Azem und Bashkim

05. März 2010 15:32; Akt: 24.10.2010 23:47 Print

Zwei Boxer und ein Mordfall

von Joel Bedetti - Sie wuchsen zusammen auf, sie waren Vorbilder und Ausnahmetalente. Einer kämpfte sich in den Kickbox-Olymp, der andere wurde zum Mörder. Eine Integrationsgeschichte.

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Azem Maksutaj: Der 14-fache Thaibox-Weltmeister ist zum Symbol der gelungenen Integration geworden.

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Azem Maksutaj ist ein Star, spätestens seit vergangene Woche «Being Azem» in den Schweizer Kinos anlief. Der Film erzählt die Geschichte eines jungen Kosovaren, der in die fremde Schweiz kommt, sich zum 14-fachen Thaiboxweltmeister hochschlägt und zu einer Ikone der erfolgreichen Integration wird.

Schaut man sich die Biografie von Azem Maksutaj an, fällt auf, wie merkwürdig parallel seine Lebenslinie neben derjenigen eines anderen Kosovaren läuft, dessen Leben ebenfalls auf der Leinwand verewigt wurde. Und der ebenfalls zu einer Art Ikone geworden ist.

Mit dem Vieh über die Berge

In den Berichten zu «Being Azem» wurde der biografische Doppelgänger manchmal angedeutet, aber höchstens verschämt in einem Nebensatz. Vielleicht weil es Azem Maksutaj nur sehr ungern mit dem Mann in Verbindung gebracht wird. Verständlicherweise.

Der Mann heisst Bashkim Berisha und ist als «Parkplatzmörder» in die jüngste Schweizer Geschichte eingegangen.

Azem Maksutaj und Bashkim Berisha erblickten beide fast am selben Ort das Licht der Welt: Berisha 1980 im kosovarischen Bergdorf Peje, Maksutaj 1975 in der naheliegenden Stadt Decan. Beide wuchsen in Bauernfamilien auf. Azem Maksutaj erzählt heute gegenüber Journalisten, wie er auf dem Hof mithalf, Bashkim Berisha erinnerte sich gegenüber dem Gefängnispsychiater, wie er mit Schafen und Kühen über die Berge zog. Beide wurden vor allem von der Mutter und den Grosseltern grossgezogen, denn beider Väter arbeiteten in Winterthur auf dem Bau.

Guter Schüler, schlechter Schüler

Einen kleinen Unterschied allerdings gab es. Die Berishas waren eine riesige Sippe, ein wichtiger Clan mit einer der grössten Viehherden in der Region. Bashkim war einer von fünf Brüdern. Von der Schule hielt er nicht viel.

Azem Maksutaj dagegen wuchs in einer kleinen Familie auf, er hat nur zwei einen Bruder und eine Schwester. Maksutaj war ein guter Schüler und wäre im Kosovo auf das Gymnasium gegangen. Wäre. Denn 1991 versank der Vielvölkerstaat Jugoslawien im Krieg. Azem, 15 Jahre alt, und Bashkim, 11 Jahre alt, flohen mit ihren Familien noch im selben Jahr nach Winterthur, zu ihren Vätern.

Berufung im Boxkeller

Die beiden Heranwachsenden wurden von der archaischen Bergwelt des Kosovo in die Industriestadt Winterthur katapultiert. Kulturschock ist da noch ein bescheidenes Wort. Mit den Füssen kamen zwar beide auf dem Schweizer Boden an. Im Kopf tat es aber nur einer. Im Nachhinein ist man versucht, dort die entscheidende Weichenstellung zu markieren, welche die beiden Lebenslinien später dermassen auseinanderdriften lassen würde.

Azem Maksutaj biss sich nach der Ankunft durch die Integrationsklasse und das zehnte Schuljahr. Er begann eine Lehre als Verkäufer, die er bald abbrach. Denn inzwischen hatte Azem Maksutaj in einem Keller an der Tösstalstrasse 7a seine Berufung, das Thaiboxen, entdeckt. Das «Wing Thai Gym» wurde dem 16-Jährigen zum zweiten Zuhause. Mit 17 Jahren wurde Maksutaj Thaibox-Schweizermeister, mit 19 Europameister. Und kurz darauf, 1994, wurde Azem Maksutaj Weltmeister, der jüngste aller Zeiten.

Prügeln mit allen

In diesem Jahr machte Maksutaj, der nicht nur ein Thaibox-Ausnahmetalent, sondern auch ein guter Geschäftsmann ist, die Kickboxschule «Wing Thai Gym» vom zweiten Zuhause zu seinem Eigentum. Das Geld hatte er sich als Türsteher und Bauerngehilfe verdient, den Rest hatte er geborgt. Von nun an tummelten sich in der Kampfsportschule junge Immigrantenkinder und himmelten Maksutaj an, der nun fast jährlich seinen Weltmeistertitel erneuerte.

Bashkim Berishas Leben auf dem fremden Boden hatte einen komplett anderen Lauf genommen. Für die Schule interessierte Bashkim sich in der Schweiz noch weniger ls daheim, dafür stellte er zusammen mit seinen Brüdern das Winterthurer Sozial- und Polizeisystem auf eine harte Bewährungsprobe. Er prügelte sich mit allen, die ihm über den Weg liefen, seien es Mitschüler, Lehrer, Türsteher oder Polizisten. Besserung schien nicht in Sicht zu sein, bis auch Bashkim Berisha im Alter von 15 Jahren seine Berufung entdeckte.

Schüler und Vorbild


Der junge Kosovare, der eines Tages um 1995 im «Wing Thai Gym» seine Fäuste fliegen liess, erinnerte Azem Maksutaj vielleicht an sich selbst. Wie er war er eher klein und schmächtig, besass aber das selbe Kämpfherz. Vielleicht erkannte Maksutaj, dass der Junge, Bashkim Berisha, aus seiner kosovarischen Nachbarschaft stammte. Die Lebenslinien von Azem Maksutaj und Bashkim Berisha rückten noch einmal ganz nahe zusammen, bevor sie sich endgültig trennten. Maksutaj wurde für einige Zeit Berishas Trainer, und wahrscheinlich auch zu dessen Vorbild.

Bashkim Berisha erwies sich bald wie Maksutaj selbst als Thaibox-Ausnahmetalent. Er lebte nur noch im Ring und wurde mit 17 Jahren, wie sein Trainer, Thaibox-Schweizermeister.

Lesen Sie im zweiten Teil der Maksutaj-Berisha-Story: Wie die beiden zu den führenden Kickboxern der Ostschweiz werden, wie sie sich überwerfen, wie Bashkim Berisha im Gefängnis landet und Azem Maksutaj im «Samschtigjass».

«Being Azem» läuft in Zürich, Schaffhausen und Winterthur im Kino. In den kommenden Wochen startet der Film auch in Basel und Luzern und weiteren Städten.