Dieter Bohlen

09. September 2019 17:53; Akt: 09.09.2019 17:53 Print

«Ihr Schweizer macht ein paar Sachen richtiger»

von Zora Schaad - Trump, Brexit, Amazonas: Dieter Bohlen sorgt sich um die Welt, bestreitet, dass er fies zu DSDS-Kandidaten ist und hört gerne Loredana. Auch wenn sie nicht singe wie Whitney Houston.

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Comeback nach 16 Jahren Pause: Wir treffen Dieter Bohlen vor seinem Konzert in der Zitadelle Spandau in Berlin und sprechen mit ihm über Feminismus, die Schweizer Rapperin Loredana und darüber, was die Schweiz in seinen Augen besser macht als Deutschland. Seine 1,3 Millionen Follower auf Instagram hätten ihn gedrängt, endlich ein Konzert in Deutschland zu spielen. Seine Tour führt Dieter Bohlen unter anderem nach Zürich, Hamburg und Wien. Ebenfalls anwesend während des Interviews: seine Lebenspartnerin Carina Walz. Sie lässt es sich nicht nehmen, das Interview immer mal wieder zu unterbrechen. Als Juror bei DSDS ist Bohlen bekannt für seine unzimperlichen Sprüche. Öfter wurde ihm auch Sexismus vorgeworfen. Darauf angesprochen meint er: «Irgendwelche blöden Sprüche gegenüber Frauen finde ich von Grund auf deplatziert. Ganz egal ob im Fernsehen oder im Alltag in der U-Bahn oder Disco.» Auf sein Bad-Guy-Image angesprochen meint er zur Journalistin: «Sie streiten mir das wahrscheinlich ab, aber ich bin ein extrem harmoniebedürftiger Mensch. Wir sitzen bei DSDS vielleicht 14 Stunden da, und es kommt ein mieser Sänger nach dem andern und jeder denkt, er sei Robbie Williams. Oder es kommen irgendwelche Vollidioten und beleidigen einen nonstop ... ... Wenn da irgendwelche Mädels was sagen und einen beleidigen, das stimmt, dass ich da auch mal was zurückgebe, dass auch mal ein Schimpfwort fällt ... Es hat alles immer zwei Seiten.» «Ich möchte eine Party machen! Vom Gesang her bin ich ja auch kein Ed Sheeran, der sich mit einer Akustikgitarre auf die Bühne stellt und einfach nur singt.» Bohlen unterhält 10'000 Fans in der Zitadelle Spandau mit Nummern von DSDS wie «I have a dream» und alten Hits von Modern Talking. Das Entertainment-Gen hat der Poptitan definitiv im Blut. Am 14. September tritt Bohlen im Hallenstadion in Zürich auf. Schweizer Stars wie Luca Hänni oder Beatrice Egli wird er vermutlich nicht auf die Bühne bitten. «Ich habe mir schon überlegt, ein paar Leute dazuzunehmen. Aber da die meisten Zuschauer sowieso nur wegen mir kommen, bringt das ja nichts.»

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Über 30 Grad sind es in Berlin, das Interview findet in einem stickigen, abgedunkelten Raum in der Zitadelle Spandau statt, wo 10'000 Fans auf das Comeback des Poptitanen warten. Dieter Bohlen. Wer ist der Mann, der bei DSDS Kandidaten mit ruppigen und sexistischen Sprüchen abkanzelt, mit seiner Musik ein Vermögen von geschätzten 250 Millionen Euro angehäuft und sechs Kinder von drei verschiedenen Frauen hat? Der auf Wunsch seiner Eltern ein BWL-Studium absolviert hat, der kommunistischen Partei beigetreten ist und jahrelang Mitglied der SPD war?

Der 65-Jährige lässt sich Zeit. Eben hat er ein paar Fans zum Meet and Greet getroffen, Umarmungen und Autogramme verteilt, nun gönnt er sich noch ein Glace. Dann setzt er sich neben mich auf die Couch. Kurze Jeans, schwarzes Polo, gebräunter Teint, Sonnenbrille. Alles genau so, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Immer an seiner Seite: «seine» Carina. Die 35-jährige Lebenspartnerin des Stars trägt ein Dieter-Bohlen-Shirt, tippt ständig auf ihrem Handy herum und achtet streng darauf, dass ihr Freund keine heiklen Aussagen macht. Mehrfach unterbricht Carina Walz das Gespräch und interveniert. Gerne hätte ich das Interview mit dem Smartphone aufgenommen. Doch weil Bohlen sich nur mit grosser Kamera und spezieller Beleuchtung filmen lässt, musste ich darauf verzichten.

