Azem und Bashkim, Teil 2

05. März 2010 13:58; Akt: 25.10.2010 00:10 Print

Zwei Boxer und ein Mordfall

von Joel Bedetti - Sie wuchsen zusammen auf, sie waren Vorbilder und Ausnahmetalente. Einer kämpfte sich in den Kickbox-Olymp, der andere wurde zum Mörder. Eine Integrationsgeschichte.

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Bashkim Berisha: Der ehemalige Weltmeister sitzt wegen Mordes hinter Gittern.

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Ende der 90er-Jahre waren Maksutaj und Berisha die grossen Namen in der regionalen, wenn nicht der nationalen Thaiboxszene. Azem Maksutaj hatte sich inzwischen als Promoter von Thaibox-Kämpfen in der Ostschweiz etabliert. Er lieferte den Hauptkampf, Berisha trat oft in einem Vorkampf an.

Die beiden pflegten, das meinen die Zeitgenossen übereinstimmend, eine distanzierte Beziehung. Reinhard Meier, Berishas späterer Mentor, sagt heute: «Persönlich hatten sie das Heu nicht auf derselben Bühne». Andere wundern sich darüber: «Ich bin erstaunt, dass die beiden keine Freunde waren. Sie kamen ja aus demselben Dorf», sagt einer, der Bashkim Berisha eine Zeit lang nahestand.

Der Promoter und der Aussenseiter

Die Rollenverteilung zwischen den beiden, erinnert sich der Mann, der seinen Namen wie noch einige andere Angefragte nicht nennen will, sei klar gewesen. «An den Kämpfen herrschten völlig unterschiedliche Stimmungen, je nach dem ob Azem oder Bashkim kämpften.» Maksutaj sei der grosse Mann gewesen, der Promoter, der mit einer Limousine anrauschte. «Bashkim dagegen war der Aussenseiter. Doch er hatte eine starke Gefolgschaft unter seinen Landsleuten», sagt der Mann. «Wenn er auf die Bühne kam und die Kosovarische Flagge schwang, kochte es im Saal.»

Vielleicht, meint er weiter, habe diese Rollenverteilung in der Vergangenheit im Kosovo gewurzelt. «Azem Maksutaj kommt aus einer kleinen Familie, die Berishas aber sind in der Heimat ein wichtiger Name». Jedenfalls war die Rollenverteilung symptomatisch für das Schicksal der beiden. Maksutaj, der Vollprofi-Kickboxer und smarte Geschäftsmann. Bashkim Berisha, der charismatische Ghettokrieger, die Faust der zornigen Kosovaren, die sich in der neuen Heimat nicht willkommen fühlen.

«Beide hatten ein Riesentalent»

Dabei hätte Berisha keine Not gehabt, den Aussenseiter zu spielen. Sein späterer Trainer Reinhard Meier meint: «Bashkim war so gut, er hätte mit Kickboxen eine Menge Geld verdienen können.» Rohy Batliwaha, Azem Maksutajs Trainer, sagt: «Beide hatten ein Riesentalent, beide hätten Karriere machen können wie nur wenige!» Mehr will Batliwaha nicht sagen. Zu traurig ende die Geschichte.

Damals, Ende der 90er-Jahre, war ihr Ausgang aber noch offen. Manchmal schien sich die Hoffnung, dass der Ring und die Aussicht auf eine Karriere Berishas Aggressionen bändigen würden, zu erfüllen. Manchmal rückte das Happy End wieder in weite Ferne, beispielsweise als er 1999 vor einer Winterthurer Disco einen Polizisten verprügelte und dafür 18 Monate ins Gefängnis musste.

Filmstar Bashkim Berisha

Es kam zum Bruch mit dem Trainer. Azem Maksutaj, der bei seinen Thaibox-Schülern in Sachen Gewalt eine nichts durchgehen lässt, warf Berisha aus dem «Wing Thai Gym», als der sich partout nicht bessern wollte. An diesem Punkt trennten sich die Leben der beiden endgültig. Maksutaj boxte sich in den Thaibox-Olymp, Berisha in den Abgrund.

Erst wurde er aber zum Filmstar. Der Basler Filmer Vadim Jendreyko drehte in dieser Zeit den Dokumentarfilm «Bashkim», der ein gewaltiges Echo in Kino und Fernsehen fand und 2001 mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet wurde. Der Film zeigte Bashkim Berisha im Kampf seines Lebens; dem gegen seinen Jähzorn.

