01. April 2005 11:46; Akt: 01.04.2005 11:55 Print

«Medien-Metzger» Raab muss nicht zahlen

TV-Moderator Stefan Raab muss nicht 90 000 Euro Schmerzensgeld an eine Mutter aus Frankfurt zahlen. Das Berliner Landgericht entschied, dass die Darstellung der Frau in der ProSieben-Sendung «TV total» im September 2004 eine zulässige Satire war.

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Die Klägerin weinte viel. Sie weinte vorm und im Gerichtssaal, und immer wieder richtete sie ihren Blick Hilfe suchend auf ihren Ehemann. Der Grund für die Tränen war am Donnerstag nicht ins Landgericht Berlin gekommen. TV-Moderator Stefan Raab hatte die 28-jährige Frankfurterin im September in seiner Show «TV total» als Drogendealerin verspottet. Daraufhin verklagte ihn die gebürtige Türkin auf 90.000 Euro Schmerzensgeld. Nach dem Urteil gab es wieder Anlass zur Traurigkeit: Das Gericht wies die Klage ab.

Bei dem Verfahren vor der Pressekammer des Landgerichts ging es nicht nur ums Geld. Die Frage war auch, wie weit Raab in seiner Sendung gehen darf, wo die Satire aufhört und der persönliche Angriff beginnt. «Seit zumindest vier Jahren hat Stefan Raab absolute Narrenfreiheit», sagte der Anwalt der Klägerin, Frank Roeser. Unschuldige Menschen würden bei «TV total» auf «dem Medienaltar geschlachtet».

Raab sei ein «Medien-Metzger», die Verleihung des Grimme-Preises an den 38-Jährigen beschämend, sagte Roeser weiter. Der Vorfall sei «eine der schwersten Persönlichkeitsverletzungen, die das deutsche Medienrecht jemals erlebt hat». Hätte Raab das gleiche Spiel mit einem Prominenten getrieben, wäre eine Verurteilung gewiss, war sich Roeser sicher.

Verwechselung ausgeschlossen

Das Gericht sah das anders. Die Persönlichkeitsrechte der Klägerin seien nicht so schwer verletzt worden, dass eine Forderung in Höhe von 90.000 Euro gerechtfertigt sei, urteilten die Richter nach Angaben einer Sprecherin. Niemand habe nach der Sendung ernsthaft davon ausgehen können, die junge Mutter sei wirklich eine Drogendealerin.

Raab hatte in «TV total» Bilder des Hessischen Rundfunks gezeigt, auf denen die Klägerin bei der Einschulung die Schultüte ihrer Tochter hält und diese mit den Worten kommentiert: «Unfassbar, oder? Die Dealer tarnen sich immer besser.» Das sei durch den Kunstbegriff geschützte Satire, verteidigte sein Anwalt Heiko Klatt die Vorgehensweise und lag damit auf der Linie des Gerichts.

Der Witz sei doch gewesen, von der Schultüte auf einen Joint - von Klatt brav «Marihuana-Zigarette» genannt - zu schliessen, sagte Klatt. Eine tatsächliche Verbindung zwischen Schul- und Hasch-Tüte herzustellen, sei «völlig absurd». Ausserdem sei Raab nur der Moderator - «nicht mehr, aber auch nicht weniger» -, die Auswahl der Filmbeiträge werde von der Redaktion getroffen. Roesers Vorhaltung, nur der Hessische Rundfunk hätte das Recht am Bild gehabt, wies er zurück.

Berufung möglich

Da «TV total» bundesweit ausgestrahlt wird, hatte sich Roeser gemäss Zivilprozessordnung den Gerichtsort aussuchen können. Er wählte Berlin, weil «die Pressekammer in Berlin einen ausgezeichneten Ruf hat», wie er vor der Verhandlung erklärte. Dabei ist es unter Anwälten kein Geheimnis, dass Gerichtsorte auch danach ausgesucht werden, wo die Erfolgschancen vermeintlich am besten sind.

Möglicherweise kann die Klägerin jedoch bald wieder lachen. Denn eine Berufung ist möglich, ihr Anwalt kündigte vor Prozessbeginn an, diese Möglichkeit notfalls wahrzunehmen. Und er hat in einem anderen Fall schon einmal gegen Raab gewonnen. Im Februar 2004 sprach das Oberlandgericht Hamm einer Essener Schülerin Schadenersatz in Höhe von 70.000 Euro zu, nachdem Raab sie ebenfalls verhöhnt hatte. Der Moderator wehrte sich bis hin zum Bundesgerichtshof durch alle Instanzen, blieb aber erfolglos.

(ap)