Das erste Konzert nach 16 Jahren – sind Sie nervös?
Ich bin sehr relaxt. Wir haben wochen- und monatelang geübt. Mehr kann man sich nicht vorbereiten. Ich freue mich, dass ich die Leute, die mir zum Teil 35 Jahre lang treu geblieben sind, wiedersehe.

Warum das Comeback?
Ich habe ja über 1,3 Millionen Follower auf Instagram und die haben wirklich gedrängt. Die haben gesagt, du spielst in Moskau, du spielst überall, spiel doch mal in Deutschland. Carina und ich waren skeptisch, aber dann war das Konzert nach 48 Stunden ausverkauft und im Internet wurden bereits Karten für 1600 Euro angeboten. Also beschlossen wir, weitere Konzerte zu machen. In Hamburg, in Zürich, in Wien ...

Sie hatten gerade ein Meet and Greet für die Hardcore-Fans.
Ja, Wahnsinn! Da kamen Leute aus Moskau, aus Peking, aus Los Angeles. Da war eine Israelin, ich kannte sie, sie stand mit 16 bei jedem meiner Konzerte in der ersten Reihe. Und nun steht sie plötzlich da und erzählt, dass sie Selbstmord machen wollte und dass meine Musik sie davon abgehalten hat. Sie hat die ganze Zeit geweint.

Was löste das bei Ihnen aus?
Du siehst ja, wie sehr es mich berührt hat. Sonst würde ich das nicht erzählen, man weiss das ja auch alles nicht.

Leider kann ich Ihre Augen nicht sehen.
Dieter Bohlen hebt für einen Moment seine Sonnenbrille hoch.
Diese Nähe zu den Fans war für mich auch ein Grund, wieder auf Tournee zu gehen. Im Studio kriegt man nicht mit, wie die Menschen die Musik erleben.

Was haben Sie zu der Frau gesagt, die sich das Leben nehmen wollte?
«Willst du noch ein Autogramm mehr?» Echt, man ist da so ein bisschen ohnmächtig. Ich habe sie umarmt und gesagt, dass es ganz toll ist, dass sie hier ist. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so was bewege.

«Wir Deutschen haben immer ein bisschen Schuldgefühle gegenüber den Juden. Ich habe damals nicht gelebt und habe trotzdem Schuldgefühle.»

Sie haben mit dieser Frau eine Israel-Fahne gehalten und für ein Foto posiert. Haben Sie keine Angst, dass das einen Teil Ihrer Fans polarisiert?
Nein, ich finde das albern. Das sind Fans von mir, egal aus welchem Land sie kommen. Wenn mir das die Leute übelnehmen würden, könnte ich das nicht verstehen. Gerade wir Deutschen. Wir haben immer ein bisschen Schuldgefühle gegenüber den Juden. Ich habe damals nicht gelebt und habe trotzdem Schuldgefühle.

Werden Sie beim Konzert in Zürich Schweizer Stars auf der Bühne begrüssen?
Leute wie Luca Hänni oder Beatrice Egli? Ich glaube nicht, das ist so weit weg von dem, was ich mache … Ich habe mir schon überlegt, ein paar Leute dazuzunehmen. Aber da die meisten Zuschauer sowieso nur wegen mir kommen, bringt das ja nichts.

Kennen Sie die Schweizer Rapperin Loredana? Sie soll ein älteres Schweizer Ehepaar abgezockt haben und muss sich wegen Betrugsvorwürfen vor der Justiz verantworten.
Was?! Nein, das habe ich nicht mitgekriegt. Aber ihre Musik, diesen Song «Eiskalt», den finde ich sehr gut, sehr zeitgemäss. Aber wenn Sie diesen Betrug wirklich gemacht hat, dann ist das natürlich ganz schlimm.

