Trauer oder PR?

27. Oktober 2010 12:13; Akt: 27.10.2010 12:27 Print

«Steve beschützt mich immer noch»

von Philipp Dahm - Nach dem Tod von Steve Lee hat sich Brigitte Voss-Balzarini nicht versteckt. Im Gegenteil: Sie lässt die Öffentlichkeit an ihrer Trauer teilhaben. Jetzt sprach sie im «Club» über die Gründe dafür.

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Eine Woche nach der Abschiedsfeier für Steve Lee sass Brigitte Voss-Balzarini in Leutschenbach, um mit Moderator Röbi Koller und vier weiteren Gästen über das Ende des Lebens zu sprechen. «Der Club» stand am 26. Oktober unter dem Motto «Der letzte Abschied - vom schwierigen Umgang mit dem Tod». Und der war in der Beziehung zwischen dem Gotthard-Sänger und seiner Partnerin eigentlich kein Thema – bis zum 5. Oktober, als Lee in den USA verunfallte.

Die Angst vor der Lähmung oder die lähmende Angst

Worüber die zwei geredet haben, war der Aspekt Krankheit, berichtet die Hinterbliebene. Vor sechs Monaten habe sie ihrem Steve gesagt: «Wenn du mal im Rollstuhl sässest, wäre ich immer für dich da.» Nachdem die Ex-Miss-Schweiz im August selbst einen Autocrash miterleben musste, wurden weitere Dinge angesprochen, über die sich Paare nicht gerne unterhalten. «Wir haben nach meinem Unfall im August geredet», erklärte Brigitte Balzarini-Voss. «Ich habe ihn gefragt: 'Du, Schatzi, hast du eigentlich eine Lebensversicherung?» Seine Antwort war: «Ich gehe noch lange nicht von dieser Welt.»

Als der Sänger auf der Interstate 15 dann von seinem eigenen Motorrad erschlagen wurde, dachte seine Liebste erst, er könnte überlebt haben. «Ich habe zuerst den Rücken abgetastet – und es ist alles kaputt gewesen», erinnert sich die Trauernde in der SF-Sendung. In diesem Moment habe sie die Angst gepackt, Steve könnte sein Leben lang an einen Rollstuhl gefesselt sein. Als sein Körper vorsichtig umgedreht wurde, habe sie sein bleiches Gesicht gesehen und sich gefragt, ob durch Sauerstoffmangel auch sein Hirn in Mitleidenschaft gezogen war. «Ich bin fast verzweifelt», beschrieb sie ihre Gefühle.

Versuch, zur Normlität zurückzukehren

Noch während Lee beatmet wurde, habe sie seine «Seele vorbeifliegen fühlen»: «Zum Glück hat er so gehen dürfen», sagte sie mit Blick auf ein Leben, dass der Horgener möglicherweise nur mit der Hilfe von Maschinen hätte weiterführen können. Und das hätten auch seine Eltern nicht verdient, führt Balzarini-Voss aus. Durch den Tod habe Steve nicht leiden müssen. Tragisch: Am Samstag, den 2. Oktober flogen die beiden in die USA, doch bis zum Vortag stand noch gar nicht fest, ob die Reise zustande kommt, weil Lee von der US-Botschaft erst im letzten Moment grünes Licht bekam.

Wie geht die Hinterbliebene mit dem Verlust um? «Als ich jetzt heimgekommen bin, habe ich zuerst meinen normalen Tagesablauf wieder aufgenommen», beschreibt Brigitte Balzarini-Voss ihren Versuch, sich nicht von der Trauer einnehmen zu lassen. «Ich hatte so eine enge Beziehung mit Steve, dass ich denke, dass er mich immer noch beschützt. Deshalb kann ich so gut damit umgehen.» Sie lebe derzeit in Lees Haus und erfahre in dem Dorf viel Unterstützung. Die Gemeinschaft fange sie auf.

Auftritt auch als Zeichen für die Fans

War das Teilen der Trauer für sie eine Belastung, wollte Röbi Koller wissen. «Absolut nicht», antwortete Brigitte Balzarini-Voss entschieden. Sie habe viel Zuspruch nach Steves Tod erhalten: «Ich will den Frauen und Männern, die geschrieben haben, zeigen, dass es gut geht.» Sie habe gar einen «Beschützerinstinkt» für Familie, Freunde und Fans entwickelt. Der Moderator hakt nach: «Sie mussten die Fans trösten?» Brigitte korrigierte sich leicht: «Die meisten trösten mich.»

Via Facebook erfahre sie viel Unterstützung, doch Balzarini-Voss berichtete auch von Bewunderern des Verstorbenen, die sie auf der Strasse treffe und die ihr weinend in die Arme fielen. Hat es auch eine Zeit der Trauer gegeben, in der sie alleine gewesen ist, will Koller weiter wissen. Sie antwortete, dass sie in den USA alleine getrauert hat, als Lees Leiche zur Verbrennung freigegeben wurde: Die Urne habe sie dann mit ins Hotelzimmer genommen. «Es hat mir sehr geholfen, dass ich Steve, also die Urne, noch bei mir haben konnte». Auch das Überbringen der sterblichen Überreste an Steves Eltern sei «enorm wichtig» gewesen.

Fazit

In der Sendung, in der auch die sehr persönlichen Ausführungen der verwitweten Autoren Peter Zeindler und Barbara Bosshard berührt haben, war Steve Lees Partnerin mit ihren Ausführungen sicherlich der Paradiesvogel. Die 49-Jährige sprach vom Schutz «anderer Sphären» und erwähnte, sie habe ihre Grosseltern mehrmals im Traum gesehen. Stellt sie sich selbst so in den Mittelpunkt? Nein, auch bei aller Esoterik erweckte sie nie den Eindruck, als wäre ihre Trauer Kalkül. Ihr Leiden, ihr Glaube und ihre Hoffnungen wirkten im «Club» einfach bloss authentisch.

Auf dem SF-Portal können Sie eine Aufzeichnung der Sendung ansehen.