Ein Leben mit Zwangsstörung

07. April 2018 13:24; Akt: 07.04.2018 13:24 Print

Zwillinge duschten zehn Stunden täglich

Stundenlang standen sie unter der Dusche, danach rieben sie sich mit Alkohol ein: Sara und Amanda Eldritch litten an einer extremen Zwangsstörung.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Das Leben von Sara und Amanda Eldritch aus Broomfield nördlich von Denver im US-Staat Colorado war ein einziger Leidensweg. Als ihre Töchter klein waren, bemerkte Mutter Kathy Worland schon, dass etwas mit den beiden nicht stimmte. Jedes Mal habe sie bis zu einer Stunde gebraucht, um den Mädchen die Schuhbändel zu binden, jedes Mal hätten die beiden darauf bestanden, dass die Schleifen perfekt aussehen, erzählte Worland dem Sender «9 News».

Zu Beginn der Pubertät wurde die Situation mit Sara und Amanda schwieriger. Der Mutter und auch den Ärzten wurde klar: Die Zwillingsschwestern litten an einer schweren Zwangsstörung. Wie die «Washington Post» berichtet, verbrachten die beiden täglich bis zu zehn Stunden unter der Dusche und rieben danach ihre Körper mit bis zu fünf Litern Alkohol ein – so lange, bis die Haut brannte und verletzt war.

Ein Leben ohne Freunde

Das Haus verliessen sie selten, aus Angst, von Keimen befallen zu werden. Wenn sie es mal taten, assen und tranken Sara und Amanda nichts, um nicht fremde Toiletten besuchen zu müssen. Das führte dazu, dass sie oftmals dehydriert nach Hause zurückkehrten.

«Wir hatten keine Freunde und kein Sozialleben. Das war ja auch logisch. Wenn du den halben Tag brauchst, um zu duschen, ruft dich niemand mehr an», schilderte Sara 2017 ihre Situation in der Sendung «The Doctors». Die Isolierung führte zur Depression.

Ein Neurochirurg konnte helfen

Die Schwestern probierten mehrere Therapien aus – von klassischer Psychotherapie bis zur Hypnose. Nichts half, bis sie 2015 in Kontakt mit dem Neurochirurgen David Van Sickle kamen. Er schlug den jungen Frauen eine Operation vor, um das Hirn zu stimulieren.

Bei dem Eingriff werden Elektrodendrähte unter die Haut eingeführt, die vom Kopf durch den Hals bis zur Schulter gehen. Die Drähte werden an einen Neurostimulator angeschlossen, der in die Brust implantiert wird. Durch die elektronisch kontrollierten Impulse des Neurotransmitters liessen sich auch die ständigen Gefühle von Angst und Beklemmung kontrollieren.

Depression führte zu verzweifelter Entscheidung

In den darauffolgenden Monaten liessen die Symptome der Zwangsstörung nach. «Ich hatte das Gefühl, seit 30 Jahren in meinem Körper gefangen zu sein, und nun habe ich wieder die Kontrolle», freute sich Sara. Die Schwestern konnten das Haus verlassen, verbrachten auch mehr Zeit voneinander getrennt, fanden sogar einen Job.

Die depressiven Zustände traten aber immer wieder auf. Vergangenen Freitag endete das Leben von Sara und Amanda Eldritch auf tragische Weise: Die 33 Jahre alten Zwillingsschwestern wurden tot in einem Auto auf einer Raststätte in der rund 250 Kilometer entfernten Ortschaft Cañon City aufgefunden. Beide hatten eine Schusswunde im Kopf. Den Behörden wurde bald klar: Sara und Amanda hatten einen Suizid-Pakt geschlossen und sich gemeinsam das Leben genommen.

(kle)