Was sind Highlights der Show?
Ich spiele das, was ich in 35 Jahren an grossen Hits komponiert habe, ich hatte ja 22 Nummer-eins-Hits in Deutschland. Also die grossen Nummern von DSDS wie «I have a dream», die Hits von Modern Talking wie «You’re my heart, you’re my soul», «Cheri, Cheri lady» und dazu ein paar Nummern von Künstlern, für die ich komponiert habe. Daneben mache ich Showeinlagen, ähnlich wie auf meinem Insta-Kanal. Ich möchte eine Party machen! Vom Gesang her bin ich ja auch kein Ed Sheeran, der sich mit einer Akustikgitarre auf die Bühne stellt und einfach nur singt.

Sie sind nicht der grosse Sänger, das sagen Sie selbst … Wenn Sie bei DSDS antreten würden, würden Sie sich in den Recall schicken?
Was für ein Schwachomat wäre ich denn, wenn ich den erfolgreichsten deutschen Komponisten aller Zeiten ablehnen würde! Da müsste man mich in der Jury feuern. Die Wahrheit ist, dass all die Leute, auch die in der Jury, keine Ahnung haben. Beispielsweise war die ganze Jury ausser mir damals gegen Beatrice Egli. Alle, auch die Plattenfirma, sagten, schmeiss sie raus, die ist so schlecht, die kann keinen Takt halten. Ich habe sie damals mitgezogen und habe immer zu ihr gehalten. Das war das erste Mal, dass jemand mit einem Schlager gewonnen hat. Man muss erkennen, was in den Leuten steckt, doch die meisten schauen nur, ob ein Kandidat eine angenehme Stimme hat oder den Ton genau trifft. Aber darum geht es nicht, auch Loredana kann nicht wie Whitney Houston singen. Oder Capital Bra kein hohes C. Es geht um das Gesamtpaket, man muss sehen, wer was hat.

«Irgendwelche blöden Sprüche gegenüber Frauen finde ich von Grund auf deplatziert.»

Sie sind vor allem in früheren Jahren öfter mit ziemlich deftigen Aussagen aufgefallen. Mehrfach wurde Ihnen auch Sexismus vorgeworfen. Gibt es Sprüche, die Sie heute, in Zeiten von #MeToo, so nicht mehr machen würden?
Generell kann ich sagen: Irgendwelche blöden Sprüche gegenüber Frauen finde ich von Grund auf deplatziert. Ganz egal, ob im Fernsehen oder im Alltag in der U-Bahn oder Disco. Das hat mit #MeToo letztendlich überhaupt nichts zu tun. Aber die Zeit ist momentan schon ein bisschen anders, als sie vor 16 Jahren war (lacht). Damals wussten die Leute auch noch nicht, was bei DSDS abgeht – und vor allem die Kandidaten waren krasser drauf. Da gabs die übelsten Beleidigungen, den Heinz Henn haben sie mit Wasser überschüttet. Da habe ich dann auch krasser reagiert.

Heute wehren sich Frauen viel selbstbewusster dagegen, auf Äusserlichkeiten und Geschlechtsmerkmale reduziert zu werden. Beeinflusst das Ihre Arbeit bei DSDS?
Natürlich haben sich die Zeiten geändert, und auch ich bin wahrscheinlich über die Jahre ein wenig ruhiger und gelassener geworden. Ich habe auch das Gefühl, dass die Kandidaten zum grössten Teil anders an die Sache rangehen. Mit ein bisschen mehr Demut und weniger Überheblichkeit und Aggression hat man grundsätzlich schon mal bessere Karten bei der Jury. Deswegen sind heute eigentlich alle sehr nett. Und wenn einer nett reinkommt, kriegt er von mir auch keine grossen Sprüche zu hören. Ich habe die eigentlich immer nur dann gebracht, wenn die Leute völlig uneinsichtig waren und geglaubt haben, sie wären wer weiss was. Wenn einer nur Quatsch erzählt, muss man auch mal sagen: «jetzt reichts!»

