Polanski offen wie nie

02. Oktober 2011 13:09; Akt: 02.10.2011 15:12 Print

«Das Härteste war, als meine Kinder gingen»

Zwei Jahre nach seiner Verhaftung in Zürich zeigt sich Roman Polanski gesprächig. Er redet über die Zeit im Gefängnis, seine Kinder und Schuld.

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Die Veranstalter des Zürcher Filmfestivals kündigen an, dass am 27. September der 76-jährige Star-Regisseur Roman Polanski mit dem «Goldenen Auge» für sein Regie-Lebenswerk geehrt werde. Doch so weit kommt es nicht: Ein Polizist aus dem Kanton Aargau, der eine Einladung ans Zurich Film Festival erhalten hatte, googelt den Namen des Filmemachers und stösst so auf seine Vergangenheit. Der Polizist gibt daraufhin den Namen Polanski ins Schweizer Fahndungssystem «Ripol» ein und bemerkt, dass dieser weltweit zur Verhaftung ausgeschrieben ist. Er informiert das Bundesamt für Justiz (BJ). Die Schweiz informiert mit einem «dringenden Fax» an das US-Büro für internationale Angelegenheiten über die geplante Einreise des Filmregisseurs. Das BJ fragt dabei gezielt an, ob der Haftbefehl von 1978 noch gelte. Das US-Büro für internationale Angelegenheiten alarmiert daraufhin die Staatsanwaltschaft in Los Angeles, die «ein ausdrückliches Haftersuchen» für Polanski an Bern übermittelt. Der polnisch-französische Doppelstaatsbürger wird von den USA seit seiner Flucht nach Frankreich 1978 wegen sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen im Jahre 1977 gesucht. Seit 2005 ist Polanski international zur Verhaftung ausgeschrieben. Roman Polanski wird bei seiner Einreise in die Schweiz im Auftrag des Bundesamtes für Justiz durch die Kantonspolizei Zürich am Flughafen in Kloten verhaftet. Er sitzt in Winterthur in Auslieferungshaft. Polanskis Anwälte (im Bild Hervé Temime) reichen beim Bundesstrafgericht Beschwerde gegen den Auslieferungshaftbefehl ein. Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf hingegen verteidigt das Vorgehen ihres Bundesamtes bei der Festnahme. Mit einer Warnung Polanskis hätte man Amtspflichten verletzt. Das Bundesstrafgericht weist die Beschwerde gegen den Auslieferungshaftbefehl ab und verwehrt Polanski die Haftentlassung wegen Fluchtgefahr. Die USA ersuchen die Schweiz formell um die Auslieferung des Starregisseurs. Nach einer Anhörung Polanskis wird das Bundesamt für Justiz über die Auslieferung entscheiden. Das Bundesamt für Justiz weist das Haftentlassungsgesuch von Polanski ab. Grund: Hohe Fluchtgefahr. Polanskis Anwälte legen beim Bundesstrafgericht Beschwerde gegen den negativen Haftentlassungsentscheid des BJ ein. Das Bundesstrafgericht heisst die Beschwerde gut und gibt damit grünes Licht für seine Freilassung aus der Auslieferungshaft gegen eine Kaution von 4.5 Millionen Franken. Nach 70 Tagen Haft in Winterthur darf Polanski in sein Chalet in Gstaad einziehen. Er kann dort arbeiten, das Grundstück darf er aber nicht verlassen. Starregisseur Roman Polanski wird nicht an die USA ausgeliefert – der 76-Jährige ist ein freier Mann. Die Schweizer Regierung erklärte, die amerikanischen Behörden hätten vertrauliche Zeugenaussagen zu Polanskis Prozess nicht vorgelegt. Daraus könnte hervorgehen, dass Polanski seine Strafe mit einer 42-tägigen Inhaftierung zur psychiatrischen Begutachtung bereits abgesessen habe. Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf sagte, neben Zweifeln an der Darstellung des Sachverhalts im Auslieferungsgesuch spiele auch das Vertrauen eine Rolle, das Polanski in die Schweiz setzen durfte. Der Regisseur sei seit 2006 Chaletbesitzer in Gstaad und in der Schweiz nie behelligt worden. Er sei im begründeten Vertrauen in die Schweiz gereist, keine rechtlichen Nachteile erwarten zu müssen.

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Anfang Woche holte Roman Polanski den Ehrenpreis am Zurich Film Festival ab – mit zwei Jahren Verspätung. Im Jahr 2009 war der Regisseur auf dem Weg ans ZFF bei seiner Einreise am Klotener Flughafen verhaftet worden. Er war anschliessend zehn Monate lang im Gefängnis und in seinem Gstaader Chalet eingesperrt. Die USA forderten von der Schweiz die Auslieferung Polanskis, weil dieser 1977 eine Minderjährigen missbraucht haben soll.

Seine Rückkehr ans Festival war keineswegs selbstverständlich, gegenüber der «NZZ am Sonntag» sagt Polanski: «Ich gehe nicht mehr gerne auf Filmfestivals. Ich habe den Preis abgeholt, weil ich die Schweiz liebe.» Und diese Liebe begann, wie Polanski erzählt, vor 40 Jahren nach dem Tod seiner damaligen Frau Sharon Tate. In Gstaad suchte er Schutz vor neugierigen Journalisten.