Bester Kampf aller Zeiten

Im Jahr darauf erlebte Bashkim Berisha den Höhepunkt seiner sportlichen Laufbahn. Nach dem Bruch mit Maksutaj und der 18-monatigen Gefängnisstrafe hatte ihn der Winterthurer Boxtrainer Reinhard Meier unter seine Fittiche genommen. 2002 wurde der 22-jährige Berisha Thaiboxweltmeister. Sein letzter Triumph.

Seinen Jähzorn konnte er nicht besiegen.

Am 11. Februar 2005, erschoss Bashkim Berisha einen Mann, der ihn fragte ob er seinen Wagen umstellen könne.

Im selben Jahr führte Azem Maksutaj in Las Vegas gegen den Russen Ruslan Karaev den Kampf, der nachträglich als der beste K-1-Kampf aller Zeiten auf amerikanischem Boden gewählt wurde.

Gefängnis und Familienglück

Am 21. August 2009 wurde Bashkim Berisha wegen Mordes zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt.

Im selben Jahr wurde Azem Maksutajs Sohn zwei Jahre alt. Maksutaj ist mit Njomza, einer Vermögensverwalterin verheiratet. Er wechselt dem Sohn die Windeln. Nach vierzehn Thaibox-Weltmeistertiteln kündigte er seinen Rücktritt an.

Das Leben hat die beiden Kosovaren Azem Maksutaj und Bashkim Berisha, die beide im selben Ort starteten, an die beiden entgegengesetzten Enden einer Skala geworfen: Beide sind zu Symbolen der Integrationsthematik: Azem Maksutaj ist der Leuchtturm, Bashkim Berisha das Mahnmal.

Von «Aeschbi» bis «Samschtigjass»

Im Vorfeld der Kinopremiere von «Being Azem» tingelte Maksutaj quer durchs Sendeprogramm vom Schweizer Fernsehen. Er war bei «Glanz und Gloria», kasperte mit Kurt Aeschbacher herum, am vergangenen Wochenende war Makustaj gar beim «Samschtigjass» zu Gast, was integrationsmässig wohl nichts anderes den ultimativen Ritterschlag darstellen kann.

Azem Maksutaj will nicht über Bashkim Berisha reden. «Ich will nicht alte Wunden aufreissen», sagt er heute.

Lange hing der Schatten von Berisha über ihm und der ganzen Thaibox-Szene. Als Bashkim Berisha nach dem Mord türmte, riefen pausenlos Journalisten bei Maksutaj an, fragten ihn über seinen ehemaligen Schüler aus und verlangten Fotos vom «Parkplatzmörder».

«Jeden Albaner hat das geschmerzt»

Maksutaj sieht gewisse Parallelen im Lebenslauf, aber keine nähere Verbindung zu Bashkim Berisha: «Im Kosovo kannte ich Bashkim nur vom sehen her, er war ja viel jünger als ich». Auch sei Berisha nur eine kurze Zeit bei ihm im Training gewesen, als «kleiner Bube».

Ob es ihn nicht trotzdem geschmerzt habe, als der dermassen vom Weg abkam?

«Natürlich hat das geschmerzt, dass Berisha so auf den falschen Weg geraten ist», sagt Azem Maksutaj. «Jeden Kosovoalbaner hat das geschmerzt.»

Aber ihn persönlich, den Trainer und das Vorbild?

«Natürlich hat es mich auch persönlich getroffen.»

Das ist alles, was sich Azem Maksutaj entlocken lässt.

Er sagt noch: « Vergessen Sie nicht: Wir Kosovoalbaner sind vor dem Krieg in die Schweiz geflohen. Wir haben eine schwierige Vergangenheit. Vergessen Sie das nicht.»


Lesen Sie im ersten Teil der Maksutaj-Berisha-Story, wie die beiden vor dem Bürgerkrieg aus dem Dorf Peje in den kosovarischen Bergen nach Winterthur flohen und in einem Thaibox-Keller ihre Berufung entdeckten.


«Being Azem» läuft in Zürich, Schaffhausen und Winterthur im Kino. In den kommenden Wochen startet der Film auch in Basel, Luzern und weiteren Städten.