Sind Sie Feminist?
In allererster Linie bin ich Mensch mit gesundem Menschenverstand. Wenn ich meine Tätigkeit als Juror bei DSDS da als Beispiel nehme, bedeutet das: Es ist mir völlig egal, ob da ein Mann oder eine Frau vor mir steht. Es kommt nur drauf an, ob er oder sie was draufhat und mich mit seinem Gesang und seiner Performance überzeugt! Ich bin in jeglichen Lebenssituationen für Gleichberechtigung.

Und dieses Bad-Guy-Image, das Sie haben?
Das ist einfach falsch, wie sich das darstellt. Am Bildschirm sieht man nicht, wie es zu manchen Situationen gekommen ist. Sie streiten mir das wahrscheinlich ab, aber ich bin ein extrem harmoniebedürftiger Mensch. Wir sitzen bei DSDS vielleicht 14 Stunden da, und es kommt ein mieser Sänger nach dem andern, und jeder denkt, er sei Robbie Williams. Oder es kommen irgendwelche Vollidioten und beleidigen einen nonstop.

«Wenn da irgendwelche Mädels was sagen und einen beleidigen, das stimmt, dass ich da auch mal was zurückgebe, dass auch mal ein Schimpfwort fällt ...»

Heute beschweren sich die Leute ja, dass ich viel zu nett sei. Schauen Sie auf Instagram, ich habe 1,3 Millionen Follower, das ist die Realität. Früher war DSDS krass, da kamen Leute, die wollten mir körperliche Gewalt antun, die musste mein Bodyguard umhauen. Vor einer Woche war wieder ein Typ auf meinem Grundstück, der einfach bekloppt war, der in mein Haus einbrechen wollte und Stühle in meine Fenster schmiss. Irgendwann kommt der Punkt im Leben, wo man sich wehren muss. Wenn da irgendwelche Mädels was sagen und einen beleidigen, das stimmt, dass ich da auch mal was zurückgebe, dass auch mal ein Schimpfwort fällt ... Es hat alles immer zwei Seiten.

Es gibt ein Video, in dem Sie den Bundeskanzler mimen. Sie stellen drei Forderungen: 1. Freibier für alle. 2. Höhere Löhne für Lehrer und Pflegepersonal. 3. Einen neutralen Status für Deutschland, wie die Schweiz ihn hat, sowie die Abschaffung der Bundeswehr. Was davon ist ernst gemeint?
Das war in einer Pause während des «Das Supertalent»-Drehs, da darf man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Das ist Comedy. Manche Dinge meine ich ernst, manche nicht. Das mit dem Freibier, das ist ein Scherz. Was war die zweite Forderung?

Höhere Löhne für Lehrer und Pflegepersonal.
Das finde ich auf alle Fälle. In Deutschland sind sie chronisch unterbezahlt. Altenpfleger, Krankenschwestern und so müssten viel mehr Gehalt kriegen. In der Schweiz ist das viel besser geregelt, ich habe gehört, was Krankenschwestern in der Schweiz verdienen können. Das ist super geregelt, besser als bei uns. Was war die dritte Forderung?

«Ein neutraler Status für Deutschland, wie die Schweiz ihn hat, würde viele Dinge viel leichter machen.»

Ein neutraler Status für Deutschland, wie die Schweiz ihn hat.
Das fände ich persönlich … es würde viele Dinge viel leichter machen.

Wenn Deutschland aus der EU austreten würde wie Grossbritannien?
Ne, nein, also das natürlich nicht. Aber so ein neutraler Status … jetzt ist alles so stressig, es brennt auf der Welt ja überall.

Sorgt Sie das?
Natürlich.

Was genau sorgt Sie?
Uff, also alles. Zum Beispiel Brasilien, da brennt der ganze Regenwald ab. Alle sprechen viel und niemand tut was. Brexit, Trump, ich finde, da ist sehr viel Unruhe. Ihr Schweizer habt es besser, ihr haltet euch aus allem raus. Auch eure Volksabstimmungen, ob da eine Laterne stehen soll oder nicht und ob ihr ein Kampfflugzeug bestellen wollt: Das finde ich klasse, das ist angewandte Demokratie. Ich liebe ja die Schweiz, auch die ganze Steuergesetzgebung. Das würde ich mir für Deutschland partiell auch wünschen, ihr macht da einfach ein paar Sachen richtiger.