht. Das ist so üblich: Die Behörden organisieren jedes Jahr in jedem Distrikt des Bundesstaates Chhattisghar zwei bis drei «Familienplanungscamps».

Doch etwas lief diesmal schief. «Die Frauen gingen nach Hause, sie wurden krank und mussten wieder ins Spital», klagt einer der Angehörigen. Fernsehbilder zeigen, wie sich Frauen unter Schmerzen winden, während sie, an Infusionen hängend, ins Spital hineingerollt werden. Mindestens zehn Frauen sterben zwei Tage nach der Sterilisation. Mehr als ein Dutzend weitere Operierte waren am Dienstag noch in einem kritischen Zustand.

Kaum technische Hilfsmittel

Die Angehörigen sprechen von Pfusch: Das Spital sei seit Jahren im Rohbau, es gebe dort kaum technische Hilfsmittel und auf den Tabletten stehe kein Verfallsdatum.

«Viele dieser Camps werden in dreckigen Räumen abgehalten», klagt auch Kerry McBroom. Sie ist Direktorin der Abteilung für Reproduktionsrechte im Human Rights Law Network in Neu-Delhi, das Menschenrechtler bei einem Gerichtsverfahren gegen diese Sterilisationscamps unterstützt. «Direkt nach der Operation werden die Frauen normalerweise einfach auf den Boden gelegt», sagt McBroom. Manchmal gebe es weder fliessendes Wasser noch Strom. «Bei einem der Camps in Bihar operierte ein Arzt 60 Frauen in einer Nacht. Viele bluteten nach der Operation stark. Eine Frau war schwanger, was sie nicht wusste, und sie wurde vor der Sterilisation auch nicht getestet. Zehn Tage nach der Operation hatte sie eine Fehlgeburt.»

Menschenrechtsorganisation: Frauen sollten eine Wahl haben

Da Gesundheit in Indien die Sache der Bundesstaaten ist, versucht jeder von ihnen auf seine Weise, das Bevölkerungswachstum einzudämmen. Am beliebtesten dabei: das Durchtrennen der Eileiter.

Nach Recherchen der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch werden etwa die Mitarbeiter in Gujarat gezwungen, jährlich eine bestimmte Zahl von sterilisierten Frauen in ihrer Region vorzuweisen, sonst drohen ihnen Gehaltskürzungen. Andere versprechen den Frauen Geschenke für die Unfruchtbarkeit, etwa Autos, Goldmünzen und Lotterie-Preise.

Oft bekommen die Frauen aus zumeist sehr ländlichen, armen Regionen in den Camps auch einfach Bargeld. In Chhattisgarh, wo nun acht Frauen starben, waren es nach offiziellen Angaben 1400 Rupien, das sind 22 Franken.«Die Vermittler bekommen 200 Rupien pro Frau, die sie zu den Camps bringen», sagt ein Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde, der nicht genannt werden wollte. Auch die Ärzte erhalten normalerweise eine Prämie pro Eingriff.

«Seit den 70ern hat Indien offiziell keine Zielvereinbarungen für Sterilisationen mehr», sagt Meenakshi Ganguly von Human Rights Watch. «Doch warum gibt es dann diese Camps?», fragt sie. Frauen sollten das Recht auf Sterilisation haben – aber nur nach ausführlicher Beratung über die Risiken, Alternativen für die Verhütung, ärztliche Begleitung, Tests vor der Operation und Nachsorge. «Die Frauen sollten eine wirkliche Wahl haben.»

(sda)