Immerhin hielt dieser Schutz fast vier Jahrzehnte, nach der Aufregung um seine Verhaften wurde Polanski dann doch von der Presse «gefunden». Er sagt: «In Gstaad hatte ich keinen Schutz mehr: Hunderte Fotografen und Kameramänner zoomten auf meinen Vorhang.»

«Der Prozess war langwierig»

Vor den Medien geschützt wurde Polanski hingegen im Knast. In einer Einzelzelle sei sein Aufenthalt dank der Gefängniswärter «so schmerzlos wie möglich» gewesen, abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Sogar seinen Film «The Ghost Writer» durfte er fertig machen. Per Post erhielt er DVDs, schaute diese auf dem Computer an und konnte über seinen Anwalt mit den zuständigen Personen für den Film kommunizieren. Sogar von einem Schnittmeister erhielt Polanski an vier Tagen Besuch. Trotzdem sagt er über die Arbeit in der Zelle: «Der Prozess war extrem langwierig.»

Am meisten aber bedrückte Polanski die Abgeschirmtheit von seinen Kindern. Zwei Mal hätten sie ihren Papa besucht, «die Momente als sie gingen, waren die härtesten».

Schuld trägt Dokfilm

Als wahren Grund für seine Verhaftung sieht Polanski den Dokumentarfilm «Roman Polanski: Wanted and Desired» von Marina Zenovich. «Der Film enthüllt, dass der Richter seinerzeit mehrere Fehler gemacht hatte. Meine Anwälte in Los Angeles verlangten deshalb, dass man den Fall einstellt», erklärt Polanski. Der Bezirksanwalt hätte dies zum Vorwand genommen, ihn zum ersten Mal via Interpol zur Verhaftung auszuschreiben.

Zu Polanskis Leid ereigneten sich die Vorfälle zur selben Zeit, wie die Kandidatur des Bezirksanwalts als Generalstaatsanwalt. So habe er seine Kampagne mit dem Versprechen «Ich bringe diesen Kriminellen hinter Gitter» gestartet.

Trotz aller Vorfälle hegt Polanski weder einen Groll gegen die Schweiz noch gegen Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf. Für die USA hingegen findet Polanski keine positiven Worte: «Als Kind sah ich dieses Land als Vorbild, heute sind die USA für mich kein Vorbild mehr.»

(los)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Titanus am 02.10.2011 16:41 Report Diesen Beitrag melden

    Wieviel mal Polanski bestrafen?

    Für mich ist die "Vergewaltigung" einer 13-Jährigen in Zusammenhang mit dem brutalen Manson-Mord an der Familie Polanski zu sehen. Polanski hat doch damals verständlicherweise durchgedreht. Ist nach seinem "Verbrechen" danach auch freiwillig zum Psycholog gegangen und seitdem hat er gar keine Verbrechen mehr begangen. Also bestraft wurde er gleich 3 mal. Einmal als seine schwangere Frau umgebracht wurde, einmal in den USA vom Richter und einmal in der Schweiz. Das sollte doch genügen ...

  • Rolf. am 02.10.2011 16:33 Report Diesen Beitrag melden

    Er hat die Tat längst zugegeben.

    Lieber Herr Schreiberling. Schon ihr erster Abschnitt nervt. Polanski hat vor dem amerikanischen Gericht längst zugegeben, dass er Sex mit einer 13 jährigen gehabt hat. Auch Analsex. Sorry, wer als erwachsener Mann Analsex mit einer 13 jährigen hat ist einfach nur krank. Egal wie viele gute Filme er später noch gemacht hat. Er gehört hinter Gitter. Basta. Ich schäme mich für die Schweiz. Streicht der Filmszene sofort die Subventionen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Titanus am 02.10.2011 16:41 Report Diesen Beitrag melden

    Wieviel mal Polanski bestrafen?

    Für mich ist die "Vergewaltigung" einer 13-Jährigen in Zusammenhang mit dem brutalen Manson-Mord an der Familie Polanski zu sehen. Polanski hat doch damals verständlicherweise durchgedreht. Ist nach seinem "Verbrechen" danach auch freiwillig zum Psycholog gegangen und seitdem hat er gar keine Verbrechen mehr begangen. Also bestraft wurde er gleich 3 mal. Einmal als seine schwangere Frau umgebracht wurde, einmal in den USA vom Richter und einmal in der Schweiz. Das sollte doch genügen ...

  • Rolf. am 02.10.2011 16:33 Report Diesen Beitrag melden

    Er hat die Tat längst zugegeben.

    Lieber Herr Schreiberling. Schon ihr erster Abschnitt nervt. Polanski hat vor dem amerikanischen Gericht längst zugegeben, dass er Sex mit einer 13 jährigen gehabt hat. Auch Analsex. Sorry, wer als erwachsener Mann Analsex mit einer 13 jährigen hat ist einfach nur krank. Egal wie viele gute Filme er später noch gemacht hat. Er gehört hinter Gitter. Basta. Ich schäme mich für die Schweiz. Streicht der Filmszene sofort die Subventionen.

    • emanuel d. am 02.10.2011 17:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      richtig

      richtig!

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