Schwertwal-Drama vor Nordamerika

14. August 2018 07:18; Akt: 14.08.2018 07:18 Print

Jetzt kämpft auch Orca Scarlet mit dem Tod

Die Herde der trauernden Schwertwal-Mutter bereitet Forschern Sorge. Ein weiteres Jungtier ist stark mangelernährt.

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Die Orca-Mutter, die über 17 Tage versuchte, ihr totes Jungtier an der Wasseroberfläche zu halten, wühlte viele Menschen auf ... ... doch sie ist nicht das einzige Tier der Orca-Gruppe im nordwestlichen Pazifik, um das sich Forscher sorgen. Das Jungtier Scarlet (hier mit ihrer Mutter im Hintergrund) ist stark abgemagert. Wissenschaftler der NOOA nahmen das Tier in Augenschein und verabreichten ihm per Pfeil ein Antibiotikum. Die Forscher erwogen auch, das Medikament mittels lebender Königslachse zu verfüttern. (Bild: Die Forscher proben die Fütterung am 10. August 2018.) Scarlet, oder J50, wie Forscher sie nennen, kam 2015 auf die Welt (Bild: Mit ihrer Mutter J16). Seit drei Jahren hat es in der Orca-Gruppe keine erfolgreichen Schwangerschaften mehr gegeben. Hauptgrund ist der Mangel an Königslachsen, der Hauptnahrungsquelle der sogenannten Southern Resident Killer Whales. Ein Team aus Walforschern der NOOA und anderen Organisationen folgten der Wal-Gruppe, um J50 zu helfen. Die Mutter der verstorbenen Babys musste ihren Kampf alleine austragen. Der Grund für diesen aussichtslosen Kampf ist die besonders starke Beziehung zwischen Mutter- und Jungtier. Mittlerweile hat die Walmutter ihr Baby aufgegeben und wieder zur Gruppe aufgeschlossen. Die herzzerreissende Szene trug sich im äussersten Norden der US-Westküste und der kanadischen Küste zu, zwischen Seattle und Vancouver. Die Orka-Population in diesem Küstenabschnitt ist stark gefährdet, da die Wale nicht genügend Nahrung haben.

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Das Schicksal der Orca-Mutter, die sich 17 Tage lang nicht von ihrem toten Kalb trennen konnte, bewegt die Menschen weltweit. Doch nicht nur sie lässt einige Meeresforscher bereits voller Besorgnis von einer «Schwertwal-Krise» sprechen.

Innerhalb der gleichen Orca-Gruppe vor der kanadischen und der US-Westküste, der sogenannten J-Herde, kämpft ein weiteres Jungtier mit dem Tod. US-Wissenschaftler der Nationalen Ozean- und Atmosphärenbehörde (NOAA) und ihre kanadischen Kollegen lassen sich jetzt einiges einfallen, um das abgemagerte dreijährige Orca-Weibchen J50, besser bekannt als Scarlet, zu retten. Wie CBC berichtet, ist ein Forscherteam der Herde eine Woche lang gefolgt, um sich ein Bild von Scarlets Gesundheitszustand zu machen.

Antibiotikum per Pfeil

J50 hatte so viel an Gewicht verloren, dass die Blubber genannte Fettschicht auf ihrem Kopf eingesunken war und ihr Atem übel roch. Als die Wissenschaftler am vergangenen Donnerstag nahe der Insel San Juan dicht genug an dem abgemagerten Tier dran waren, schossen sie einen Pfeil mit einem lang anhaltenden Antibiotikum auf den Meeressäuger, um eine eventuell bestehende Infektion zu bekämpfen. Ebenso wurde überlegt, mit Antibiotikum versetzten Lachs zu füttern. Scarlet sei zwar schwach, so die Forscher, aber in der Lage, bei ihrer Mutter und ihren Geschwistern zu bleiben.

Die NOOA machte die Aktion auf Twitter publik.


Die J-Herde gehört zu den Southern Resident Killer Whales, einer Schwertwal-Population im nordöstlichen Pazifik, die anders als andere Populationen nur aus einer Gruppe besteht und ortstreu ist. «Seit Jahrzehnten versuchen wir, die Bedrohungen und Probleme dieser gefährdeten Schwertwale besser zu verstehen», zitiert CBC Lynne Barre von der NOAA.

Drei Jahre kein Nachwuchs

Der Tod des Schwertwalbabys und die Mangelernährung von J50 zeigen nach Angaben der Wissenschaftler vom Center for Whale Research in der US-Stadt Friday Harbor die Probleme der Orca-Population an dem Küstenabschnitt im kanadischen British Columbia. Die Tiere sind stark gefährdet.

In den vergangenen drei Jahren seien 100 Prozent der Schwangerschaften in dieser Population gescheitert, weil die Wale nicht genügend Nahrung hätten, so die Forscher. Der NOAA zufolge ist die Population von 96 im Jahr 1993 auf 75 geschrumpft. Die Hauptnahrungsquelle der Orcas sind Königslachse. Diese seien wie die Walpopulation stark gefährdet.

Im vergangenen Jahr hat die kanadische Regierung sogar 220'000 Junglachse in den Ozean entlassen, um den Orcas mehr Nahrung zu geben. Neben dem Lachsmangel machen den Tieren auch der Schiffslärm und die Verschmutzung der Meere zu schaffen.


Die Walmutter trauerte 17 Tage um ihr totes Kalb. (Video: Tamedia/Wibbitz)

(mlr)